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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Wir leben in einer autoritären Gesellschaft

Der Titel meines Beitrags mag für viele provokativ klingen,
insbesondere für jene, denen die autoritären Momente unseres Systems
und vergleichbarer Gesellschafts-Systeme im großen & ganzen entgehen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich zu Anfang den Begriff
autoritär etwas eingehender behandeln. Grob gesagt bezeichnet
autoritär relativ starre Befehlsstrukturen und Hierarchien. Der
autoritäre Mensch sieht seine jeweilige Kompetenz in erster Linie
durch seine jeweilige Position auf der Hühnerleiter gegeben und nicht
durch seine Fachkenntnis. Der autoritäre Charakter, wie ihn
beispielsweise Erich Fromm in "Anatomie der menschlichen
Destruktivität" beschreibt, ist der normale, angepaßte
Zwangscharakter, entstanden durch die Nicht-Berücksichtigung
elementarer seelischer Zusammenhänge während seiner Erziehung. So
werden Kinder auch heute noch viel eher dressiert als erzogen, will
heißen, durch Strafe und Angstmache zum gewünschten Verhalten bewegt
statt durch Überzeugung. Alfred Adler hat in seiner frühen Schrift
"Über den nervösen Charakter" (1912) berreits fünf Grundprinzipien
für die Kindererziehung aufgestellt, die noch heute weitgehend
verletzt werden. Das Resultat sind entmutigte, geschwächte Menschen,
die alles ihnen Erreichbare zur Kompensation ihrer Schwächen
heranzuziehen gezwungen sind.

1. Nachweisbar fehlt es noch heute den meisten Kindern an der nötigen
Liebe und Zuwendung, sprich an der Zeit und Intensität, die ihre
Eltern für sie aufwenden.

2. Kinder werden auch heute noch systematisch entmutigt. Kindlicher
Eigensinn muß nach Ansicht der meisten Erwachsenen gebrochen werden,
wo dieser Eigensinn doch nur der sich entwickelnde Drang zur
Selbständigkeit darstellt. Wohlverhalten um jeden Preis scheint heute
mehr denn je weitaus wichtiger als persönlicher Mut und
Selbstvertrauen.

3. Gehorsam wird noch heute weitgehend erzwungen, so daß es den
Kindern meist nicht möglich ist, einen eigenen freien Willen zu
entwickeln. "Dabei muß jeder unverständliche Befehl, jedes ungerecht
erscheinende Verlangen vermieden werden. Sie erschüttern das
Zutrauen." (Adler)

4. Den meisten Kindern wird noch immer Furcht vor ihren Erziehern
vermittelt. Es sind letztlich die Hilflosigkeit und Unfähigkeit der
Erwachsenen, der Eltern und Erzieher, die sie zu solchen Mitteln
greifen lassen wie Drohungen und Strafen bei jeder sich bietenden
Gelegenheit.

5. Gerade in jenen Kreisen, die von der NPD rekrutiert werden, ist
die elterliche Prügelstrafe noch immer sehr weit verbreitet.
Untersuchungen in Gefängnissen haben ergeben, daß Strafe niemals
resozialisierend oder erziehend wirkt, sondern letztlich das
Ehrgefühl schädigen und somit zu weiterem Ungehorsam gleichsam
verpflichten. "Je mutiger das Kind ist, um so weniger wird es lügen."
(Adler)

Peter Widmann sagt im Interview:
> "Drittens, und damit kommen wir zu einer grundsätzlicheren Überlegung, ist die Vorstellung
> von einer autoritär geordneten, homogenen Gesellschaft offensichtlich für viele Wähler ansprechend,
> insbesondere für solche, die über eine geringe formale Bildung verfügen. Die Analysen zeigen,
> dass die Rechten gerade von jungen, schlecht ausgebildeten Männern gewählt werden,
> die hier ihre traditionellen Rollenbilder und ihre Vorstellungen von Männlichkeit wiederfinden."

Das ist zwar relativ ungenau, aber nichtsdestoweniger zutreffend. In
"besseren" Kreisen gehört es einerseits zum guten Ton, nicht rechts
zu wählen, andererseits sind gebildete Akademiker in der Regel durch
ihre Bildung zumindest teilweise davor geschützt, auf allzu
offensichtliche Demagogie hereinzufallen. Dennoch schützt
bekannterweise Intelligenz nicht vor Dummheit bzw. dummem Verhalten,
aber das ist eine andere Geschichte.

Gerade die Unterschicht unserer Gesellschaft hat unter den
autoritären Strukturen am meisten zu leiden, weil diesen Menschen die
wenigsten Möglichkeiten zur Kompensation ihrer Hilf- und
Machtlosigkeit gegeben sind. Es sei in diesem Zusammenhang darauf
hingewiesen, daß Hitlers NSDAP den größten Zulauf aus der Schicht des
damaligen unteren Mittelstandes verzeichnen konnte. Diese Menschen,
zumeist kleinere Angestellte und Kleingewerbler, definierten ihre
Position in der gesellschaftlichen Hierarchie durch die "unter" ihnen
stehenden Arbeiter, gegenüber denen sie sich als etwas "besseres"
fühlen konnten. Durch die damalige Arbeiterbewegung erhöhte sich
jedoch das Ansehen der Arbeiter immens, so daß sich in den Kreisen
der unteren Mittelschicht die unbewußte Angst breitmachte, bald
niemanden mehr zu "haben", auf den man herabsehen könnte. Hitler gab
genau diesen Menschen durch die Macht, die er ihnen im Zusammenhang
mit einer Mitgliedschaft in seiner Partei verlieh, Auftrieb und somit
ihr falsches Selbstwertgefühl zurück. Im Grunde tut die NPD nichts
anderes als damals die NSDAP, indem sie Macht- und Hilflosen Macht
verspricht.

"Das Bewußtsein des Menschen, in einer seltsamen, übermächtigen Welt
zu leben, und sein daraus entspringendes Gefühl der Ohnmacht könnten
ihn leicht überwältigen. Wenn er sich als völlig passiv, als bloßes
Objekt erleben würde, so würde er seinen eigenen Willen, seine
Identität nicht empfinden. Um dies zu verhindern, muß er das Gefühl
erwerben, daß er fähig ist, etwas zu tun, jemand zu etwas zu bewegen,
einen 'Eindruck zu hinterlassen', oder, um es mit dem treffendsten
Wort auszudrücken: er muß 'effektiv' sein, das heißt, es muß
'wirken'." (Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität,
Kapitel 10.8)

Widmann:
> So ist es der NPD auch gelungen, tief in die Jugendkultur einzudringen. Es wäre also viel zu
> einfach, das Ergebnis der Landtagswahl ausschließlich als Ausdruck einer Protesthaltung
> zu betrachten. Die Dinge liegen komplizierter, zumal wir es nicht - wie in früheren Jahren -
> mit einer Partei ohne Unterleib zu tun haben, bei der man sicher davon ausgehen konnte,
> dass sie sich durch offenkundige Inkompetenz und innere Streitereien selbst wieder aus
> dem Parlament manövrierte. Ich bezweifle ernsthaft, dass das jetzt wieder so sein wird.

In unserer heutigen Gesellschaft, in der alles Streben und Wirken der
Effizienz von Markt und Profit untergeordnet zu sein scheint, in der
sich das Individuum als Ware empfinden muß und demzufolge als
wertlos, wenn es keine "Käufer" (Arbeitgeber) findet, ist die Gefahr
ständig gegenwärtig, daß Krisenzeiten dazu genutzt werden, gewaltsame
Ausbrüche unterdrückter Energien zu bewerkstelligen. Wer offenen
Auges und Ohres durchs Leben geht, sieht eine zunehmende
Gewaltbereitschaft gerade unter den Jugendlichen, die
Lebensperspektive weder vermittelt bekommen noch erkennen können.
Gerade weil den meisten jungen Menschen wie auch dem Großteil der
Älteren wesentliche Zusammenhänge menschlichen Verhaltens und
menschlicher Gesellschaften nicht geläufig sind, sind sie nicht in
der Lage, ihre Perspektivlosigkeit zu überwinden. Auf dieser relativ
primitiven Entwicklungsstufe befindliche Menschen neigen gewöhnlich
dazu, einen Schuldigen für ihr persönliches Elend zu suchen und auch
zu finden, weil ihnen die wahren Ursachen verborgen bleiben. Hier
liegen die Motive u.a. für die besonders in Deutschland weit
verbreitete Xenophobie ebenso wie für die zunehmende
Gewaltbereitschaft.

Peter Widmann zur Verschärfung des Versammlungsrechts:
> Ich halte sie für einen Fehler. Das Ziel der Rechtsextremen ist es, die Freiheit zu zerschlagen,
> und die demokratischen Parteien nehmen diese Beschneidung der Grundrechte jetzt im
> Kleinen vorweg. Es hat doch keinen Sinn, dass ich mir - aus Angst, jemand könne mir
> Arme und Beine amputieren - prophylaktisch schon mal einen Finger abhacke. Wir können
> es aushalten, wenn ein paar Skinheads durchs Brandenburger Tor marschieren, und diese
> Gesellschaft sollte vor allem deutlich machen, dass sie sich nicht provozieren lässt.

Hier kann ich Herrn Widmann nur zustimmen: die autoritäre
Unterdrückung rechtsextremistischer Strömungen stärkt letztere, weil
sie den Druck im Dampfkessel der unterdrückten und perspektivlosen
Neo-Nazis weiter erhöht: Druck erzeugt Gegendruck. Leider gibt es
bisher in Deutschland nur sehr wenige Konzepte und deren
Verwirklichung zur Resozialisierung beispielsweise junger aggressiver
Skinheads ...

Irwisch

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