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  • firedancer

mehr als 1000 Beiträge seit 26.01.2001

Interessante Rethorik

"Die ESA hat ihr Talent, Bruchlandungen als bahnbrechende Erfolge zu verkaufen, schon mehrfach unter Beweis gestellt."

Tatsächlich. Und wo jetzt genau? Das schreibt der Autor natürlich nicht. Beweis durch Behauptung.

Aber die Botschaft bleibt sofort hängen: ESA baut nur Schrott, ESA ist unfähig. Und selbiges sei bewiesen.

"Doch bei diesem Thema scheint selbst die Pressestelle ratlos zu sein und schweigt lieber."

Die Pressestelle ist nicht zuständig für Entscheidungen über zukünftige Projekte. Wenn bestimmte Projekte, welche der Autor gerne angegangen hätte, nicht durchgeführt werden, hat das mit der Pressestelle nichts zu tun. Sie schweigt daher also nicht, weil sie "ratlos" wäre, denn sie muss keinerlei Rat geben. Das ist schlichtweg überhaupt nicht ihre Aufgabe.

Jedoch die Botschaft bleibt manipulativ hängen: ESA sei ratlos, ignorant, ahnungslos, negativ, ignoriere die wesentlichsten Dinge aus böser Absicht heraus.

"Wir stehen unangefochten auf Platz 1 und niemand soll es wissen: Europa ist verantwortlich für das größte und gefährlichste Stück Weltraumschrott im Erdorbit."

Auch das ist interessant: Niemand soll es wissen? Dass Envisat - der Satellit um den es hier geht, der aber vom Autor noch gar nicht genannt wird - der größte Satellit ist, der je gebaut wurde, ist im Netz leicht nachzulesen. Die Behauptung, dass es niemand wissen solle, ist glatt gelogen: Niemand hat je verheimlicht, dass Envisat der größte Satellit ist, noch, dass er in den Orbit geschossen wurde. Ganz im Gegenteil.

Die Botschaft bleibt auch hier hängen: Die angebliche Heimlichtuerei soll Bösartigkeit vermitteln.

Ob es das "gefährlichste" Stück Weltraumschrott ist, darf angezweifelt werden. Was bedeutet "gefährlich"? Für wen? Für uns? Nein, nicht einen Millimeter. Das Worst-Case Szenario ist, dass Envisat in den nächsten 150 Jahren mit einem von zwei anderen Objekten kollidiert, und dann viele Trümmer entstehen, die weitere Satelliten beschädigen.

Die Botschaft hier: Gefahr. Panik. Böse ESA.

Und sprechen wir über die Verantwortung, die der Autor bei der ESA sieht. Er suggeriert, dass die ESA fahrlässig wäre. "Wir" - Europa - also jeder von uns - seien verantwortlich für dieses "gefährliche" Stück Weltraumschrott. De Facto weiß aber keiner, wer oder was für dieses Problem verantwortlich ist. Der Satellit war lange in Betrieb, sogar wesentlich länger als geplant, und damit also sehr erfolgreich: Er ist also keineswegs ein Beispiel für die Unfähigkeit der ESA, sondern für deren Fähigkeit. Und wie jeder Satellit besitzt er ein Programm, welches ihn zu einem kontrollierten Absturz führen soll. Was genau dafür verantwortlich ist, dass der Satellit jetzt keinen Mucks mehr macht, ist nicht nachprüfbar: Ein Anzeichen für einen Defekt gab es nicht. Und es kann genauso ein Mikrometeorit sein. Oder ein Metallteil eines anderen Satelliten. Die Schuldzuweisung ist idiotisch.

Aber auch hier bleibt die Botschaft hängen: Die ESA - und gleichermaßen Europa - sei Schuld.

Und weiter geht's in großen Schritten! "Seit am 8. April 2012 der Kontakt zu dem gefeierten "Umweltsatelliten" Envisat verlorenging, wurde aus dem Flaggschiff der europäischen Erdbeobachtungsflotte schlagartig selbst ein Umweltproblem."

Umweltproblem? Satelliten verglühen in der Erdatmosphäre. Auch dieser wird das tun, doch nun leider ohne Kontrolle durch die ESA erst in über 100 Jahren. Dabei gibt es kein Umweltproblem. Und im Weltraum oben gibt es ein Weltraumschrottproblem, aber kein Umweltproblem.

Auch hier: Geschickte Wahl der Begriffe - Umweltproblem - führt bewusst auf eine emotionale, falsche Fährte. Es bleibt hängen: Böse ESA, "verschmutzt" unsere Umwelt.

"Derzeit umkreist die manövrierunfähige Envisat-Ruine die Erde in 766 Kilometern Höhe und bewegt sich damit ausgerechnet in der Region, in der sich der Müll in Gestalt von Raketenoberstufen, ausgedienten Satelliten und Trümmerteilen ohnehin schon am stärksten konzentriert."

"Ausgerechnet". Soso. Auch das ist kein Skandal. "Ausgerechnet" diese Umlaufbahn ist jedoch keine geostationäre: Die geostationäre Bahn liegt bei etwa 35.800 km Höhe. "Ausgerechnet" befinden sich dort astronomische Satelliten, Wettersatellit, Amateurfunksatelliten und Spionagesatelliten. Und wenn sich dort "ausgerechnet" Raketenoberstufen befinden und andere ausgediente Technik, ist daran erstens nicht die ESA Schuld, und zweitens trifft die gleiche Weltraumschrottproblematik nicht nur auf Envisat, sondern auf sämtliche Gerätschaften da oben zu.

Aber die Botschaft kommt beim unbedarften Leser an: ESA = böse.

"Früher oder später wird der 25 Meter lange Koloss, der größte jemals geflogene Erdbeobachtungssatellit, mit einem anderen Schrottteil zusammenstoßen und eine weitere Wolke von Trümmern in der Region verteilen."

Auch das ist sachlich falsch. Denn dieser "Koloss" wird in rund 150 Jahren verglühen. Und ob er mit einem anderen Trümmerteil zusammenstoßen wird ist möglich, aber gegenwärtig nicht vorhersagbar. Die Behauptung des Autors ist hier unhaltbar, also glatt gelogen.

"Doch diese Überlegungen spielten keine Rolle, als zehn Jahre später das Design für Envisat entwickelt wurde. Niemand kümmerte sich darum, was mit dem Satelliten am Ende seiner Lebensdauer geschehen sollte: Selbst wenn der Kontakt zu ihm nicht verlorengegangen wäre, hätte der Treibstoff an Bord nicht gereicht, um ihn am Ende seiner Betriebszeit in einen Orbit zu bringen, der das Verglühen in der Erdatmosphäre innerhalb von 25 Jahren sichergestellt hätte – wie es die 2007 von der UNO formulierten und 2008 von Europa angenommenen Richtlinien mittlerweile fordern."

Auch das ist so - in der Schärfe - sachlich falsch: "In 2010, ESA lowered Envisat to the less-crowded orbit of 768 kilometers. This orbit permitted Envisat to continue operating, but with enough fuel to perform collision-avoidance maneuvers “for several years.” Envisat failed without warning in April and has since been given up for lost." Die Problematik war a) nicht vorhersehbar, b) was sich die ESA durchaus des Problems des Weltraumschrotts bewusst und hat ferner c) durchaus Maßnahmen dazu getroffen.

Zudem wurde der Satellit in den 90ern gebaut und zur Jahrtausendwende gestartet, in der das Problem bei weitem nicht so extrem war wie heute. Der ESA Ignoranz vorzuwerfen, ist schon eine krasse Unverschämtheit.

Aber diese bleibt hängen. Der Leser erfährt manipulativ: ESA = böse. Ignoriert alles und handelt unverantwortlich.

"Nun muss Envisat also auf andere Weise heruntergeholt werden, ansonsten wird er mindestens 150 Jahre in seinem jetzigen Orbit bleiben"

Ja, Envisat ist ein heißer Kandidat für "de-orbiting". Allerdings muss so ungefähr jedes Teil da oben runter gebracht werden. Auf andere Weise. Auch, wenn Envisat nicht da oben wäre, wäre das Problem ziemlich das gleiche.

Und er wird nicht "mindestens 150 Jahre in seinem jetzigen Orbit bleiben". Das ist keine Neverending Story. Er wird durch die Atmosphäre gebremst und in etwa 150 Jahren in der Erdatmosphäre verglühen.

"Einen Grund für die Terminverschiebung nannte die ESA auf Nachfrage nicht. In Raumfahrtkreisen wird vermutet, dass ursprünglich eine Kooperation mit der NASA geplant gewesen sei, die aber nach Intervention durch das US-Militär aufgegeben werden musste."

Wenn dem so ist, ist auch das nicht die Schuld der ESA. Es gibt mehrere Überlegungen und Projekte, unnützes Zeug vom Himmel zu holen. Aber erstens dauern Missionen grundsätzlich recht lange - von Planung zur Realisierung kann locker mal ein Jahrzehnt vergehen - und zweitens bringt das nicht das Herunterholen von Trümmern, sondern nur das hochbringen von Technik einen wirtschaftlichen Erfolg. Insbesondere in der Wirtschaft. Und an diesen Maßstäben kommt auch der Autor nicht dran vorbei.

"Tatsächlich ist die kontrollierte Entfernung eines funktionslosen Satelliten aus dem Orbit technologisches Neuland."

Trivial: Das ist jedem Hobbyastronomen bekannt. Seit langem.

"Eigentlich müsste es Aufgabe der Raumfahrtminister sein, auf die rasche Durchführung von e.Deorbit zu drängen."

Welcher Raumfahrtminister? Wir haben keine "Raumfahrtminister". Die gibt es nur in wenigen Ländern. Also was soll das?

"Von deutscher Seite ist in dieser Richtung allerdings wohl eher wenig zu erwarten: Die Raumfahrt liegt in der Zuständigkeit des Wirtschaftsministeriums. Und der Wirtschaftsminister hat erst kürzlich bei den Beratungen zum Klimaabkommen gezeigt, dass er den Abfall, der bei der Verbrennung von Kohle und Öl anfällt, nicht für sonderlich wichtig hält. Was kümmert den der Schrott im Orbit?"

Hier wird geschlossen, dass wenn das Wirtschaftsministerium sich um eine Sache nicht groß Sorgen mache, sich um andere gleichermaßen nicht kümmere. Ist das so? Das Wirtschaftsministerium führte und führt durchaus Projekte und Forschung in diesem Bereich durch. Schön möglich, dass es das Wirtschaftsministerium wenig interessiert, aber auch diese Behauptung liefert uns der Autor ohne Belege.

Was auffällt: Der Artikel startet mit hochgradiger Färbung, mit Überdramatisierung und Polemik und Schuldzuweisungen, und wird erst ab der Hälfte ein wenig sachlicher, wenngleich er dennoch an sachlicher Genauigkeit einige Wünsche offen lässt. Journalistische Qualität? Also eher mangelhaft. Ob das der Sache zuträglich ist? Wohl kaum. Aber das muss es auch nicht. Hauptsache es gefällt dem Publikum! Der Rest ist ja auch nicht so wichtig.

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