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1 Beitrag seit 21.10.2006

Wie man Recht haben und trotzdem im Unrecht sein kann

Sie haben mit Ihren Kritikpunkten natürlich Recht - es wäre absurd
das Gegenteil zu behaupten. Trotzdem ist die Kritik in ihrer
Gesamtheit meines Erachtens illegitim.

Jemand, der/die so schreibt, muss Alternativen zu bieten haben -
bessere Alternativen. Informationskanäle, die "funktionieren", die
uns "das Wesentliche" näher bringen. Es tut mir herzlich leid, aber
ich kann diese nirgends sehen. Ich mache das jetzt mal am Standard,
einer der anspruchsvolleren österr. Tageszeitungen fest:

Wesentlich scheint heute zu sein, dass Liese Prokop - die bisherige
Innenministerin - gestorben ist. "Es interessiert" natürlich auch,
dass sie an einem Aorta-Riss gestorben ist und dass ihr Mann meint,
jede Kritik an den Rettungskräften wäre unfair - denn "was hätten sie
denn tun sollen". Nun, das ist natürlich äußerst wissenswert. Als
eben diese Innenministerin ein Gesetz erlassen hat, das die
Auslandsantragstellung für EhepartnerInnen von ÖsterreicherInnen aus
Drittstaaten fordert (auch von AsylwerberInnen!), flog ein
anscheinend sehr pflichtbewusster Nigerianer gen Heimat, um bei der
österr. Botschaft dort seinen Aufenthaltstitel zu beantragen und
wurde in seiner alten Heimat (aus der er geflohen war) umgebracht.
Ich weiß, dass Prokop einen Aorta-Riss hatte, ich hab aber keinen
blassen Schimmer wie dieser Nigerianer hieß und warum er wie ermordet
wurde. Warum? Jene, die Information für mich filtern, damit ich mich
in dieser komplexen Welt zurecht finde (dankeschön übrigens) haben
anscheinend beschlossen, dass der Tod einer österr. Politikerin
wesentlich ist und der Tod eines ihrer Opfer nicht. Gut.

Ich wollte ursprünglich mehrere Beispiele anführen, aber das wäre
einfach zu lang(weilig)...

Ich finde es billig, hier über eine neue Form der Berichterstattung
herzuziehen, besonders da diese ja wirklich noch in den Kinderschuhen
steckt. Die wesentliche Frage die sich stellt ist doch, wer
Information wie filtert. Ich denke nicht, dass die "Berichterstattung
von unten" auch nur annähernd ihren Zenit erreicht hat, ihr Potential
voll umsetzt.

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass diese Nicht-Filterung (die Sie
ja im Grunde kritisieren) immer weiter bestehen wird, dass wir in
einem Meer von Information untergehen und völlig planlos durchs Leben
laufen werden. Sobald sich mehr Menschen beteiligen, die Information
wirklich unüberblickbar wird, sobald wird auch die Frage auf der
Tagesordnung stehen, wie darüber entschieden wird, welche Artikel
besser und welche schlechter platziert werden. Erkennen Sie diesen
Prozess als solchen an und tun Sie nicht so als wäre es auch nur
irgendwie sinnvoll zum jetzigen Zeitpunkt darüber urteilen. Da
verbergen sich Chancen, die es zu nutzen gilt. Und ja - da gibt es
auch Gefahren.

Jede/r - wirklich jede/r - kann diese neue Art der Berichterstattung
zum jetzigen Zeitpunkt kritisieren, angesichts des frühen
Entwicklungsstadiums ist das ja auch nicht sonderlich schwer.

Sie kritisieren also die Kinderkrankheiten eines Prozesses. Aber was
genau soll das bringen? Zumindest Sie halten diese Gedanken
anscheinend für wesentlich... Für einige funktioniert der heutige
Informationsfilter eben - vorzugsweise für jene, die selbst Teil
dieses Filters sind.
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