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  • Irwisch

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Verklammerung = medial erzwungene Assoziation

Es ist erfreulich festzustellen, daß nun auch Rainer Mausfeld zu den Telepolis-Autoren gestoßen ist. Das wird die Diskussion darüber, wie wir in unserer Pseudo-Demokratie gelenkt und gesteuert werden, größtenteils ohne es auch nur im Ansatz zu bemerken, mit Sicherheit bereichern.

Mir erscheint in der massenmedialen Vermittlung angeblicher Zusammenhängen der Begriff der Verklammerung zentral. Rainer Mausfeld erläutert ja bereits, was er grundsätzlich bedeutet: Eine künstliche Verbindung von Prozessen und angeblichen Handlungsnotwendigkeiten oder auch die künstliche Produktion von Zusammenhängen, die im Grunde, wenn man genauer hinsieht, gar nicht oder nicht so wie dargestellt existieren.

Doch wie funktioniert die Verklammerung eigentlich? Was läuft im Individuum ab, wenn es Begriffe und Begriffsgebäude miteinander verbindet, ohne auf empirische eigene Erfahrungen damit zurückzugreifen?

Dazu müssen wir uns ein wenig mit der Psychoanalyse (PSA) bzw. mit der die PSA weitgehend bestätigenden Hirnforschung befassen. Wir gehen gewöhnlich davon aus, daß uns unser gesamtes Denken bewußt wäre, oder andersherum ausgedrückt: Wir können uns kaum vorstellen, daß außer den Gedanken, die wir bewußt wahrnehmen, noch andere in unserem Kopf existieren, die wir gar nicht mitbekommen. Ein Gedanke ist letztlich nichts anderes als ein symbolisch codierter Sinnzusammenhang. Sinnzusammenhänge werden durch das Wörtchen ist bzw. seine zahlreichen Äquivalente hergestellt: Dies ist das. Oder auch: Dies ist wie das. Dies ähnelt jenem. (Ähnlichkeit) Oder: Dies und das gehöret zur Kategorie X usw.

Solcherlei Sinnzusammenhänge sind in unserer Großhirnrinde gespeichert, ob wir nun bewußt daran denken oder nicht. Während sich ein Gedanke herauszuschälen beginnt, und noch bevor er uns vollständig bewußt wird, werden gespeicherte Sinnzusammenhänge abgerufen. Das geschieht auf Basis der zuvor bereits erfolgten Verknüpfungen, entfernt ähnlich wie bei SQL, einer Datenbank-Abfragesprache, aber weitaus komplexer. Diese Bereitstellung von vorhandenen Verknüpfungen geschieht unbewußt; wir kriegen sie also nicht mit, sondern eigentlich nur den daraus resultierenden Gedanken, den wir dann als unseren ureigensten Gedanken wahrnehmen.

Die meisten Verknüpfungen, die das Gehirn bzw. die Großhirnrinde (der Neokortex) herstellen, entstehen weitgehend vollautomatisch: Unser waches Bewußtsein ist daran kaum beteiligt, mit Ausnahme von Situationen, in denen wir ganz bewußt über unsere Assoziationen sinnieren und sie einer geflissentlichen Prüfung unterziehen. Da wir aber nur über einen einzigen Fokus verfügen – wir können nicht mehrere Gedanken oder innere Bilder gleichzeitig betrachten –, bleiben uns alle Assoziationen, die wir uns nicht bewußt machen, verborgen. So entstehen innere Widersprüche, die wir oft gar nicht bemerken, bis wir eines Tages mit ihnen konfrontiert werden, weil zwei konkurriende Gedanken unser Bewußtsein erreicht haben. Wenn wir z.B. einen Spielfilm im Fernsehen verfolgen, ist unser Fokus hauptsächlich auf die Handlung gerichtet. Mit Spannung verfolgen wir den Handlungsablauf, waren auf den nächsten Schock oder Kick und wirken äußerlich wie innerlich ziemlich erstarrt. Diese Erstarrung betrifft auch unsere Kritikfähigkeit in Bezug auf im Film quasi unterschwellig mitlaufende Botschaften. So wurde der US-Amerikanische Lifestile weitgehend unterschwellig in allen Hollywood-Filmen mitgeliefert und hat durch das Umgehen der kritischen Bereiche unseres Gehirns bei den meisten seiner Konsumenten die Überzeugung implantiert, daß in den USA alles besser wäre. Das Resultat kann man seit Jahrzehnten in der Nachahmung der US-Moden und -Haltungen vor allem durch die noch sehr leicht zu manipulierende Jugend beobachten.

Wer sich etwas eingehender mit Medientheorien befaßt hat, dem dürfte nicht entgangen sein, daß mediale Wiederholungen gewöhnlich die Wirkung haben, im Medienkonsumenten, der ihnen regelmäßig ausgesetzt ist, zur gefühlten Wahrheit zu werden. Als Wahrheit bezeichnet man einen Sinnzusammenhang im menschlichen Neokortex, der nicht mehr oder kaum noch bezweifelt wird, der im Grunde keinerlei nennenswerter Kritik im Zusammenhang seiner tatsächlichen Existenz ausgesetzt wird. Mit anderen Worten: Wahr ist für mich ein symbolisch codierter Sinnzusammenhang dann, wenn ich den entsprechenden Verknüpfungen absolut glaube, ohne mir bewußt zu sein, daß ich auch hier immer nur glaube. Dieser absolute Glaube ist nur deshalb möglich, weil wir alle gelernt haben, daß es sogenannte objektive Wahrheiten gäbe. Das Objektive ist laut Definition das, was auch ohne unsere Wahrnehmung angeblich existiert oder seinen Sinnzusammenhang auch ohne unsere Sinnlichkeit beibehält – auch das ein Glaube und letztlich eine Ideologie.

Es gibt aber keine objektive Wahrnehmung, denn Wahrnehmung erfordert stets ein Subjekt, das wahrnimmt. Da jedes Subjekt aber nur subjektiv wahrnehmen kann, stellt die Behauptung einer objektiven Wahrnehmung im Grunde ein Anmaßung dar. Wer mächtig genug ist, kann diese seine Anmaßung unter seinen Schafen nachhaltig durchsetzen. Mit der Behauptung von Objektivität ist somit immer auch ein Machtanspruch verbunden – ein ganz bestimmtes Interesse daran, daß möglichste alle anderen die Dinge so sehen, wie ich sie sehe.

Wenn also von herrschenden Machtinteressen ausgehende Sinnzusammenhänge medial verbreitet werden, sollte man immer und ohne Ausnahme hellhörig werden. Sobald ich es versäume, bei der Aufnahme derartiger Symbolketten, die mir Sinnzusammenhänge, noch dazu in penetranter Wiederholung zu vermitteln suchen, meine Kritik und meine Hellhörigkeit zu vernachlässigen, bin ich den vermittelten Falschaussagen gnadenlos ausgeliefert, weil ich es gar nicht erst mitbekomme, wie man mich verarscht. Kritik und Hellhörigkeit beim Aufnehmen medialer Inhalte sind nichts anderes als die aktive Beteiligung meines wachen Bewußtseins bei der medialen Rezeption. Wenn ich dagegen die Zeitung oder einen Artikel im Internet so lese, als würde ich ein Unterhaltungsbuch lesen, dann entgehen mir die Manipulationsversuche. Die Folge davon wäre dann die unbewußte Produktion von Sinnzusammenhängen, die sich an meiner Kritik vorbeigeschlichen und in meinem Gedächtnis eingegraben haben. Werden diese Fremdkörper, die als Verknüpfungen in meinem Neokortex darauf warten, aktiviert zu werden, nun abgerufen, stellen sie etwas bereit, das ich nicht willentlich autorisiert habe. Es ist in etwa so, wenn ich ein Fremdwort lese, das ich noch nicht kenne, und dann bei Wikipedia nachschlage, wo mir eine bereits komplett durchmanipulierte und oft gegen meine eigenen Interessen gerichtete Definition gegeben wird. Wenn ich zudem nicht über die Manipulation in der Wikipedia informiert bin und diesem Medium daher Vertrauen entgegenbringe, übernehme ich diese Definition vollkommen kritiklos.

Die Penetranz der ständigen und in kurzen Zeitabständen wiederholten angeblichen »Wahrheit« führt dazu, daß wir anfangs noch unsere Kritik einschalten, im weiteren Verlauf aber, da wir das bereits als erledigt glauben und uns diese ständige Wiederholung zu langweilen beginnt, innerlich immer schwächer dagegen protestieren oder aufbegehren, und am Ende, wenn sich der Fake bereits in uns festzusetzen beginnt hat, gar nicht mehr. Wir glauben, weil wir einmal gegen eine Behauptung entschieden hätten, wär's das gewesen – und irren dabei fatal. Wir müssen im Grunde jedesmal, wenn uns dieselbe Lüge wieder und wieder vorgesetzt wird, laut und (für unser inneres Ohr) vernehmlich NEIN sagen, sonst sagen wir unbewußt JA.

Die menschliche Verblödung hat nicht erst in neuester Zeit begonnen, sondern stellt einen bereits Jahrtausende anhaltenden Prozeß dar, der aber seit der Zeit der Massenmedien so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Davor war in Europa die Römisch-Katholische Kirche weitgehend allein für die Verblödung der Massen verantwortlich. In der Inquisition hatte die Kirche ihren Höhepunkt erreicht, die Psychiatrie ist der direkte Nachkomme der Inquisition. Die Kirche als bisherige Verwaltung der Massenverblödung wurde durch die Zeitungen nach und nach abgelöst. Im 20. Jahrhundert wurden erst das Radio und kurz darauf der Fernseher erfunden, die nun als Hauptverwalter der massenmedialen Verblödung dienen. Nich unerwähnt bleiben sollen die staatlichen Schulen, die einst dem einzigen Zweck dienten, folgsames Kanonenfutter für die zahllosen Söldnerheere herzustellen. Bildung im Sinne der Aufklärung war nicht nur ausgeklammert, sondern ausdrücklich nicht erwünscht. Ein Soldat mit humanistischer Bildung ist ansich schon fast unvorstellbar; gäbe es ihn, würde er wohl den Gehorsam verweigern.

Ohne diese Vorbereitungsarbeiten in der Vergangenheit gäbe es diese massive Einflußnahme der Medien auf die menschlichen Bewußtseine nicht. Die traditionelle Erziehung bereitet den kaum geborenen Menschen seit undenklichen Zeiten nachhaltig auf die Gesellschaft, die ihn erwartet und der er dienen soll, vor, indem sie bereits tief in das Kleinkind Gehorsam und Unterwerfungsneigung implantieren – die PSA bezeichnet das, was da implantiert wird, als Introjekt. Um die Zuwendung der Mutter nicht zu riskieren, verwirft schon der Säugling reflexartig die eigenen Bedürfnisse, wenn sie der Mutter unangenehm sind oder sie diese Bedürfnisse aus Empathiemangel nicht entsprechend zu befrieden vermag. Anstelle der eigenen Bedürfnisse, die das Grundgerüst für die Entwicklung des eigenen Selbst liefern, stellt der Säugling das Bedürfnis der Mutter nach einem Kind, wie es ihrer Meinung nach sein sollte. Der Säugling und auch das Kleinkind beginnen dann so zu werden, wie man sie haben will, statt so, wie ihr biologischer Kern es eigentlich erfordert hätte. Dadurch entstehen Gehorsam und Unterwerfungsneigung, die in dem gipfeln können, was Milgram in seinem Experiment sehr anschaulich dargestellt hat und darüber hinaus nicht selten zu Faschismus und Terror führen.

http://www.irwish.de/Site/Biblio/ArnoGruen.htm

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (09.12.2018 07:41).

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