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  • Irwisch

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Deutschland ist durchkorrumpiert

Und, wie es scheint, nicht nur Deutschland, sondern nahezu alle Nationalstaaten auf diesem Planeten; die Metapher von den Bananen-Republiken, als die sogenannte Dritte-Welt-Länder häufig herabwürdigt werden, trifft heute auf fast alle Staaten der Welt zu. Ehrlich gesagt wüßte ich auch nach längerem Nachdenken und Recherchieren kein Land, in welchem nicht Korruption herrscht. Das betrifft vor allem auch die USA, wo ein als militärisch-industriell-medialer Komplex genanntes Konglomerat von Profiteuren und Handlangern den Geldmächtigen kritiklos zu Diensten ist.

Wenn ich es genau überlege – war das nicht schon immer so? Hat nicht schon immer die Aussicht auf leicht verdientes großes Geld und dadurch auf unvorstellbare Machtbefugnisse Menschen zu Verrätern und Schlächtern an ihren Mitmenschen werden lassen? Sind denn Kriege etwas anderes als Raubzüge, um sich der Ressourcen eines Nachbarn zu bemächtigen?

Es gibt und gab praktisch keine riesigen Vermögen, die durch ehrliche Arbeit entstanden sind, soviel ist sicher. Wer zum Beispiel das Buch Das große Geld – Geschichte der amerikanischen Vermögen von Gustavus Myers gelesen hat, der weiß, daß diese unermeßlichen Reichtümer in der Hauptsache durch Betrug und andere kriminelle Machenschaften zustande gekommen waren. Und auch in Ferdinand Lundbergs Buch Die Reichen und die Superreichen – Macht und Allmacht des Geldes trifft man auf diese hochkriminelle Haltung der Reichen.

Edwin H. Sutherland war Soziologe und Professor und Dekan an der Universität Indiana. Er gilt als »Vater der amerikanischen Kriminologen«. Schon damals, 1925, stellte er fest, daß mehr als 98 Prozent aller Gefängnis-Insassen aus den untersten wirtschaftlichen Schichten stammten und weniger als 3 Prozent aus der sogenannten »guten Gesellschaft«. Er kam zudem zu dem Schluß, daß sich die überwiegene Mehrzahl der Armen streng an die Gesetze hält, was auch heute noch zutrifft. Die Diskrepanz zu der offenkundigen Tatsache, daß die meisten Menschen im Gefängnis sehr arm waren, ließ ihn weiterforscen. Nach langen Studien kam er zu dem Ergebnis, daß die Kriminalität – abgesehen von Affekttaten – nichts anderes als ein an Vorbildern orientiertes Verhalten, das von der Norm abweicht. Diese soziologische Orientierung findet auf verschiedene Weise statt, icht selten durch eine unmitelbare Verbindung des Kriminellen zu Menschen, die er als seine Vorbilder anerkennt und die sein Verhalten rechtfertigen.

Sutherland kam zu dem Schluß, daß die Gesetze durchaus unterschiedlich angewendet werden. Im allgemeinen werden Vergehen gegen das Eigentum oder die Eigentümer sehr viel härter geahndet als andere Rechtsverletzungen – selbst wenn die Armen dadurch ebenso betroffen werden wie die Reichen. Untaten, die für die höheren Schichten typisch sind, werden nach Sutherlands Feststellungen im allgemeinen vor besonders ausgewählten Gerichten verhandelt. Die Anklage lautet dabei zumeist auf Betrug oder finanzielle Verschwörung zum Schaden anderer in ihren verschiedenen Spielarten. Wird bei solchen Taten die Allgemeinheit geschädigt, so erkennen diese Gerichte zumeist auf leichte Strafen, selten auf Gefängnis. Und sie kleiden die Urteile in eine Form, die den Angeklagten nicht zum gemeinen Kriminellen stempelt. Aber die Verbrechen der unteren Schichten, zumeist Gewaltanwendung oder direkter Raub, häufig auch beides, werden hart geahndet, und das in einer Form, die den Verurteilten stigmatisiert. Selbst wenn ein Mensch aus der guten Gesellschaft eines derartigen rohen Verbrechens für schuldig befunden wird und nun vor dem Gericht steht, weiß der Richter bei der Urteilsbegründung durch Untertöne zu differenzieren. Hat er einen armen Mann vor sich, so liest er ihm die Leviten, während der Angeklagte den Kopf hängen läßt und seine Familie weinend auf den Zuhörerbänken sitzt. Wenn aber ein »besserer Herr« sich vor dem Gericht wegen Fälschung zum Schaden des Steuerzahlers zu verantworten hat, so sagt der Richter (zum Beispiel in einem von Sutherland zitierten Fall): »Sie sind ein Mann von Weltkenntnis, Erfahrung und Kultur, Sie haben einen guten Ruf im geschäftlichen und gesellschaftlichen Leben.« Dessen ungeachtet hatte der Prozeß gerade bewiesen, daß es sich bei dem Angeklagten um einen wirklichen Kriminellen handelte. Welche traurige Pflicht hat der Richter doch in einem solchen Fall zu erfüllen, verglichen mit jener sehr viel schöneren Sache, bei der er irgendeiner verachtungswürdigen Kreatur, die wegen bewaffneten Raubes vor ihm steht, ins Gesicht schleudern kann: »Ich verurteile Sie zu zwanzig Jahren Gefängnis mit Arbeitslager!«

Für das riesige Ausmaß an Vergehen und Verbrechen in der modernen Gesellschaft, und zwar in allen ihren Schichten, hat Sutherland eine eindeutige Erklärung:

Nachdem der Adel als herrschende Schicht verschwunden ist, haben die erfolgreichen Geschäftsleute die Rolle der neuen Elite übernommen, und wer Vermögen hat, rückte dadurch an die Spitze der sozialen Wertskala; umgekehrt wurde Armut zum Makel. Reichtum wurde so mit gesellschaftlichem Renommee gleichgesetzt, und das wurde der Öffentlichkeit durch einen entsprechenden Konsumstil klargemacht. Das Verlangen nach Symbolen für ein luxuriöses, leichtes und erfolgreiches Leben zeigte sich in allen Klassen – angestachelt durch den Wetteifer im Verbrauch und den Wettstreit der Verkäufer. Das einfache Leben galt zunehmend als unbefriedigend (...). In einem sozialen System, das so großen Wert auf den materiellen Erfolg legt und nicht sehr viel Aufhebens von der Frage macht, mit welchen honorigen Mitteln man ihn erreichen kann, ist eine hohe Kriminalitätsrate zu erwarten.

Ich kann die genannte Literatur nur jedem empfehlen, der sich abseits vom eigentlich nichtssagenden Mainstream darüber informieren möchte, wie und warum es – nicht erst in der Moderne – zu diesen großen Geld- und Machtansammlungen gekommen ist.

Weitere in diese Zusammenhang sehr wertvolle Lektüre:

Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Max Webers berühmte Studie zur Protestantischen Ethik hat bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Ausgehend von der Frage, worin die Besonderheit der abendländischen Moderne besteht, beginnt Max Weber mit der Suche nach den Grundlagen und Voraussetzungen des modernen Kapitalismus. Er stößt auf eine spezifische, protestantische Ethik als eine der entscheidenden Wurzeln der typisch abendländischen Form des Wirtschaftens, die dem Kapitalismus eine ideelle Grundlage bot und am weitesten entgegenkam. In der vorliegenden vollständigen Ausgabe sind – neben den Originaltexten von 1920 – auch Webers leidenschaftliche Reaktionen auf die Kritiker seiner Schrift nachzulesen. Es ist die erste vollständige Sammlung aller Schriften Max Webers zur Rolle des Protestantismus bei der Herausbildung des modernen Kapitalismus.
3. Auflage. 2010
© Verlag C.H.Beck oHG, München 2004
ISBN Buch 978 3 406 60200 9
ISBN eBook 978 3 406 62382 0

Niklas Luhmann: Macht
4. Auflage 2012
UVK Verlagsgesellschaft mbH
EPUB-ISBN 978-3-8463-3714-1

Erving Goffman: Wir alle spielen Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag
Diese Untersuchung ist als Führer gedacht, der im einzelnen eine bestimmte soziologische Perspektive darlegt, aus der heraus man das soziale Leben – und zwar so, wie es in den räumlichen Grenzen eines Gebäudes oder einer Fabrik organisiert ist – studieren kann. Eine Reihe von Grundzügen wird beschrieben, die zusammen den Rahmen bilden, der für jedes soziale Gefüge, sei es häuslicher, industrieller oder kommerzieller Art, Gültigkeit hat. Die Gesichtspunkte, die in diesem Bericht angewandt wurden, sind die einer Theatervorstellung, das heißt, sie sind von der Dramaturgie abgeleitet. Ich werde darauf eingehen, wie in normalen Arbeitssituationen der Einzelne sich selbst und seine Tätigkeit anderen darstellt, mit welchen Mitteln er den Eindruck, den er auf jene macht, kontrolliert und lenkt, welche Dinge er tun oder nicht tun darf, wenn er sich in seiner Selbstdarstellung vor ihnen behaupten will.
Texte und Studien zur Soziologie. Herausgegeben von Professor Rüdiger Lautmann & Professor Friedhelm Neidhardt & Professor Fritz Sack
Aus dem Amerikanischen von Peter Weber-Schäfer
Die Original-Ausgabe erschien 1959 unter dem Titel
»The Presentation of Self in Everyday Life«
ISBN 3-492-01749-5

Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen
Es geht hier nicht um die »Macht der Journalisten« und noch weniger um den Journalismus als »vierte Macht«, sondern um den Einfluß, den die Mechanismen eines den Anforderungen des Marktes (der Leser und der Anzeigenkunden) immer stärker unterworfenen journalistischen Feldes ausüben, einen Einfluß, der sich zunächst auf die Journalisten (und die als Journalisten arbeitenden Intellektuellen) selbst auswirkt und anschließend, und zum Teil durch ihre Vermittlung, auf die verschiedenen Felder der Kulturproduktion, das juristische, das literarische, das künstlerische, das wissenschaftliche. Es handelt sich also darum, zu prüfen, wie tief der von diesem – selbst von den Zwängen des Marktes dominierten – Feld ausgehende strukturelle Zwang die Kräfteverhältnisse innerhalb der verschiedenen Felder modifiziert, wie weit er beeinflußt, was man dort macht und was dort geschieht, und wie in diesen auf der Erscheinungsebene sehr unterschiedlichen Welten sehr ähnliche Effekte hervorgerufen werden.
edition suhrkamp, Erste Auflage, Titel der Originalausgabe: Sur la télévision.

Zahlreiche Bücher weisen darauf hin, daß nicht erst die Struktur der Gesellschaft, sondern vor allem auch die allermeisten Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft mit ihrer Haltung, ihrem Denken und ihren Handlungen dazu beitragen, das bestehende System mit Energie zu versorgen und damit zu stabilisieren und zu reproduzieren. Das ist den meisten Menschen leider nicht einmal ansatzweise bewußt. Ich habe mich vor fast 20 Jahren dazu entschlossen, das nicht mehr zu tun und lebe seither in großer Armut ... die mir aber nicht wirklich schadet, so lange ich keine Mangelerscheinungen durch Mangelernährung hinnehmen muß und man mir nicht meine Wohnung wegnimmt.

https://tinyurl.com/y7zysbjc

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (09.07.2020 13:44).

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