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  • Captain Data

mehr als 1000 Beiträge seit 10.01.2003

Okay - Hitler war ein Mensch.

... mit Marotten, manche unfreiwillig komisch, manche durchaus interessant, manche vielleicht irritierend. Aber der Mann ist tot seit 73 Jahren, jeder Erkenntnisgewinn ist maximal akademischer Natur. Wenn das Bild halbwegs vollständig ist, kommt vielleicht irgendwann eine Idee bei raus, wieso der Mann ein ganzes Volk verführte ...

Das Problem ist nur dabei der falsche Denkansatz. Ob Hitler nun "Zigeunermusik" mochte oder gern in den Zirkus ging, ob er sich jüdische Opern anhörte - das alles ist der Privatmensch Hitler. Der dürfte grundverschieden sein vom Machtmensch Hitler, der sich da als kläffende, lärmende Kreatur zu besten gegeben hat, der seinen Generalen Inkompetenz und Feigheit vorwarf, der sich für den "GröFaZ" hielt und Armeen an der russischen Front verschlissen hat, nur weil er unbeirrt an seinen Plänen festhielt und jeden Rückzug kategorisch ausgeschlossen hat.
Hitler hatte also eine "gespaltene Persönlichkeit", die Privatperson und die Machtperson.

Und auch das ist nicht ungewöhnlich: wir haben doch auch eine "gespaltene Persönlichkeit", die mindestens den Modus "privat" und "geschäftlich" kennt. Würde ich mich so im Geschäft verhalten wie zu Hause, ich wäre meinen Job los. Und meine Frau hat sicherlich keine Lust, wie ein Mitarbeiter Arbeiten erteilt zu bekommen, so wie ich es im Geschäft mit meinem Team machen muss.

Ist Hitler nun erschreckend oder eher nur einfach schrecklich banal? Darum geht's. Hitler als Monster aufzustellen macht es sehr viel einfacher, mit der Schuldkultur* umzugehen und sich der Erinnerungskultur ganz zu entledigen. Der ist quasi vom Teufel geschickt worden und hat das Volk verführt, um Krieg gegen die Welt zu führen. Unsere Großväter haben nur Befehle befolgt, sie konnten nicht anders usw usf.
Aber genau diese Denkweise ist falsch, denn sie verhindert ein sinnvolles Auseinandersetzen mit Hitler und den Menschen im 3. Reich. Den Österreicher als Menschen zu begreifen, der, wie jeder andere auch, eine private Seite hatte und eben eine geschäftliche Seite, nämlich die des Machtmenschs, erlaubt nämlich eine interessante Frage: wie konnte ein normaler Mensch das Volk verführen?

Indem sich das Volk hat verführen lassen. Das hat nach einem "Retter" gesucht und Hitler hat sich diesen Mantel zunächst umgeworfen. Was danach kommt, ist bekannte Geschichte - der Versailler Vertrag musste fallen, die verlorenen Gebiete sollten zurück ins Reich. Und Hitler machte Juden und Kommunisten aus als Sündenböcke für alles Elend, das die Deutschen seit dem 1. Weltkrieg befallen hat. Damit hat er ganz nebenbei den größten Teil der Deutschen entlastet, die bis dahin die Schuld am Ausgang des 1. Weltkrieges bei sich gesucht haben.
So bauchpinselt man ein gekränktes Volk und richtet den verlorenen Stolz wieder auf. Und wenn man lang genug erklärt, dass da "die Juden" Schuld wären am Unglück, glauben es irgendwann genügend Menschen. Und der Rest, die ganzen Pogrome bis zum Holocaust? Ein Mann wie Hitler hätte das gar nicht durchsetzen können. Dazu brauchte es viele, viele Helfer und vor allen Dingen die Akzeptanz der Bevölkerung. Und da liegt auch das wichtige Detail, was absichtlich keine Darstellung findet: -jeder- hatte schuld, -jeder- hat die Verbrechen mitgetragen. Sei es durch Duldung, durch Denunziation oder durch direkte Ausführung vor Ort. Und alles, alles wurde begründet mit "Vorschrift", "Gesetz" und "Befehl".
Ein Beamtenstaat, der nach Vorschrift Menschen zu Millionen ermorden lässt.

Um den Bogen nach heute zu schlagen:
Ich halte es für falsch, irgendeine "Schuldkultur" zu pflegen. Bin viel zu jung, um auch nur ansatzweise was mit dem 3. Reich zu tun gehabt zu haben. Meine Großväter haben nicht an der Waffe gedient, kamen geradeso um Flakhelfer und Volkssturm drumherum, da war der Krieg aus. Von meinen Urgroßvätern sind zwei in Stalingrad geblieben, die haben ihre "Schuld verbüßt". Warum soll ich also irgendeine Schuldkultur pflegen für etwas, was in der dritten Generation niemand verbrochen hat?

Nein, was wir brauchen, ist eine "Erinnerungskultur". Und die funktioniert nur dann, wenn man Hitler als Menschen begreift, nicht als Monster. Das Monster wirkt wie vom Teufel gesandt, wir können uns alle die Hände reinwaschen, denn ER und nur ER sei Schuld gewesen. Aber so ist das eben nicht. Woran wir uns erinnern müssen ist, wie leicht es ist, Demagogen zu folgen und Krieg, Tod und Leid in die Welt zu bringen. Und wir müssen uns erinnern, dass es genauso gut stalinistischer Terror hätte sein können, der die Welt in den 40ern in einen Krieg gestürzt hätte.
Interessant ist auch, was wohl passiert wäre, wenn man die Deutschen mit dem "Versailler Vertrag" gar nicht erst gedemütigt hätte. Ob Hitler dann auch als "Retter" hätte auftreten können?

Linksextrem, rechtsextrem - "wehret den Anfängen" muss sich gegen Extremisten aller Art richten, nicht nur gegen die geistigen Erben eines Hitlers.

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