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Re: Immernoch Meinungsfreiheit

Dominius schrieb am 16. Februar 2016 15:42

> van Grunz schrieb am 16. Februar 2016 15:29

> > Doch, das ist sie, zumindest im politischen und damit auch
> > journalistischen Sinne. In der Wissenschaft ist sie schon lange durch
> > deren Ökonomisierung angekommen.
> >
> Wurden Compact-Magazin, "Deutsche Stimme", "Blaue Narzisse", "Junge
> Freiheit" und "Sezession" jetzt verboten? Habe ich das irgendwie
> verpasst?

Nein, Du hast nichts verpaßt. Natürlich hast Du Recht, wenn Du sagst,
daß Meinungsfreiheit damit begründet wird, daß sie von Staates wegen
nicht verboten wird. Die Zensur allerdings findet in den Köpfen der
Leute im Vorfeld statt, analog zum Krieg. Erst jahrelange
Konditionierung (vor allem seitens der Presse; manche haben sogar ein
eigens dafür gedachtes "Propaganda-Ministerium" gegründet) machen
dann Grundrecht-einschneidende wie endgültige Entscheidungen erst
möglich. Man kann genauso wenig einen Krieg mit einer pazifistischen
Gesellschaft heraufbeschwören, wie man Meinungsfreiheit nicht
eleminieren kann, solange es noch Leute gibt, die für sie kämpfen.

Diesen Mechanismus konnte man sehr schön am Vietnam-Krieg erleben.
Als die breite Öffentlichkeit die grausamen
Menschenrechtsverletzungen ihrer Soldaten mitbekam, schwand auch die
Bereitschaft, weiter an diesem Krieg festzuhalten. So mancher
Politiker soll sich geschworen haben, diese Szenarien in Zukunft
nicht mehr passieren zu lassen. Wer befürwortet etwa den Irak-Krieg,
wenn die Presse zeigte, wie Menschen von einer Apache-Bordkanone
übelst zerfetzt wurden? Die Kunst der Medien heutzutage ist die
Verschleierung der Wahrheit.

> Und Wissenschaft im Kapitalismus war schon immer an Kapitalinteressen
> ausgerichtet.

Es gibt immer noch die staatlich geförderte und damit weitgehend
unabhängige Forschung, die aber mehr & mehr von der Wirtschaft
übernommen wird. Fallen staatliche Mittel ganz weg, ist die
Wissenschaft keineswegs mehr unabhängig.

> > Letzteres definiert sich sehr genau über die Art der Konsequenzen.
> > Mit solchen Aussagen relativierst Du die Diskriminierung
> > Andersdenkender.
>
> Gut, da habe ich mich wohl unklar ausgedrückt:
> Eine Meinung zu äußern, befreit nicht von möglicher Kritik.

Dem stimme ich zu.

> Und wenn
> Leute mit der Person, die eine solche Meinung nichts mehr zu tun
> haben wollen, dann müssen sie das auch nicht. Fristgerechte
> Entlassungen oder Rauswürfe aus Fraktionen sind auch im legalen
> Rahmen.

Da spielt aber mehr mit als nur die Meinungsfreiheit. In Fraktionen
etwa ist die Gesinnung ganz wichtig (mit ein Grund, warum ich mich
bisher nicht für die Mitgliedschaft in einer Partei entscheiden
konnte).

> Lanz ist doch ein Depp und diese Sendung würde ich mir nichtmal
> anschauen, wenn ich dafür bezahlt werden würde.

Ich habe es mir einmal angetan, und ich fand es, salopp gesagt, unter
aller Sau, wie er der Wagenknecht ständig ins Wort fiel und ihr etwas
unterstellen wollte, was gar nicht ihr Anliegen war. So etwas in
einem öffentlich-rechtlichen Sender? Das ist ein Skandal, wird aber
scheinbar nicht als solcher wahrgenommen.

> Dagegen sind die
> politischen "Talkrunden" geradezu Hochkultur. (Und gut sind die auch
> nicht.)

Sie sind alle gesteuert (durch Selektion der Gäste, durch den
Moderator und der Vorgabe der Themen-Linie) und haben das Ziel,
andere Meinungen zu diskreditieren. Ich schaue schon sehr lange kein
Fernsehen mehr, und wenn ich es dann doch mal tue wie bei Lanz, dann
sehe ich nur noch einen immer größeren Zerfall menschlicher Werte.

> > Du mußt Dir nur einmal anschauen, was mit den ganzen hochrangigen
> > Nazis nach dem 2. Weltkrieg geschehen ist. Diese wurden nicht etwa
> > alle in den Knast gesteckt, nein. Sie arbeiteten weiter als
> > Polizisten (sic!), im Geheimdienst (sic!) etc.. Deren braunes
> > Gedankengut infiltrierte auch die Anti-Kriegs-Laune, und es pflanzte
> > sich generationsübergreifend fort. 
> >
> Ich weiß, darum gibt es ja auch die Rede vom "postfaschistischen
> Deutschland".

Momentan sind wir eher wieder in einer prä-faschistischen Phase. :/

Interessant sind auch Umdeutungen. So wird Faschismus gerne mit
Populismus kaschiert.

> Eine Aufarbeitung damit wäre mal spannend, gibt es aber
> kaum. Da war selbst die DDR weiter, wenn auch nicht ganz ohne Fehler.
> (Einige Nazis haben es auch dort geschafft.)

Eine Aufarbeitung ist nur möglich, wenn man konsequent gegen die
alten Zöpfe, die wir seit 1945 ständig mit uns herumschleppen,
endlich mal abschneiden könnten.

> > Warum wählen denn die Leute wieder sowas wie AfD? Gerade der
> > Journalismus leistet hier einen großen Beitrag, subtil den Faschismus
> > wieder unter die Leute zu bringen.
> >
> Kannst du das näher erläutern?

Leider finde ich den Artikel gerade nicht, auf den ich mich beziehe,
aber sinngemäß sei gesagt, daß die Flamme des Faschismus nie ganz aus
den Medien verschwunden ist. Das kann man beispielsweise sehr gut an
Axel Springer's "BILD" festmachen. Da wurden immer wieder Hitler,
Wehrmachtsoffiziere oder "Juden-Gold" thematisiert -- aus meiner
Sicht völlig unnötig und fast schon verharmlosend. Aber auch in den
anderen Medien wird gerne über faschistoide Züge von Artikeln hinweg
gesehen, während linke Positionen energisch bekämpft werden.

Ich sehe gerade, daß es hierzu ein Interview von Rainer Mausfeld auf
den NDS gibt, wo auch sein Video "Warum schweigen die Lämmer"
verlinkt wurde:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=30286

Damit ist im Grunde auch das Argument mit der freien Wissenschaft
behandelt.

> > Stelle er eine Anfrage bei einer beliebigen Sprechrunde im
> > deutschsprachigen Fernsehen, vorzugsweise bei Markus Lanz, am besten
> > mit einem Kriegsthema. Dort vertrittst Du dann pazifistische
> > Standpunkte. Ich wünsche viel Spaß... ;-)
> >
> Mein Ziel ist es ja, irgendwann in so einer Talkshow zu sitzen und
> dann einer unsympathischen Person so richtig in die ... naja, du
> kannst es dir denken ;). Da nehme ich auch die darauf folgende
> Anzeige gerne auf mich.

Ich spende schonmal für Deinen Verteidiger. ;-)

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