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  • that.SelectedDude

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Zu den Kernpunkten des Artikels

B. Der Zustand ist mit klinisch signifikantem Leiden oder Einschränkungen im Funktionieren in sozialen, schulischen oder anderen wichtigen Bereichen verbunden.

[...]

Und dies ist die Krux der ganzen Sache, ob es sich bei Genderdysphorie um eine Störung handelt oder nicht. Es ist nämlich ein hart erarbeiteter Konsens, dass man ohne "klinisch signifikantes Leiden" oder funktionelle Einschränkung nicht von einer psychischen Störung sprechen kann. Einmal platt formuliert: "Klinisch signifikant" ist ein Leiden genau dann, wenn ein Kliniker oder eine Klinikerin es dafür hält.

Nicht nur der Arzt, sondern auch die Gesellschaft und viele teils staatlich verwalteten Institutionen (Kindergarten, Schule, öffentlicher Dienst, Erziehungsheim oder Reha-Einrichtung, Klinik usw.) haben Einfluss darauf, was als Krankheit (wird im psychischen Bereich gerne Störung genannt) angesehen wird.

Und das ist auch bei der Genderdysphorie der springende Punkt: Leiden die "Betroffenen" klinisch signifikant

Wenn jemand rein beispielsweise über anhaltende Schlafstörungen, verbunden mit unangenehmen Gedanken, klagt, und das glaubhaft machen kann, dann wird das ein Arzt auch so diagnostizieren. So ist das auch bei anderen Leiden.

oder sind sie funktionell eingeschränkt?

Es gibt eine Liste von Dingen, die Leute normalerweise können sollten – nur als Beispiel: Müll rausbringen. Oder einigermaßen ungezwungen oder ohne Anstoß zu geben mit anderen Leuten interagieren. Usw.

– Anspruchsvolle Fragen einfach beantwortet, wa?

Bei beiden o. g. Fragen wird der Psychiater (deswegen geht man bei schwereren psychischen Störungen zum Psychiater und nicht nur zum Psychotherapeuten) auch die körperliche Seite abchecken – hinsichtlich der Ursachen und Potentiale zum Einen und der Behandlungsmöglichkeiten durch Psychopharmaka zum Anderen.

oder aufgrund gesellschaftlicher Ablehnung?

"Die Hölle, das sind die Anderen." – Jean-Paul Sartre

Das gilt wohl bei jeder psychischen Störung. Und bei vielen Betroffenen sind gerade das die Stellen, an denen die funktionellen Einschränkungen zu Leid führen bzw. überhaupt zutagetreten.

Alles steht und fällt also mit der Frage, aus welchen Gründen Menschen, denen eine Geschlechtsdysphorie diagnostiziert wird, leiden oder funktionell eingeschränkt sind.

Spezifische Fragen zu Geschlechtsdysphorie kann weder ich noch offenbar das Forum beantworten – mangels eigener Erfahrung. Außerdem ist jede psychische Störung individuell zu diagnostizieren und zu behandeln, da sie einen Kontext hat – etwa begleitende oder zugrundeliegende Störungen, Lebensumfeld, wie tief das Dingen schon eingewachsen ist, usw.

Vielleicht "steht und fällt" (eigentlich: "oder fällt") der WCD- (aber auch der ICD-) Katalog damit, nicht immer praxisgerecht zu sein, indem er nur binäre Kriterien zur Verfügung stellt bzw. platte Checklisten und (wie im Artikel gezeigt) Algorithmen.

Dem würde ich aber nicht zu viel Bedeutung zumessen. Psychiater oder sonstige Ärzte können anstelle von "Genderdysphorie" auch "Depression" oder sonstwas abrechnen gegenüber der Krankenkasse. Und ihre Diagnosen und Therapien sind typischerweise weitaus komplexer als nach Schema F. Ein vernünftiger Arzt macht ja auch selbst Erfahrungen, die ihn, gemischt mit seinem Wissen, charakterisieren.

Auf dem WCD oder ICD würde ich also nicht rumreiten.

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