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376 Beiträge seit 15.09.2015

Re: Das Kapital bahnt sich seinen Weg

Karoma schrieb am 08.06.2017 17:31:

rocketeer_87 schrieb am 08.06.2017 09:34:

> Die Leitzinsen sind bei Null oder knapp darunter. Man beachte die Entwicklung des
> Leitzinses der FED seit den 80ern bis heute, hier einzusehen:

> http://go.guidants.com/q/db/bb/1/ad61e9c9631ca8a.png

Was soll die unbeschriftete Graphik aussagen?

> Ist es nicht interessant, das die Grafik sogar auf die "Tumulte an den Märkten"
> verweist, nachdem die FED den Leitzins minimal angehoben hat? Jede Form von
> "Zins" wird als Belastung empfunden, denn einerseits wird das "Geld" (Kredite für
> Konsum und Investition etc.) damit teurer, andererseits neigt der Konsument dann eher
> zum Sparen als zum Konsumieren.

Liegt es vielleicht auch an sinkenden Löhnen, dass die Leute weniger sparen?

> Fakt ist: Je höher der (Leit)Zins aktuell ist, desto negativer wirkt sich das auf die
> Wirtschaft aus.

Wenn der Markt es hergibt, sind auch hohe Zinsen kein Problem. Werden jedoch abrupt die Zinsen stark erhöht, so wie es die Deutsche Bundesbank Anfang der 1990er Jahre machte, so hat das in der Tat einen Einfluss auf die Wirtschaft.

> Irgendwann wird das System dann auch für den Endkonsumenten negative Zinsen
> ermöglichen (gibt es ja schon unter den Banken), im Sinne von "Wehe du konsumierst
> nicht!!!" Man wird dann dafür "bestraft", wenn man sein Geld auf sein Konto bringen
> will. Der Hintergedanke eines negativen Zinssatzes ist ja geradehin der, permanent zu
> konsumieren. Immerzu, hauptsache die Wirtschaft läuft irgendwie. Fressen bis man
> platzt, sozusagen...

Nein, "Fressen bis man platzt" muss es mitnichten.

> Im Jahr 2014 betrug also das Verhältnis von Schulden zu BIP (global) in etwa den
> Wert 3:1 (!). Daraus kann man auch den Schluss ableiten, dass nur einem Drittel der
> aufgenommenen Verschuldung auch eine "reale" Wertschöpfung ggü. steht. Oder
> anders formuliert: 2/3 aller Waren (und somit 2/3 aller Jobs) basieren auf FIAT-Money,
> herbeifantasierten Werten, kurzum: auf Schulden bar jeglichem realen Gegenwert.

Was durch Steuersenkungen, -oasen, etc. ermöglicht wurde.

> Die Arbeitslosigkeit, gerade in den europäischen PIGS-Staaten und den USA ist auf
> hohem oder sehr hohem Niveau:

Eine Folge des Einbruchs der Wirtschaft unter anderem aufgrund der Austerität.

Btw. die Arbeitslosigkeit von Deutschland in der Graphik entspricht nicht der Realität, da sehr viele herausgerechnet werden.

> und für die USA:

Hier die Entwicklung des Anleihenankaufprogamms ("Quantiative Easing") der EZB:

> https://www.tagesgeldvergleich.net/veroeffentlichungen/bildmaterial/entwicklung

> und die Entwicklung der Leitzinsen und der Verbraucherpreise:

> https://www.drklein.de/fileadmin/images_drk/privatkunden/allgemein/_ueber-drklein

> Dass die Verbraucherpreise fallen, die Wirtschaft aber nur noch mit Ach und Krach
> aufrechterhalten werden kann, lässt auf eine Deflation schließen. Ironischerweise wird
> aber immer mehr Geld in die Märkte gepumpt, was eigentlich zu einer Inflation führen
> müsste, da nun mehr Geld am Markt ist und die Preise dadurch steigen sollten. Das
> Kapital kommt aber nur häppchenweise in der Realwirtschaft an, da die Profite im
> Finanzbereich wesentlich höher ausfallen als in der Realwirtschaft . Letzteres liegt
> wiederum an der massiv gestiegenen und immer weiter steigenden Produktivität,
> eingeläutet durch Taylorismus und Fordismus, dann weitergeführt durch die
> beginnende mikroelektronische "Revolution" (Rationalisierung) seit den 70ern und
> wird ihren nächsten Höhepunkt in der Realisierung von Industrie 4.0 finden:

Vielmehr liegt es an den massiven Lohnkürzungen seit den 1990er Jahren und insbesondere nach Einführung des Euros mittels Hartz IV, die massiven Steuersenkungen bspw. hoher Einkommen, dem seit über 30 Jahren andauernden Monetarismus, Abbau der Sicherungen im Bankensektor, die in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach der Weltwirtschaftskrise eingeführt wurden, etc.

> Und da der Wettbewerbsdruck gerade durch die Globalisierung immer stärker
> anwächst, wird die einzelnen Marktsubjekte zu immer höherer Produktivität
> gezwungen, um noch konkurrenzfähig zu bleiben und profitabel zu wirtschaften. Das
> führt langfristig natürlich dazu, dass die Preise für herzustellende Produkte tendenziell
> immer stärker abfallen.

Sie müssen mitnichten immer stärker abfallen.

> Im Weiteren wird natürlich auch die Umwelt massiv zerstört werden müssen:

Die Umwelt muss auch nicht massiv zestört werden müssen.

> Durch die steigende Produktivität kann ein Stück einer Ware immer billiger
> (Output/Input) hergestellt und verkauft werden. Um profitabel zu bleiben muss also bei
> gleichzeitig sinkenden Kosten immer mehr verkauft bzw. produziert werden.

Es reicht schon, wenn die Löhne mit der Produktivität mitwachsen.

> Andererseits werden die Ressourcen des Planeten immer stärker verkonsumiert.
> Zynischerweise verkonsumieren wir HEUTE die Ressourcen unserer Kinder und
> Enkelkinder; ein Kredit ist ja nichts anderes als der HEUTIGE Zugriff auf Rohstoffe
> bzw. Waren, deren "realer" Wert erst in Zukunft zurückertwirtschaftet werden muss. Wir
> "vergegenwärtigen" also die Zukunft und leben schon seit Jahrzehnten WEIT übe
> unsere Verhältnisse.

In Deutschland gemessen an den Exportüberschüssen leben wir unter unseren Verhältnissen. Und durch konsequentes Recycling als auch Entwicklung langlebiger Produkte können sehr viele Rohstoffe gespart werden.

[...]

Es sind halt die Randbedingungen. Und diese werden politisch gesetzt. Nur die Politik weigert sich, ihren Part zu spielen.

Nichts für ungut, aber jede Antwort habe ich in meinen vorhergehenden Post widerlegt - insbesonder die fallenden Löhne einerseits als auch der "tendenzielle Fall der Profitrate" andererseits lassen sich eben durch die (Ir)Rationalität der betriebswirtschaftlichen Verhaltensweise (Umsätze rauf, Kosten nach unten) verifizieren. Genügend angesehne "Ökonome", wie z.B. Krugman, schreiben den Kap ja auch mehr oder weniger ab.

Und die Umweltzerstörung schreitet schon seit Dekaden unaufhaltsam voran, meine Grafiken am Ende des Textes (Verbrauch von zwei Erden 2030 etc.) beweisen das ja ebenfalls. Und wenn wir nicht permanent "fresse"n kollabiert das System, ganz einfach. Kap. Wirtschaften beruht nunmal auf Angebot und steter Nachfrage. Die Diskrepanz zwischen stagnierenden bzw. fallenden Löhnen und einem Überangebot an Produkten am Markt (der massiven Produktivität der letzten Dekaden geschuldet) führt einerseits zum Preisverfall (s. Verbraucherpreise) und andererseits zu massiven Verschuldungen im öffentlichen wie privaten Sektor (Quantitative Easing, neutraler bis negativer Leitzins etc.)

Die Zunahme an der Geldmenge (wurde ebenfalls dargestellt) führt letztlich zur Bildung einer Liquditätsblase, die früher oder später in einer massiven Entwertung und u.U. in eine Hyperinlfation münden kann/muss.

Am Aussagekräftigsten sind wohl die ökologischen Kennzahlen. Der Kap ist aufgrund seiner Systemlogik zu einem unaufhaltsamen WIrtschaftswachstum gezwungen. Daraus folgen zwei kritische Probleme:

(1) Kann ein permanentens (unendliches) Wachstum, selbst im niedrigsten Prozentbereich, nicht ewig aufrechterhalten werden: Wir haben nun mal nur eine Erde mit begrenzten Ressourcen. Die Tatsache, dass die paar Industriestaaten für einen massiven Ressourcenverbrauch verantwortlich sind, lässt einen ja schon schlucken. Dass sich dieser Verbauch auf aktuell ca. 1,5 Erden (!!!) beläuft und immer mehr werden MUSS zeigt ja, wie irrational und unökologisch dieses Wirtschaftssystem ist. Diese Ausbeutung der Natur und der Mensch MUSS zwingend in einen Kollaps führen - früher oder später. Entweder ökologisch oder ökonomisch.

(2) Selbst wenn das Wachstum global nur (sagen wir mal) jährlich 1,5% beträge, dann hätten wir dennoch ein exponentielles Wachstum vorliegen! Ergo müssen wir immer schneller immer mehr Ressourcen verbrauchen, um den Golden Kalb der Kapitalakkumulation unser Opfer darzubringen. Ein "Null-Wachstum" ist einfach nicht möglich, genauso wenig wie ein "Qualitatives Wachstum" und wie dieser ganze Schmarrn sonst noch bereinigt werden soll.

Bevor ich mir hier den Mund fusselig rede bzw. die Finger blutig tippe, empfehle ich mal die Artikel von Konicz zu lesen... Oder die von Robert Kurz... Und zum Einstieg bzw. als "ice breaker" ist folgender Artikel besonders zweckdienlich und leicht konsumierbar (es sind nur 5 Seiten, aber die bringen es ziemlich auf den Punkt; ich kann es nur empfehlen zu lesen):

https://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/VerloreneUnschuldProduktivitaetBlocksatz.pdf

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