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  • Keppla

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Schizophren

> Der DGB fordert daher eine Mindestvergütung für Praktikanten von 300 Euro
> und Begrenzung eines Praktikums auf drei Monate

Da mögen edle Motive hinter stecken, aber im Endeffekt ist das auch
nur ein hilfloses Planwirtschafteln, genau wie alles davor. Klar, man
kann hoffen, dass man diesmal zufällig die Gesetze entwirft, die
lückenlos sind*, nicht ausgenutzt werden, und auch noch durchsetzbar
sind, oder man kann einsehen, dass man mit dieser Art von
Vorschriftenmacherei hilflos ist.

Denn im Endeffekt sind ausbeutende Praktika, Niedriglöhne, etc. die
absolut vorhersehbare Folge von miserablen Markteingriffen (ja,
klingt böse Neoliberal), hier mal in den Arbeitsmarkt.

In einem idealen (Arbeits)Markt herscht maximale Effizienz und
niemand wird ausgebeutet.
Wunderschön, nur hat die Wirtschaftswissenschaft irgendwann mal
festgestellt, dass Märkte nicht immer dazu tendieren, idealer zu
werden.

Diese Erkenntnis brachte die Menschen dazu, die klassischen liberalen
Theorien (dass sich der Markt langfristig selbst korrigiert) um das
Konzept der Marktversagens zu ergänzen, bei dem der Staat eingreifen
sollte, indem er die Rahmenbedingungen verändert (das klingt vmtl für
den durchschnittlichen Telepolisleser nicht Neoliberal, ist es aber
doch.).

Nun schaffen es diverse Menschen wie z.B. unsere Regierung, diese
Erkenntnis sehr selektiv anzuwenden, und werden deshalb Neoliberal
genannt, wie man am Arbeitsmarkt sehen kann, sind sie es aber nicht
wirklich:

Der Arbeitsmarkt ist ein Markt, auf dem es unter aktuellen Umständen
recht schnell zum Marktversagen kommt.

Zum einen kann die Anbieterseite nicht aussteigen (was Teilnehmer auf
einem Idealen Markt können), zum anderen sind sind die Verhältnisse
nicht sonderlich homogen: einzelne Anbieter kommen auf
verhältnismässig wenige Nachfrager.

Vorhersehbar kommt es zum Marktversagen, hätte man die Wahl zum 'Fuck
you' würde Arbeit nicht für 0 Euro in Form von Praktika, oder für
n<aufwand Euro in Form von 'working poor'-Jobs angeboten, und die
Nachfrager müssten die Gebote erhöhen.

Das hat vor ziemlich langer Zeit u.A. ein
Kommunistenwelverbesserhippie namens Milton Friedman erkannt, und
deshalb das bedingungslose Grundeinkommen in der Ausprägung 'Negative
Einkommensteuer' vorgeschlagen.

Man sollte meinen, nun sind sich alle einig: Die Kapitalisten wollen
funktionierende Märkte, die Arbeiter wollen vernünftige Preise für
die Arbeit, da könnte man das doch umsetzen...

Nein. Nicht nur, dass es nicht umgesetzt wird, stattdessen wird der
Markt sogar weiter ins Versagen getrieben: Der Marktaustritt wird
noch zusätzlich erschwert, und die Preisfindung wird unter die
Wirtschaftlichkeit getrieben, indem die Versicherungsprämien
(Arbeitslosengeld ist letzlich nichts anderes) verweigert werden,
wenn man austritt, oder unwirschaftliche Arbeit ablehnt.

Dabei geht der Staat so Planwirtschaftlich vor, dass es schon eine
Ironie ist, dass noch irgendwie Neoliberal zu nennen, denn es wird
bis auf die Mikroebene Eingegriffen: 'Wieviele Bewerbungen haben sie
geschrieben?' 'warum ist das nicht zumutbar?' sind Fragen, die nicht
das Ziel, sondern einen (ineffizienten**) Weg messen, und somit
Fragen, für die der Fragende einfach nicht kompetent ist. Auch
Planwirschaft mit hehren Absichten funktioniert nicht.

Offensichtlich sind diejenigen, die sowas durchsetzen, also nicht
wirklich Neoliberal, sondern einfach Opportunisten, die 'Neoliberal'
sagen, wenns um einen Eingriff geht, den sie nicht mögen, aber
'Planwirtschaft' sagen, wenns um eingriffe geht, die sie brauchen.

Ok, wenn also die Wissenschaft das Problem erkannt hat, die Politik
aber (wegen Einflussnahme der Gewinner des Marktversagens) da ein
anderes Ziel verfolgt, so ist das nicht schön oder unterstützenswert,
aber zumindest nachvollziehbar. 'Weniger Verschwendung' klingt
einfach nicht so gut, wenn die Verschwendung Parties sind, an denen
man Teilnimmt.

Gut, aber dann schreien doch wenigstens die Verlierer dieser
Markteingriffe nach weniger dieser Markteingriffe, oder?

Nein, und das ist das für mich wirklich Merkwürdige. Man siehe das
Zitat oben, oder die Mindestlohndebatte: das ist, als würde man ein
Gesetze und ein Wiegeamt fordern, was das Höchstgewicht für die Kugel
am Bein durchsetzt, anstatt die Kugel loswerden zu wollen. Man hat
die Denkweise des Gegners so internalisiert, dass man ihn gar nicht
mehr als solchen Wahrnimmt.

Dass so gut wie jeder Arbeitslose, mit dem ich gesprochen habe, die
zwiedenke aufrechterhalten konnte, dass er ja Arbeiten will, auch
wenn er nicht müsste, aber gleichzeitig alle anderen HartzIVler
Schmarotzer sind, und DIE sicher nicht arbeiten würden, war ja schon
ernüchternd, dass hier neulich auf TP jemand vorschlug, Praktikanten
für Praktika zu bestrafen war schon weird,

aber dass selbst Organisationen wie Gewerkschaften, deren Historische
Funktion die Korrektur des Markthindernis des Nachfragermonopols war,
sich nur über Kugelgewichte unterhalten ist schon deprimierend.

*) ad hoc würde ich sagen, dass der Vorschlag hauptsächlich dazu
führen wird, dass das ganze dann nicht
mehr 'Praktikum', sondern 'Ehrenamt' heist, dass die Begrenzung für
eine schnellere Rotation sorgt,.

**) Ich gehe mal fest davon aus, dass ein Tweet mit einem Link zu
meinen Open-Source-Projekten, ein Chat mit einem Entwickler oder (ja,
shame on me) das Akzeptieren eines XING-Kontaktes etc. für die nicht
als Bewerbungsschreiben zählen. De Fakto sind das aber die Wege, wie
ich an meine Aufträge gekommen bin.
Nicht funktioniert hat bisher deren Weg, brav eine Mappe zu senden,
gefertigt nach dem aktuellen Aberglauben, welche Rituale die Götter
in HR gnädig stimmen.

Ich gehe auch davon aus, dass sie sowohl meine als auch die Zeit der
Auftraggeber verschwendet hätten, hätten sie mich ('zumutbar') in ein
Team mit einer völlig fremden Entwicklerphilosophie gesteckt.
Dass ich aus dem Job ziemlich flott wieder raus wäre, weil ich da
nichts sinnvolles Produziere, und in der Zeit dann effektiv nicht nur
nicht genutzt, sondern (finanziell) geschadet habe, ist halt nicht so
gut messbar.
Hätte man gewartet hätte man den gleichen Effekt und nicht so hohen
kolatteralschaden. Gut, dass ich mit denen bisher nie direkt zu tun
hatte.

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