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  • cassiel

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Die (Un-)Kultur des "Weglegens"

wie sie Prof. Dr. Arno Gruen in seinem Vortrag "Gespaltenes Bewusstsein: Empathie vs. Kognition" beschreibt ist in der westlich geprägten Gesellschaft nicht zu leugnen und die Folgen sind psychisch, physisch und gesamtgesellschaftlich katastrophal. Da brauch ich mich mit keinem Epidemiologen zu streiten, da ist jeder Fall einer zu viel. Wenn man allein in den ersten drei Lebensjahren eine Kultur der Nähe und Geborgenheit praktizieren würde, dann würde das der Gesundheit der Bevölkerung in jeder Hinsicht - psychisch, physisch, Belastbarkeit, Lebenserwartung und -qualität - einen maximalen Nutzen bei volkswirtschaftlich geringsten Kosten bringen. Später ist jeder Reparaturversuch durch die Psychofritzen und die Ärzte nicht nur sehr viel teurer, sondern auch sehr viel weniger effektiv. Denn es gilt die japanische Weisheit:
"Mitsugo no tamashii hyaku made" - Die Seele eines Dreijährigen bleibt ihm 100 Jahre.
Die moderne Hirnforschung hat bestätigt, dass mit ca. drei Jahren die Entwicklung der emotionalen Autoregulation de facto abgeschlossen ist. Danach ändert sich daran nichts mehr.

Noch erschreckender ist, dass dieser Umstand praktisch allgemein unbekannt ist, selbst allen Psychofritzen nicht bekannt ist bzw. wenn er es wäre, wäre das eine existenzielle Bedrohung dieses Berufsstandes. Denn so sozial kalt wie dieser institutionell-professionell die Patienten als Nummern abarbeitet bewirkt er genau das Gegenteil was er zu beabsichtigen vorgibt. Da kann man nur von Glück reden, dass nicht jeder der Hilfe bräuchte diese "Hilfe" bekommt.

Und auch über das was psychisch "normal" ist braucht man sich nicht streiten. Jeder Mensch hat eigentlich das Recht von seiner Mutter bzw. primären Bezugsperson die bestmögliche Vermittlung von emotionaler Regulierungsfähigkeit in der Zeit zu lernen wo sein Gehirn dafür eingestellt ist, also bis zum Alter von 3 Jahren.
In Versuchen mit Rattenmüttern und ihren Jungen hat man rausgefunden, dass es "normal" nicht gibt. Rattenjungen, die durch einmal am Tag "Händeln" durch den menschlichen Geruch von ihren Rattenmüttern intensiver betüddelt wurden, hatten im Alter weniger Gehirnausfälle, als die Kontrolle. Und die Kontrolle waren keine psychisch auffälligen Rattenmütter, sondern ganz normale, artgerecht gehaltene Ratten mit genug Futter und sozialen Kontakten und allem was die anderen Rattenmütter der "Händel"-Gruppe auch hatten. Erklären lässt sich das so: die Stressregulation der "Händel"-Gruppe wurde durch die bessere Brutpflege besser ausgeprägt, weshalb diese über ihr ganzes Rattenleben, weniger Stress hatten. Weniger Stress bedeutet, weniger Ausfälle im Gehirn, speziell im Hippocampus. Letzterer besitzt die Fähigkeit zur "graceful degradation", weshalb sich über fast das ganze Rattenleben keine Unterschiede bemerkbar machten und erst im Rattenseniorenalter, dann wenn sich in der Kontrollgruppe durch den höheren Stress die Ausfälle bemerkbar machen, treten die Unterschiede zu Tage.
In der Konsequenz für den Menschen als noch viel ausgeprägter sozialem Lebewesen muss eigentlich jegliche Trennung von Mutter und Kind bis 3 Jahre vermieden werden und Mutter und Kind als Einheit betrachtet werden. Dafür gibt es in westlichen Kulturkreisen nicht mal ein Wort dafür, im Gegensatz zur fernöstlichen Kulturkreis, wie in Japan die das Wort "Oyako" haben.

Was wir wirklich brauchen ist eine allgemeine Ächtung von sozialer Umweltverschmutzung. Im Grunde macht das eigentlich jede Gesellschaft in dem sie Umgangsregeln aufstellt, die Stress unter den Menschen vermeiden soll. Das erfolgt jedoch mehr auf unbewußter Traditionsbasis und weniger aufgrund von bewußtem Wissen um die Wichtigkeit sozialer Umgangshygiene, was dann schwierig wird, wenn die Tradition verloren geht oder aufgrund überkommener sozialer Strukturen über Bord geworfen wird und alles was daran sinnvoll war gleich mit.

Und das alles ca. 2000 Jahre nachdem jemand dafür an einen Baumstamm genagelt wurde, nur weil er gesagt hatte wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Menschen ausnahmsweise einmal nett zueinander wären.

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