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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Wieso wird nicht über die Ursachen diskutiert?

Ein wichtiges Faktum wird in all den Diskussionen über
Kindesmißbrauch und -mißhandlung nur sehr selten oder gar nicht
erwähnt: Kein Mensch kommt als Pädophiler zur Welt! Daher scheint mir
die Frage, wie die Gesellschaft Kindesmißbrauch reproduziert, nicht
nur erlaubt, sondern essentiell.

Beim sexuellen wie beim nicht-sexuellen Kindesmißbrauch (und übrigens
auch bei jeder Vergewaltigung) geht es nicht um die Befriedigung
sexueller Bedürfnisse, sondern um die Ausübung von Macht. Macht kann
man immer nur gegenüber Schwächeren ausüben, der Stärkere wehrt sich
erfolgreich gegen Kräfte, die ihm etwas anhaben wollen.

Der Vater des von Sigmund Freud beschriebenen paranoiden Patienten
Schreber hatte Mitte des 19. Jhts. Erziehungsbücher geschrieben, die
in Deutschland mit einer vierzigfachen Auflage eine große Popularität
erreichten und sogar in mehrere Sprachen übersetzt wurden. In diesen
Erziehungsbüchern wurde vor allem Wert darauf gelegt, daß man mit der
Erziehung des Kindes schon im 5. Monat beginnen müsse, wenn man es
vom schädlichen "Unkraut befreien" wolle. Die Inhalte dieser Bücher
durchdrangen die ganze Gesellschaft und wurden im 3. Reich durch noch
härtere Empfehlungen fortgeschrieben.

"Die Strafe folgte auf großem Fuß. Zehn Tage lang, zu lang für jedes
Gewissen, segnete mein Vater die ausgestreckten, vier Jahre alten
Handflächen seines Kindes mit scharfem Stöckchen. Sieben Tatzen
täglich auf jede Hand: macht hundertvierzig Tatzen und etwas mehr: es
machte der Unschuld des Kindes ein Ende. Was immer im Paradies
geschah, mit Adam, Eva, Lilith, Schlange und Apfel, das gerechte
biblische Schlagwetter vor der Zeit, das Gebrüll des Allmächtigen und
sein ausweisender Finger – ich weiß davon nichts. Es war mein Vater,
der mich von dort vertrieb." (Christoph Meckel, "Suchbild : über
meinen Vater")

"Es ist ganz natürlich, daß die Seele ihren Willen haben will, und
wenn man nicht in den ersten zwei Jahren die Sache richtig gemacht
hat, so kommt man hernach schwerlich zum Ziel. Diese ersten Jahre
haben unter anderem auch den Vorteil, daß man da Gewalt und Zwang
brauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen
in ihrer ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den
Willen benehmen, so erinnern sie sich hernach niemals mehr, daß sie
einen Willen gehabt haben, und die Schärfe, die man wird brauchen
müssen, hat auch deswegen keine schlimmen Folgen. (1748)

Ungehorsam ist ebenso gut, als eine Kriegserklärung gegen eure
Person. Euer Sohn will euch die Herrschaft rauben, und ihr seid
befugt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, um euer Ansehen zu
befestigen, ohne welches bei ihm keine Erziehung stattfindet. Dieses
Schlagen muß kein bloßes Spielwerk sein, sondern ihn überzeugen, daß
ihr sein Herr seid. (1752)

Die Bibel sagt (Sirach 30,1): 'Wer sein Kind lieb hat, der hält es
stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe.'

Ganz besonders wurde ich immer darauf hingewiesen, daß ich Wünsche
oder Anordnungen der Eltern, der Lehrer, Pfarrer usw., ja aller
Erwachsenen bis zum Dienstpersonal unverzüglich durchzuführen bzw. zu
befolgen hätte und mich durch nichts davon abhalten lassen dürfe. Was
diese sagen, sei immer richtig. Diese Erziehungsgrundsätze sind mir
in Fleisch und Blut übergegangen. (Der Auschwitz-Kommandant Rudolf
Höss)

Was für ein Glück für die Regierenden, daß die Menschen nicht denken.
(Adolf Hitler)" (Zitate aus: Alice Miller, "Am Anfang war Erziehung")

Erstaunlich, wieviel psychologisches Wissen dieser "Erzieher" schon
vor 200 Jahren besaßen. Tatsächlich "vergessen" Kinder mit den Jahren
alles, was ihnen in der frühen Kindheit begegnet ist: "Sie erinnern
sich hernach niemals mehr, daß sie überhaupt einen Willen gehabt
haben". Die Fortsetzung dieses Satzes stimmt jedoch nicht, daß
nämlich die Härte der Erziehung keine schlimmen Folgen hätte. Im
Gegenteil: Juristen, Politiker, Psychiater, Ärzte und Gefängniswärter
haben mit diesen schlimmen Folgen zu tun, meist ohne es auch nur zu
ahnen.

Immer wieder wird von Laien der Einwand erhoben, daß es Menschen
gebe, die eine schwere Kindheit hatten, ohne neurotisch zu werden,
während andere, die in "behüteten Verhältnissen" aufwuchsen,
psychisch krank wurden. Neurosen wären damit Ausdruck einer
Veranlagung, den Einfluß des Elternhauses gibt es somit nicht. Wie
konnte es zu diesem fatalen Irrtum kommen? Nun, man betrachtet
Menschen, die sich gesellschaftlich angepaßt haben und damit
erfolgreich sind, eben niemals als neurotisch, weil es nicht weiter
auffällt, wenn sie neurotische Bedürfnisse im Rahmen ihrer
gesellschaftlichen Position abreagieren. Durch diese ständige
Abreaktionsmöglichkeit wirken sie relativ normal, weil sich kein
neurotischer Druck anstauen kann. In auffallendem Gegensatz dazu
stehen Neurotiker, die angeblich in behüteten Verhältnissen
aufgewachsen sind, was ihnen laut obiger Argumentation schlecht
bekam. Doch nicht nur physische Gewalt kann die Bildung von Neurosen
begünstigen, sondern ebenso psychische Gewalt. Diese ist von
Außenstehenden meist nicht wahrnehmbar, weil sie stets hinter
verschlossenen Türen stattfindet und - wenn berichtet - sehr
unglaubwürdig wirkt: Als ich damals den Eltern einer Schülerin, der
ich Nachhilfe in Mathe gab, erklärte, daß ich nicht mehr kommen
konnte, weil meine Mutter mich für zu blöde hielt, solchen Unterricht
zu erteilen und es mir aus diesem Grund verboten hatte, konnten die
das nicht glauben und nahmen an, ich hätte keine Lust mehr dazu.

"Neurosen und Psychosen sind nicht direkte Folgen realer
Frustrationen, sondern sie sind Ausdruck der Verdrängung von Traumen.
Wenn es vor allem darum geht, Kinder so zu erziehen, daß sie nicht
merken, was man ihnen zufügt, was man ihnen nimmt, was sie dabei
verlieren, wer sie sonst gewesen wären und wer sie überhaupt sind,
und wenn diese Erziehung früh genug einsetzt, wird der Erwachsene
später den Willen des anderen, ungeachtet seiner Intelligenz, als den
eigenen erleben. Wie kann er wissen, daß sein eigener Wille gebrochen
wurde, da er ihn nie erfahren durfte? Und doch wird er daran
erkranken können. Hat aber ein Kind Hunger, Flucht, Bombenangriffe so
erlebt, daß es sich von seinen Eltern als abgetrennte Person
ernstgenommen und respektiert fühlte, dann wird es nicht aufgrund
dieser realen Traumen krank werden. Es hat sogar die Chance,
Erinnerungen an diese Erlebnisse zu behalten (weil zugewandte
Bezugspersonen es begleitet haben) und damit seine Innenwelt zu
bereichern." (Alice Miller, a.a.O)

"Die Motive des Schlagens sind die gleichen geblieben: die Eltern
kämpfen bei ihrem Kind um die Macht, die sie bei ihren eigenen Eltern
eingebüßt haben. Das Bedrohtsein der ersten Lebensjahre, das sie
nicht erinnern können, erleben sie bei den eigenen Kindern zum ersten
Mal, und hier erst, beim Schwächeren, wehren sie sich oft ganz
massiv. Dazu dienen unzählige Rationalisierungen, die sich bis heute
erhalten haben. Obwohl Eltern immer aus inneren Gründen, d.h. aus der
eigenen Not, ihre Kinder mißhandeln, gilt es in unserer Gesellschaft
als klare, ausgemachte Sache, daß diese Behandlung für die Kinder gut
sein soll. Nicht zuletzt die Sorgfalt, die man dieser Argumentation
angedeihen läßt, verrät ihre Doppelbödigkeit. Obwohl diese Argumente
jeder psychologischen Erfahrung widersprechen, werden sie von
Generation zu Generation weitergereicht." (Alice Miller, a.a.O)

"Es gibt viele gute Bücher, die über die Schädlichkeit und
Grausamkeit der Erziehung berichten (z.B. E. von Braunmühl, L. de
Mause, K. Rutschky, M. Schatzman, K. Zimmer). Warum vermag dieses
Wissen so wenig in der Öffentlichkeit zu verändern? Ich habe mich
früher mit den zahlreichen individuellen Gründen für diese
Schwierigkeiten beschäftigt, meine aber, daß in der Behandlung der
Kinder auch eine allgemeingültige psychologische Gesetzmäßigkeit
anzutreffen ist, die es aufzudecken gilt: die Machtausübung des
Erwachsenen über das Kind, die wie keine andere verborgen und
ungestraft bleiben kann. Die Aufdeckung dieses fast ubiquitären
Mechanismus ist oberflächlich gesehen gegen das Interesse von uns
allen (wer verzichtet schon leicht auf die Abfuhrmöglichkeit
aufgestauter Affekte und auf die Rationalisierungen zur Erhaltung des
guten Gewissens?), aber sie ist dringend notwendig im Interesse der
späteren Generationen. Denn je leichter es dank der Technik sein
wird, mit einem Knopfdruck Tausende von Menschen umzubringen, um so
wichtiger ist es, daß im öffentlichen Bewußtsein die ganze Wahrheit
darüber zugelassen werde, wie der Wunsch, das Leben von Millionen von
Menschen auszulöschen, entstehen kann. Schläge sind nur eine Form der
Mißhandlung, sie sind immer erniedrigend, weil das Kind sich nicht
dagegen wehren darf und den Eltern dafür Dank und Respekt schulden
soll." (Alice Miller, a.a.O)
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