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mehr als 1000 Beiträge seit 03.06.2003

Begriffsverwirrung allerorten

Und leider auch im Artikel hier. Deshalb als Erläuterung:

In der Anthropologie wird der Mensch als kulturell überlagertes Naturwesen betrachtet. Man unterscheidet scharf zwischen naturgegebenen Eigenschaften – und das ist alles, was mit Naturwissenschaft zu beschreiben ist – von kulturellen Eigenschaften.

1. Das natürliche Geschlecht des Menschen

Unter englisch “sex” versteht man das natürliche Geschlecht. Beim Menschen sind die zwei Geschlechter “männlich” und “weiblich” ausgeprägt. Es gibt auch Menschen, auf die keine dieser beiden natürlichen Geschlechterbeschreibungen gut passt; solche Menschen nennt man in den dafür zuständigen Naturwissenschaften Hermaphroditen oder intersexuelle Menschen (umgangssprachlich “Zwitter”). Das betrifft in etwa 1% der Menschen.

Unter transsexuellen Menschen versteht man Menschen, die ihre natürlichen Geschlechtsmerkmale (meist chemisch oder chirurgisch) medizinisch ändern haben lassen.

2. Die kulturellen Geschlechterrollen des Menschen

Unter englisch “gender” versteht man die kulturelle Geschlechterrolle, die ein Mensch einnimmt. Ihr liegt immer das natürliche Geschlecht des jeweiligen Menschen zugrunde. Es geht nun darum, wie der Mensch sich als kulturelles Subjekt selbst ausdrückt. Klassische Beispiele dafür sind Tomboy und Girly, siehe

https://en.wikipedia.org/wiki/Tomboy
https://en.wikipedia.org/wiki/Girly_girl

(Ein grosser Teil des Unverständnisses hierzulande kommt daher, dass das es im Deutschen im Gegensatz zum Englischen nicht zur Ausbildung von Termini gekommen ist, die die entsprechenden Begriffe einfach bezeichnen.)

Transgender-Menschen sind welche, die versuchen, mittels Kleidung und Verhalten das natürliche Geschlecht vollständig zu leben, das nicht ihrem eigenen entspricht.

Unterschiedliche Kulturen sehen nämlich unterschiedliche Verhaltens- und Bekleidungsnormen für das Ausdrücken von Geschlechts-Identität und Geschlechts-Rollenidentität vor. Wie das genau aussieht, ist ein wesentlicher Teil der jeweiligen Kultur.

Es ist also durchaus möglich, sinnvoll zu beschreiben, was genau weibliche Kleidung ist und was männliche – es ist jedoch immer nur innerhalb einer jeweiligen Kultur möglich, und Subkulturen erweitern diese Möglichkeiten noch.

3. Pathologisierung von natürlichem Geschlecht (sex) und Geschlechterrolle (gender)

Überhaupt zu pathologisieren, sprich: etwas als Krankheit zu erkennen, ist immer eine kulturelle Leistung, und entsprechend immer kulturabhängig. Pathologisierung erfordert immer eine Norm, und ein Abweichen von dieser Norm. Ist die Abweichung zu weit, so wird sie als krankhaft erkannt.

In wenig aufgeklärten Gesellschaften spielt eine wissenschaftliche Betrachtung hierbei auch weniger eine Rolle; und so kommt es dazu, dass pathologisiert wurde und wird, was wissenschaftlich gesehen gar typische Eigenschaften einer Art sind.

Bei vielen Arten kommt beispielsweise homosexuelles Verhalten in nicht unerheblichen Masse vor, also Sexualverhalten mit der Präferenz, sich mit Individuen desselben Geschlechts zu paaren:

https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexuelles_Verhalten_bei_Tieren

Zu diesen Arten gehört auch der Mensch. Auch bei unserer Art kommt – naturwissenschaftlich gesehen – homosexuelles Verhalten als typisch für die Art bei einem Teil der Individuen vor.

Der Mensch hat als Besonderheit jedoch (bewusstes, sprachliches) Denken ausgebildet, und nutzt Sprache, um sich als Subjekt gegenüber anderen Menschen auszudrücken. Man geht davon aus, dass diese Eigenschaft unterschiedliche Menschenarten betraf; seit dem Vermischen der beiden überlebenden Arten Homo neanderthalensis und Homo sapiens zum modernen Homo sapiens jedoch ist nur noch eine Menschenart auf unserem Planeten zu beobachten: wir.

Wie sich Menschen als Subjekte ausdrücken, ist ihre Kultur. Da Sprache immer zwischen Menschen besteht, entsteht Kultur – sie ist das, was Menschen wie zusammen machen.

Sprache in diesem Sinne beinhaltet das bewusste Reflektieren. Und das bedeutet, dass über Vorstellungen gesprochen wird, die Menschen entwickeln. So ist das Pathologisieren zu deuten.

Sind die Vorstellungen vom Menschen im Wesentlichen auch wissenschaftlich bestimmt, so wird eine Pathologisierung von geschlechtlichen Abweichungen und Geschlechterrollen-Abweichungen schwierig. Man sollte sich in einer aufgeklärten Gesellschaft dann an Abweichungs-Definitionen versuchen, die objektiv wesentliche negative Auswirkungen bewirken.

In der modernen Psychiatrie wird deshalb versucht, dann zu pathologisieren, wenn eine psychische Besonderheit eine drastische negative Auswirkung bis hin zur Lebensunfähigkeit oder die Gefährdung Dritter nach sich zieht. Aber hier ist die Grenze nicht so einfach zu ziehen – ist z.B. ein Tick drastisch genug, dass man ihn psychiatrisch beschreibt, oder nimmt man Ticks hin als typisch für die Art Mensch? Und wie grenzt man das von einer Manie ab?

https://de.wikipedia.org/wiki/Manie

Kurz: Pathologisierung ist als Wertung immer ein Kulturergebnis. Sie drückt die intersubjektive Übereinkunft aus, was als krankhaft bewertet wird und was nicht. In nicht aufgeklärten Gesellschaften stehen solche Wertungen öfters gegen wissenschaftliche Erkenntnisse. Es ist ein Zeichen unserer Gesellschaft, dass wir uns in der Richtung der Aufklärung entwickeln, weil wir eine Wertediskussion auch dahingehend führen, inwiefern Pathologisierung vonstatten gehen sollte im Vergleich mit wissenschaftlicher Erkenntnis.

Zu einer aufgeklärten Gesellschaft gehört übrigens, den geschlechtlichen Ausdruck des Mitmenschen als dessen Ausdrucksrecht wahrzunehmen. Letztlich lassen sich nämlich kulturelle Rollen nicht zwingend Personen zuordnen, ohne dass man den Bereich der wissenschaftlichen Argumentation verlässst. Im humanistischen Sinne – und darauf basiert alle Wissenschaft – gibt es deshalb keine Grundlage, Menschen vorzuschreiben, wie sie ihre geschlechtliche Identität auszuleben haben.

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