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  • kimschmitzii

mehr als 1000 Beiträge seit 18.02.2002

super Analyse. Klasse Artikel. Danke! [++]

Ich mag es, wenn Menschen (noch) nachdenken und insich schlüssige
Zusammenhänge herstellen können.

Ich glaube, dass das ukrainische Volk insgesamt gar nicht so
einheitlich hinter der Maidan-Bewegung steht und auch insgesamt nicht
so einheitlich zu der Orientierung Russland ODER EU - nicht beides
zusammen - steht. Ich denke durchaus, dass der Westen der Ukraine
eine starke Westorientierung hat und man dort den way of life des
Westens mag. Das muss aber nicht heißen, dass man die Beziehungen zu
Russland pauschal ablehnt.

Dieses schwarz-weiß gezeichnete Bild des Westen stimmt denke ich von
vorne bis hinten nicht. Der Westen benutzt dieses Bild aber, um
anderen Ländern ihre 'Freiheit' aufzuzwingen, obwohl diese sich ihre
Freiheit vll. komplett anders vorstellen. Die Iraker beispielsweise,
die durch die 'Befreiung' durch den Westen mehr als eine Mio Menschen
zu Grabe tragen mussten, wollten vll. auch nicht mehr unter Saddam
Hussein leben (bei uns soll es übrigens auch Menschen geben, die
nicht mehr unter Merkel leben wollen, weil sie eine furchtbar
schlechte, teils auch menschenverachtende Politik macht und sich mit
Faschisten gemein macht), vll. wollten sie aber noch viel weniger von
diesem Westen 'befreit' werden, sondern ihren eigenen Weg gehen
(zumal Saddam Hussein erst durch diesen Westen zu dem wurde, was er
war: ein schlimmer Despot).

Gestern habe ich einen Beitrag über Russland gehört. Da hat sich eine
Russin über diverse Missstände in Russland geärgert. So. Der Fehler,
den der Westen an diesem Punkt nun macht: er leitet daraus die
Systemfrage ab. Wenn EIN Russe sich über die schlechte Behandlung
durch die russische Polizei beschwert, dann wird daraus hergeleitet
(bzw. vielmehr herbei phantasiert), dass ganz Russland ein durch
Putin kontrollierter Polizeistaat sei, der seine Bürger schlecht
behandelt. Man kommt nicht auf die Idee, dass es bei uns auch eine
ganze Menge Kritik an vielen Vorgängen im Land gibt, z.B. wenn jemand
sich mit den Behörden wegen eines Bauvorhabens rumschlagen muss oder
wenn die Polizei auch hier für Übergriffe gegen normale Bürger
kritisiert wird.
Dass solche Fälle politisch motiviert missbraucht werden, um ganz
eigene Interessen durchzudrücken, die sich ebenso bzw. noch viel mehr
gegen das Volk richten,  sollte den meisten Menschen, die sich auch
nur halbwegs informieren, geläufig sein.

Ganz schlimm, ja geradezu abstoßend finde ich jene, die von sich
überzeugt sind, dass sie zu den Guten (tm) gehören und sich damit das
Recht rausnehmen über alles und jeden zu urteilen, dabei aber gar
nicht merken, dass sie sich damit auch über die Köpfe derer
hinwegsetzen, denen sie vorgeben damit helfen zu wollen:


http://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Stell-Dir-vor-es-gibt-Krieg-und-die-Opposition-macht-mit/Wir-sind-die-Guten-ist-nichts-anderes-als-die-Theorie-vom-arischen-Uebermensche/posting-1250212/show/


-edit-
Die oben genannte Russin hat von sich übrigens gesagt, dass das
folgendes eine Patriotin ausmacht: wenn man sein eigenes Land, die
Missstände in seinem Land zum besseren verändern will. Sie hat eben
keine Pauschalkritik am System geübt.

Und noch etwas: merkt Ihr was? Vor nicht ganz 13 Jahren war es state
of the art gegen 'Islamisten' zu wettern. Da wurden kleine Gruppen
von oben gefilmt, damit sie nach mehr aussehen und als Gefahr für die
westliche Zivilisation stilisiert, weil sie irgendwelche muslimischen
'Glaubensbekenntnisse' in die Kamera gebrüllt haben. Jetzt, unter
Obama, sind möglicherweise genau die gleichen Leute jene, die für
Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit gegen ihre örtlichen
Machthaber auf die Straße gehen. Wenn man so will: das Marketing, die
PR hat sich geändert. Das Prinzip - nämlich ein Feindbild zu
erzeugen, damit man in jeweiliges Land einmarschieren oder gegen
dieses Krieg führen kann (heute erstaunlicherweise auf der Seite
genau jener Terroristen, die man seinerzeit noch zum Erzfeind hatte;
siehe Syrien) - ist das Gleiche geblieben.
Die Frage ist, was wohl als nächste kommt, wenn dieser 'Trend'
vorüber ist... (mit dieser Formulierung möchte ich darauf anspielen
mit welcher Leichtigkeit und auch Oberflächlichkeit hier einige
bereit sind 'für das Gute (tm)' Menschen über die Klinge springen zu
lassen).

-edit II-
Ich muss mein Lob für den Artikel nochmal verstärken: ich mag sowas,
wenn Artikel zum (weiteren) Nachdenken anregen, einen inspirieren,
man einfach auch merkt, dass es um Logik und logische Zusammenhänge
geht. Ich weiß, ich bin da manchmal (bis häufiger) auch zu polemisch
und einseitig, verstehe das teilweise aber auch als provokativ, um
manchmal z.B. einen komplett gegenüberliegenden Standpunkt genauso
platt darzustellen, wie uns 'unser' Standpunkt tagtäglich um die
Ohren gehauen wird.

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