Avatar von Unbekannter Verfasser
  • Walter Lachenmann

mehr als 1000 Beiträge seit 17.04.2007

Vorwärts Kameraden! Wir müssen zurück!


Die Rechtschreibreform ist ein permanentes Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Seit Jahrzehnten haben sich »Experten« damit befaßt,
wie man im Deutschen recht schreiben soll. Mit dem »Duden«
um die Jahrhundertwende schien eine Praxis gefunden worden zu sein, bei
der zwar auch einige schöne Eigenthümlichkeiten verloren
gegangen sind, die aber ansonsten sich bewährt hat.

Dennoch gab es immer Leute, die meinten, das sei nichts Rechtes mit
unserer Orthographie, von den extremen »der keiser im
bot...« bis zu Gefummel harmloserer Art.

Diese Leute haben das nicht umsonst gemacht und nicht aus Idealismus
oder aus Liebe zur deutschen Sprache oder um es Schulanfängern und
Ausländern leichter zu machen. Sondern weil ihnen das ein Amt,
eine bezahlte Aufgabe war, und weil sie sich damit glaubten als
»Wissenschaftler« einen »Namen« machen zu
können.

Jahrzehntelang wollte niemand deren Elaborate haben, jedesmal, wenn
bekannt wurde, was da geschehen sollte, wurde wegen des
öffentlichen Protestes alles wieder abgeblasen. Selbst im Dritten
Reich hat man erkannt, daß dieser Unsinn nun wirklich das Letzte
war, was zum Endsieg hätte helfen können.

Wenn das noch länger so erfolglos geblieben wäre, hätte
es den Arbeitsbereich »Rechtschreibreform« nicht mehr
gegeben, das Lebenswerk der damit befaßten Personen wäre
endgültig als absurd offenbar geworden, ihre Amtspositionen
wären abgeschafft worden, auch die offiziellen Stellen, die diese
Positionen jahrelang für nützlich und wichtig hielten und
entsprechende Summen dafür ausgegeben hatten, wären
bloßgestellt, blamiert gewesen.

Das durfte nicht sein.

So miserabel das endlich mit welchen Mitteln auch immer durchgesetzte
Ergebnis der Rechtschreibreform auch sein mag - eins ist sicher: ein
beträchtliches Arbeitsplatz- und Finanzmittelpotential ist
für lange Zeit sichergestellt.

Denn nun ist es wie bei der Golden Gate Bridge. Steht sie erst einmal,
ist sie eine ewige Baustelle und gibt Generationen Arbeit und Lohn. Sie
muß ständig repariert und neu getüncht werden. 

Selbst der Weg, den sich alle Reformgegner wünschen - und der
wahrscheinlich am Ende auch eingeschlagen worden sein wird, weil sich
der Unfug selbst der vermeintlich plausiblen ss/ß-Regelung auf
Dauer nicht übersehen lassen wird - nämlich der ziemlich
vollständige Rückzug auf die Regelungen vor der Reform, wird
über einen langen Zeitraum vielen »Experten«
Beschäftigung und Auskommen und »wissenschaftliche«
Herausforderungen und Profilierungsmöglichkeiten bieten.

Es ist wie bei der Milch. Schon in der Antike tranken die kleinen
Kätzchen Milch, jeder weiß das. In jedem Bauernhof trinken
seit eh und je die Kätzchen Milch und leben froh ihr
Kätzchen- und Katzenleben. Bis es
beschäftigungsbedürftige  Wissenschaftler gab, die so tun,
als könnten sie es gar nicht fassen, wie man den Kätzchen so
etwas Schreckliches antun und ihnen Milch zu trinken geben kann, denn
Milch enthielte bekanntlich ***in und das sei praktisch unverdaulich
und führe früher oder später zu den schrecklichsten
Magen- und Darmkrankheiten. Auf den Aleuten wisse man das schon lange,
da hätte man den Kätzchen schon in der Steinzeit niemals
Milch hingestellt. Also: sofort den Kätzchen keine Milch mehr
geben. 
Oder Birchermuesli: In der Schweiz hat vor Jahrzehnten ein Professor
Bircher-Benner den Menschen die vermeintlich gesündeste
Ernährungsmethode beigebracht: Haferflocken mit Nüssen und
vielen vitaminhaltigen Früchten, alles zusammengebazt mit Joghurt
oder Milch. Alle, die sich mit Birchermuesli ernährt haben, waren
begeistert und wurden schlagartig gesund. Völlig unmöglich!
Die Verbindung der Fruchtsäure mit der Milch führt im
Verdauungsprozeß zu Gärungsvorgängen, die tödlich
ausgehen müssen, es sei denn, man habe Glück. Also: nie
wieder Birchermuesli.

Der Journalismus lebt davon: Kaum ist etwas »erkannt«, wird
es in zeilenhonorarträchtigen Aufsätzen publiziert. Alsbald
aber wird die Falschheit der vermeintlichen Erkenntnis  erkannt und es
gibt wieder Zeilenhonorar.

Der Weg zur Erkenntnis führt im Kreise herum, und die Kunst liegt
darin, von diesen Kreisläufen möglichst viel zu profitieren.
So werden Wörterbücher wegen der laufenden Hin- und
Her-Änderungen immer neu gebraucht, der Update-Effekt tritt auch
hier ein, wer nicht das Neueste hat, ist einerseits blamiert,
andrerseits hat er konkrete Nachteile.

Wer es sich leisten kann, ganz weit in die Zukunft zu denken, bleibt
beim Duden der Vor-Reformation nach dem Motto: Vorwärts,
Kameraden, wir müssen zurück.


Bewerten
- +