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Der "Wille zur Macht" erklärt nichts!

Irwisch schrieb am 29. März 2005 15:52

> > Ist nicht jede ausgeübte Macht eine (versuchte) Realisation
> > bestimmter vorhergehender Vorstellungen (Träume)? Auch wenn sie
> > nachher im Machtbesitz meist pervertiert werden, sind doch die
> > (früheren) Ideale der eigentliche Antrieb zum Streben nach Macht.

> Man sollte hier erstens unterscheiden zwischen dem individuellen bzw.
> persönlichen Machtbereich, der mit den eigenen Kräften machen will,
> und dem "Trieb", Macht über andere auszuüben, um sich vor früh
> erlebten Hilflosigkeits-, Ohnmachtsgefühlen zu sichern. Diese
> Zusammenhänge zu begreifen ist nicht möglich ohne über das allgemeine
> Verständnis hinausgehender psychologischer Weiterbildung,
> insbesondere der Erkenntnis und Transzendenz eigener früher
> Ohnmachts-Erlebnisse.

Die Anwendung des "Macht"-Paradigmas von Nietzsche, Adler, u.a. auf
alle möglichen Gewaltformen von der Vergewaltigung bis hin zum
Faschismus vernachlässigt doch, dass das, was die Gewalttäter
erreichen wollen, nicht das selbe sein kann, wie die Mittel zur
Erreichung des Angestrebten.

Also, a) die Anwendung von Macht - genauer: von Machtmitteln! - b)
zum Zwecke der Erreichung bestimmter Ziele, die selbst nicht durch
das "Macht"-Paradigma erfasst werden können, - das sind zwei
verschiedene Dinge.

Die durch die Anwendung bestimmter Machtmittel anvisierten Ziele sind
darüber hinaus nicht nur etwas anderes als Macht, sondern als
spezifische (!) Ziele der Grund für die Anwendung bestimmter Mittel.

So sind die Ziele eines Vergewaltigers durchaus sexuell, die Ziele
der Faschisten sind durchaus ökonomisch, etc.

Diese jeweils spezifischen Ziele lassen sich aber durch "Macht" kaum
in einen Topf werfen.

> Man sollte sich zweitens generell nicht von Worten verwirren lassen,
> insbesondere nicht von jenen, die zwar Gleichheit vorgeben, bei
> genauerer Betrachtungsweise aber verschiedene Dinge bezeichnen. So
> besteht z.B. ein grundlegender Unterschied zwischen der Aggression
> zur reinen Verteidigung in realen Gefahrensituationen und der
> nervösen Aggression, die schon im Vorfeld sich durch neurotischen
> Angriff abzusichern sucht. Ebenso verhält es sich mit dem Begriff
> "Macht" und vielen anderen, deren unreflektierte Verwendung heute zur
> allgemeinen Verwirrung und Verdummung beitragen.

> Irwisch (heute mal wieder sprachkritisch)

Das ist sprachlich eher unklar.

Im einen Fall dient "Aggression" einem bestimmten Zweck, nämlich der
"Gefahrenabwehr".

Im zweiten "neurotischen" Fall sichert die Aggression sich selbst,
wobei der Zweck verloren geht.

Macht um der Macht willen - dies ist eine völlig undifferenzierte und
untaugliche Konzeption zur Erklärung des Faschismus in einer
bestimmten historischen und ökonomischen Situation.

Der Faschismus als angebliches "Erziehungsproblem" - eine solche
"Erklärung" verschleiert die Hauptsache dieser bürgerlichen
Diktaturform zwecks Zerschlagung der Arbeiter- und revolutionären
Bewegung und zur Rettung des bürgerlichen Klassenverhältnisses.

Oder um es mal anders auszudrücken: Die Identifikation der
faschistischen Bewegungen mit der kapitalistischen Ordnung und ihren
Institutionen bedarf einer ebenso spezifischen Erklärung wie sie
diese spezifische Identifikation selbst darstellt!

Karl, der displayer

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