Avatar von Dracocephalus
  • Dracocephalus

mehr als 1000 Beiträge seit 25.09.2002

Krieg und Gerechtigkeit...das klappt nicht

Man muß sich leider bei jeglicher Konfrontation von der Vorstellung
trennen, daß es die Guten und die Bösen gibt. OK, wer in Ruhe seine
Krume beackert und höchstens mal eine zünftige Prügelei im hiesigen
Wirthaus hatte, aber sonst keinem Menschen ein Leid antat und dann
von einem Rollkommando die Familie weggeballert bekommt, weil sie
z.B. einen bestimmten Glauben haben (oder in einer Gegen wohnen, wo
die Mehrheit diesen Glauben hat - mal also ein statistischer
Ausreißer war), zur falschen Zeit am falschen Ort waren, bei einer
willkürlichen oder auch mannigfaltig historischen Grenzziehung auf
der falschen Seiten wohnten oder was auch immer. Solch ein Mensch
wird wohl von jedem als unschuldiges Opfer anerkannt werden. 

Wenn sich nun aber dieser Mensch in seinem Leid der Gewalt und Rache
zuwendet (was wohl jeder verstehen könnte) und seinerseits Gleiches
mit Gleichem vergeltet, wird er zum Täter. Ja, er mag seine Gründe
haben. Ja, es mag auch in seinen Augen gerecht gewesen sein, aber das
Opfer, mit dem er eigentlich Kumpan im Geiste ist, wird das anders
sehen.

Wenn nun also Widerständler, denen unermeßliches Leid angetan wurde,
ihrerseits von hehrer Gerechtigkeit zu blinder Rache wechseln, werden
sie Täter. Damit wird keineswegs Ihr eigenes Leiden und die
schrecklichen Taten, die an ihnen verübt wurden, kleingeredet. Es
gibt schlicht eine Trennung zwischen diesen Ebenen. Man kann
gleichzeitig Opfer und Täter sein, bemitleidenswert und verhaßt,
unschuldig und schuldig. 

Steht man für seine Taten als Held da, dient also anderen als
Vorbild, ist es menschliche Pflicht, die eigenen (Helden?)Taten zu
überdenken. Habe ich wirklich nur solche getötet, die direkt schuldig
waren, die sich an Massakern, am sinnfreien Töten zum Spaß, an
Säuberungen gemäß einer widerwärtigen Direktive beteiligt haben? Oder
habe ich in meinem Durst nach Rache und Gerechtigkeit selber Schuld
auf mich geladen? Bin ich nicht auch zum Täter geworden? Keinen Deut
anders als die von mir Gehaßten? 
Nur wenn man das definitiv mit "Nein!" beantworten kann, darf man
auf's hohe, moralische Roß steigen und andere für ihre Taten
verdammen. Aber selbst dann muß man, wie es auch in der Justiz üblich
ist, versuchen zu ermitteln, ob diese Person überhaupt noch Herr über
sich war. Das ist schwer, denn Tod, Leid, Krieg tendieren dazu, die
moralische Seite im Menschen zu verdrängen und die eher egoistische
Seite herauszukehren. Teilt man sein karges Mahl, sind vielleicht
Spender und Empfänger in zwei Tagen verhungert. Teil man nicht,
stirbt der eine früher, der andere später. Wer auf dem Schlachtfeld
nicht tötet, hat eine höhere Chance selber getötet zu werden. Wann
ist es Mord, wann Totschlag? Beim Essenklauen überrascht, verteidigt
der besitzende Hungernde sein Gut gegen den stehlenden Hungernden.
Soll man sterben, weil man nicht stehlen darf? Darf man den anderen
töten, weil er nicht teilt? Ich fürchte, nur wenige Menschen sind in
solchen Momenten in der Lage über ihren evolutiven Schatten zu
springen und den nahenden Tod, anstatt des moralischen Verfalls in
Kauf zu nehmen. 

Krieg und Leid sind ein guter Nährboden für jegliche Dilemma. Was uns
wieder zu den Widerständlern bringt. 
Wie es scheint, haben sie getötet. Warum ist in erster Instanz egal.
Es war keine Notwehr, soviel ist sicher. Zu versuchen, dies zu
verschleiern oder sich gar schönzureden ist zwar menschlich (wie
sonst sollte man noch in den Spiegel schauen können?), aber ändert
nichts an der verabscheuungswürdigen Tat. Wer wahrhaft aufrichtig
sein will, muß dazu stehen. Muß sagen: Ja, ich stehe hier als Held,
aber ich bin es nicht. Ich bin ebenso ein Tier, wie die anderen, die
wir verurteilen. Ich habe getötet ohne Not, ohne Moral. Ich bin
schuldig. Ich bin kein Held.
Diese Einsicht allein macht noch nichts ungeschehen, sie ist nur ein
Schritt zur Einsicht. Die Einsicht, daß es in Kriegen, viele Opfer
und noch mehr Täter gibt und es eine gewaltige Schnittmenge gibt. 

Es ist daher durchaus gerechtfertigt, auch solche Täter zu be- oder
gar verurteilen, die man eigentlich auf der Seite der Guten wähnte.
Dabei darf man natürlich nicht den gleichen Fehler mit anderem
Vorzeichen machen und nun die andere Seite als arme Opfer darstellen.
Dann muß man sich schon die Frage gefallen lassen: Will man wirklich
Gerechtigkeit oder nur eine Entschuldigung für andere Taten? Eine
rituelle Waschung, die alle Schuld auf andere verschiebt, das
Augenmerk von einem selber ablenkt? Wie es mit Menschen nun mal so
ist, ist Gerechtigkeit, so man dann von diesem Ideal überhaupt
sprechen darf, meist nicht auf der Tagesordnung. Sich selbst und
anderen die Last der unweigerlichen Schuld zu nehmen, der
historischen Verantwortung, die spätere Generationen zu tragen haben,
ist eine zutiefst selbstsüchtige Tat, denn sie ignoriert in der Regel
die eigenen Verfehlungen, blendet sie aus, rechtfertigt sie und kommt
am Ende zu dem Schluß, daß der Wert der guten Taten, die der bösen
Taten übersteigt und man selber damit einen reservierten Flug 1.
Klasse ins Himmelreich verdient hat. Man vergißt nur zu leicht dabei,
daß keine Guten Taten, uns sei ihre Zahl Legion, auch nur ein Böse
Tat ungeschehen machen kann. Nur die Opfer selber wären in der Lage,
diese Schuld durch Verzeihung zu tilgen. Wenn man es denn schafft
sich selber zu verzeihen. Denn das ist wieder ein Dilemma. Menschen,
die ernsthaft gut und gerecht sein wollen, kann zwar verziehen
werden, aber sie selber sind zu ehrlich, sich selber zu verzeihen.
Sie leben tagtäglich mit ihren Taten und können nur hoffen, durch
entsprechendes Verhalten andere vor solche Fehler zu bewahren. Sie
selber streben keine Absolution an, sie begnügen sich mit Akzeptanz.
Wer aber seine Taten vor sich selbst verleugnet, begibt sich auf
sumpfigen Untergrund und wird unweigerlich untergehen. Entweder er
zerbricht an dem gelebten Widerspruch oder aber andere halten ihm den
Spiegel vor. Bricht die Erkenntnis sich den Weg, wird das eigene
Antlitz zur Fratze. Entweder es folg unauflösliche Reue oder
gorgonische Versteinerung, an der alles abperlt. Letztere sind es
auch, die sich lebenslang gegen die Wahrheit, ihre Schuld, sträuben,
die Realität verleugnen, weil das Eingeständnis ihrer Taten nicht zu
verkraften ist. Daher gibt es soviele die "nichts gewußt haben". Die
"nichts gesehen haben". Aber ansonsten natürlich sofort und bis zum
Tode geholfen hätten. Das ist auch menschlich, was es nicht besser
macht...

Einsicht und Wissen sind die Waffen der wahren Helden. Das sind aber
leider viel zu selten diejenigen, die sich hervortun und an
Positionen der Macht sitzen.

D.
Bewerten
- +
Anzeige