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  • Besdomny

999 Beiträge seit 01.06.2007

"Was für ein Unterschied zu den Bolschewiki ...

... mit ihren streng hierarchischen Führungsstrukturen und der
ebenfalls streng hierarchischen Roten Armee." (Zitat Ende)

Also, der Artikel ist vielleicht gut gemeint, und das Thema ist
sicherlich interessant. Aber in der vorliegenden Form hättet ihr ihn
lieber bei der "Bundeszentrale für politische Bildung" anbieten
sollen.

Der Artikel hat heftig "Schlagseite", und an verschiedenen Stellen
behauptet er schlicht Falsches.
Nehmen wir als Beispiel das obige Zitat. Das Provisorium der neu
gegründeten Roten Armee als "streng hierarchisch" zu bezeichnen ist
mehr als nur ein Witz. Denn: Wer hatte denn nun die Befehlsgewalt bei
"den Roten" um 1919? Der angeheuerte Kommandeur (meist ehemaliger
zaristischer Berufssoldat), oder sein beigeordneter Poliruk/Kommisar?
Oder: Warum hatten "Offiziere" der Roten Armee bis in die Stalinzeit
keine Schulterstücke, sondern nur kleine Marker am Kragen? Richtig:
Weil man eigentlich kein Offizierskorps aufbauen wollte. Man hatte ja
gerade erst die zaristische Armee mit ihrem Offiziersadel abgeschafft
...
Und abschließend: Welchen "Offiziersrang" hatte eigentlich
Tschapajew? Und bitte sagt jetzt nicht "Kommandeur".

Das ist nun nur EIN Beispiel (bei dem die Autoren sich wohl selbst
auf den Leim gegangen sind), aber es paßt zum Tenor des Artikels (der
einem nur allzu bekannt vorkommt): Die Leute um Machno, die
"Anarchisten", waren alles dufte Kumpels, die "Roten" dagegen böse
und gesichtslos wie die Borgs. Haben alles assimiliert.

Weiter im Text: Die Räte.
Hier hört es sich fast so an, als hätten die "Anarchisten" um Machno
diese erfunden. ;)
Nun, die "Roten" haben sie natürlich auch nicht erfunden, sondern
Räte existieren zumindest in informeller Form überall dort, wo
Menschen in Gemeinschaften miteinander zu tun haben. (Der bürgerliche
Zug, alle menschlichen Beziehungen in Vertragsverhältnissen zu
binden, ist dagegen jung).
Und die Gemeinschaft, mit der wir es hier zu tun haben, ist jene
berühmte russische Dorfgemeinschaft, mit der sich auch Marx
beschäftigt hat, nachdem ihn eine Leserin auf deren utopisches
Potential hin befragt hatte. Eine primitive Subsistenzgemeinschaft,
für die Moskau und der Zar immerschon weit weg waren, und deren
Umkreis der Arbeitsteilung an der nächsten Rayonshauptstadt endete.
Man lese einfach wieder einmal nach bei Tchechow, Tolstoi usw. Oder
in Scholochows "Stillem Don", denn nicht nur die Gegend, auch das
Äußere der "Schwarzen" auf dem 3. Bild legen Kosakisches nahe.

Machen wir es kurz. Wer widerspenstige Dorfgemeinschaften
"anarchistisch" nennen und verklären will, dem sei dies natürlich
unbenommen. Ich war ja bei Asterix auch immer für die Gallier.
Was das so Benannte aber folglich beispielsweise mit Proudhon,
westeuropäischem Anarchosyndikalismus oder gar den
individualistischen Libertären der Gegenwart zu tun haben soll, das
möge er mir bitte erklären.

Narodniki aller Länder, vereinigt euch! ;)

Grüße
Besdomny
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