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  • marmer

mehr als 1000 Beiträge seit 27.11.2015

Ist halt so

Der Schweizer hat schon recht mit der Feststellung dass es in D keine offene Diskussion gibt weil es hier ueberall nur so von Tabus mit wem man worueber sprechen kann wimmelt. Und sicherlich waere es segensreich wenn man diesen Zustand ueberwinden koennte. Allein das wird sich wohl kaum machen lassen. Und das hat mE zwei Gruende

Zum einen ist die soziale Bestrafung einfach ein deutsches Wesensmerkmal. Sprich das Gruppenbestrafungsverhalten durch Ausschluss lernen die Deutschen einfach von klein auf. Daher haben es die Deutschen ja auch so mit der Moral und halten sich selbst fuer unglaublich aufrecht und geradlinig. Und aus dem gleichen Grund hat es in Deutschland nie eine echte liberale politische Bewegung gegeben. Man bedenke nur dass die FDP das liberalste ist was wir in unserem Parteienspektrum haben.

Der Gruppenzwang hat natuerlich seine guten Seiten. Wenn die Gruppe mich diszipliniert dann habe ich weniger Anreize mich wie ein Asozialer zu verhalten. Vernuenftige Gemeinschaftsprojekte die die konstruktive Mitarbeit einer groesseren Gruppe brauchen sind leichter zu realisieren wenn Trittbrettfahrertum geahndet wird.

Andererseits hat der deutsche Hang zum Gruppenzwang aber auch richtig negative Seiten. Wenn eine groessere Minderheit der Gruppe sich aus irgendeinem Grund darauf koordiniert irgendwas Asoziales/ Unvernuenftiges durchsetzen zu wollen, dann kann es relativ leicht passieren dass diese Untergruppe die anderen zur Konformitaet zu zwingen schafft auch wenn sie nicht die Mehrheit darstellt. Der Gruppenzwang funktioniert naemlich auch im Negativen. Das sehe ich als den Grund dafuer dass in D Ideologien so gut funktionieren. Das sehe ich als Grund dafuer an warum das Nazi-Regime ziemlich gut funktioniert hat obwohl wahrscheinlich noch nicht mal so viele wirklich Ueberzeugungstaeter waren. Auch den Krieg hat man geschafft in alle Winkel Europas zu tragen obwohl es daheim und bei den Soldaten eigentlich gar keine so rechte Kriegsbegeisterung gegeben hat.

Neben der (wahrscheinlich kulturell) vererbten Veranlagung der Deutschen zum Gruppenzwang ist der zweite Grund dafuer dass eine offene Diskussion hierzulande eher schlechte Chancen hat, dass die Regierungen/Eliten diese Bereitschaft 'Abweichler' sofort sozial auszugrenzen seit jeher kultivieren und zu ihren eigenen Vorteilen nutzen.

Das hat auch wieder Vor- und Nachteile. Wir haben extrem stabile Regierungen. Das ist an sich gut wenn die Regierung nicht jedes Jahr wechselt und dem Land jedes Jahr mit einer neuen Ueberraschungstuete daherkommt. Auf der anderen Seite ist es aber auch sehr gefaehrlich. Und zwar gerade in der Situation die wir im Moment in D haben: eine GroKo. Eine solche Situation erfordert fast notgedrungen den Aufbau einer neuen Oppositionspartei. Dagegen koennen die Regierenden aber gut den relativ starken Hang der Deutschen zum Gruppenzwang instrumentalisieren um die Neugruendung als illegitim, schaedlich, ja sogar als verraeterisch und gefaehrlich darzustellen.

Man muss sich nur einmal die Diskussionen zu den Themen EU, Euro und Fluechtlinge anschauen. Wer in diesen Punkten die als Mainstreammeinung empfundenen Positionen in Frage stellt dem wird man nicht mit Sachargumenten entgegentreten sondern man spricht ihm und seinen Aeusserungen einfach grundsaetzlich jede Legitimitaet ab.

Die Diskussionen laufen so:

i) EU/Euro. Vorwurf: Der Euro hat laengst mehr negative als positive Auswirkungen und wird uns mittel- bis langfristig eine veritable Katastrophe bescheren. Und zwar nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht sondern auch in politischer Hinsicht weil er zum groessten Spaltpilz in Europa werden wird seit dem Ende des WKII.

Antwort: Verrat. Die EU hat 70 Jahre lang fuer Frieden gesichert. Wer jetzt Zweifel saeht und das Projekt - einschliesslich Euro - nicht uneingeschraenkt unterstuetzt der will dass der Krieg auf unseren Kontinent zurueckkehrt. Nur ewiggestrige und bildungsferne Verlierer und Nationalisten koennen EU-kritisch sein.

ii) Fluechtlinge. Vorwurf: Was hat denn die Regierung geritten bei der Entscheidung auf die Fluechtlingsfrage gleich als Einwanderungsfrage zu interpretieren? Fluechtlingshilfe hat ja erstmal Null mit politischem Asyl zu tun. Unterbringung, Versorgung und auch das Gewaehren einer Schulbildung etc. haben doch erstmal nichts mit Einwanderung und Integration zu tun. Wieso verknuepft man denn diese Fragen?

Antwort: Fremdenfeind! Rassist! Gibs doch zu, wenn du koenntest wuerdest du eh nur alle armen Syrer vergasen wollen. Du ewiggestrige abgehaengte Nazisau. In diesem Land ticken immer noch viele wie dazumal. Jetzt kommen sie wieder raus aus ihren Loechern weil sie einen Schwaecheren erkannt haben an denen sie ihre Wut ueber ihre oekonomische, kulturelle und soziale Abgehaengtheit und ihr Untermenschentum abreagieren koennen.

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