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  • MG 0815

48 Beiträge seit 29.06.2011

Besseres als Diaspora* gibt's schon länger als Diaspora*

Und wieder wird als Alternative zu Facebook nur Diaspora* genannt. Warum? Weil Diaspora* den Medien bekannt ist. Warum das? Weil es um Diaspora* damals den riesigen Medienhype gab. Warum wiederum das? Weil die Diaspora*-Entwickler sich mit einer Crowdfunding-Kampagne an die Weltöffentlichkeit gewandt und damit die ganze Welt auf ein "Facebook ohne Facebook" geil gemacht haben.

Dann gab es aber auch einen, der hat kein Crowdfunding gebraucht. Der hat sich einfach ganz unspektakulär hingesetzt und entwickelt und kein großes Medien-Trara darum gemacht. Mike MacGirvin. Und der hat mittlerweile, inzwischen mit Community-Hilfe, zwei Social Networks aus der Taufe gehoben, denen beiden Diaspora* das Wasser nicht reichen kann, was die Features und technischen Möglichkeiten angeht. Im Vergleich zu dem, was diese beiden Netzwerke können und den Usern bieten, ist Diaspora* kaum mehr als ein glorifizierter Mikrobloggingdienst ohne "Mikro".

Das erste ist Friendica. Ich will's mal so sagen: Als die Diaspora*-Crowdfunding-Kampagne anlief, bevor also eine einzige Codezeile geschrieben war, konnte Friendica schon mehr, als Diaspora* es heute kann, und hatte keine Null mehr vor dem Punkt, sondern seinen ersten Point-Release schon hinter sich. Nur hieß es damals noch nicht Friendica, auch noch nicht Friendika, wie es davor hieß, sondern Mistpark, bis ein des Deutschen mächtiger Entwickler Mike MacGirvin darauf hinwies, daß der Name ein bißchen unglücklich klingen kann.

Der Gedanke hinter Friendica geht noch viel weiter als der hinter Diaspora*. Bei Diaspora* verbinden sich die Pods miteinander. Bei Friendica verbinden sich die Nodes miteinander und mit allen möglichen anderen Diensten. Das nennt sich Föderation. Es kommen ja immer wieder Leute auf die Idee: "Hey, man müßte eigentlich mal ein Social Network entwickeln, das nicht nur jeder bei sich zu Hause betreiben kann, sondern das sich auch mit Netzwerken wie Facebook oder Twitter verbinden kann. Wär das nicht geil?" Gibt's schon, heißt Friendica.

So nach und nach kamen nämlich Verbindungen zustande zu GNU social (als das noch StatusNet hieß), Twitter, Facebook, Diaspora* (als Diaspora* noch keine API hatte und die Friendica-Entwickler sich durch den Diaspora*-Code wühlen mußten, um sich ohne Schnittstelle in Diaspora* einklinken zu können), Wordpress, RSS, E-Mail usw. usf. Man kann sagen: Wenn es irgendwie ging, wurde es gemacht, und zwar komplett von den Friendica-Leuten ohne Zutun der anderen Seite.

Ein weiterer technischer Vorteil von Friendica gegenüber Diaspora* ist: Während Diaspora* eine gewisse Mindestversion von Ruby on Rails benötigte (früher brauchte es außerdem nicht nur MongoDB, sondern es lief nur auf Macs), läuft Friendica auf LAMP-Stacks. Es gibt sogar eine fix und fertig einsatzbereite VirtualBox-Maschine, die leider auf einem älteren Debian basiert und ewig nicht aktualisiert wurde. Es hat aber auch zwei große technische Probleme.

Das eine kommt mit der Föderation. Wie gesagt, die Gegenseiten haben sich an der Föderation gar nicht beteiligt, sondern entweder tatenlos zugesehen oder es gar nicht bemerkt. Und dann gab es die, die die Föderation nicht nur nicht wollten, sondern aktiv dagegen vorgingen. Und das waren die großen kommerziellen Walled Gardens Facebook und Twitter, in deren Gartenmauern Friendica Löcher stemmte. Twitter änderte seine API in einem Versuch, Friendica auszusperren. Gleiche Masche wie damals MSN, Yahoo! Messenger, AIM und ICQ, die alle Naselang ihr undokumentiertes Protokoll änderten, um Multiclients und Jabber-Transports loswerden zu können, und sei es nur für ein paar Tage. Und Facebook änderte seine Geschäftsbedingungen so, daß man von außerhalb Daten nur noch in Facebook einbringen kann, aber nicht mehr extrahieren darf. Wer als Administrator eines Node das Facebook-Plugin auf seinem Node laufen ließ, riskierte damit die Sperrung seines Facebook-Account, und wenn der gesperrt war, ging auf dem Node das Plugin nicht mehr. Seitdem gibt es zwei Facebook-Plugins, von denen das neuere nur noch in eine Richtung funktioniert.

Das andere Problem ist, daß Friendica durch seine Featuritis ein Leistungsfresser ist. Hinzu kommt, daß niemand seinen Node gänzlich ohne Plugins fährt, die ja auch Leistung schlucken. Da ist übrigens das alte Facebook-Plugin extrem. Die Folge ist, daß selbst auf einem dedizierten Server mit entsprechender Hardware, ich rede also nicht von kleinen Barebones oder Nettops, vielleicht etwas mehr als hundert User Platz haben. Eine massive Weiterausbreitung von Friendica würde also bedingen, daß viel, viel mehr Leute auf eigene Kosten öffentliche Nodes betreiben.

Friendica geriet zu einer Art Sackgasse, wird aber immer noch weiterentwickelt. Derweil sprang Mike MacGirvin ab und entwickelte daraus ein weiteres Social Network weiter, das wesentlich schlanker sein sollte, das den Fokus nicht mehr auf massenhafte Föderation setzen sollte (nur noch mit Diaspora* und Friendica, beide über das Diaspora*-Plugin, aber immer noch bidirektional), und das sich statt dessen mehr Richtung Privatsphäre sowie Redundanz und schnelles Node-Wechseln, quasi Online-Nomadentum, konzentriert. Erst hieß es Red (nicht die Farbe, sondern aus dem Spanischen), aber weil es bei dem Namen zu Verwirrungen kam, wurde es in Hubzilla umbenannt.

Soweit ich weiß, hat Hubzilla inzwischen mindestens die Nutzerzahl von Friendica.

Dadurch, daß beide selbst im Vergleich zu Diaspora* noch obskurer sind, haben sie auch eine nochmals andere Nutzerschaft. Den vielbeschworenen "Otto Normalverbraucher" trifft man auf beiden nicht an. Während aber Diaspora* ein Hipster-Tummelplatz ist, trifft man auf Friendica und Hubzilla zum einen auf FLOSS-affine Geeks und zum anderen auf linksliberale bis libertäre Alternative, nicht selten gar Aktivisten, die sich auf den praktisch unbekannten Netzwerken vor den Augen staatlicher Institutionen, denen sie ein Dorn im Auge sind, noch werden oder sein könnten, noch sicherer fühlen als auf dem vergleichsweise bekannteren Diaspora*. Dritte Zielgruppe sind die, die sich von Diaspora* mehr erhofft haben, denen da aber die Entwicklung zu langsam voranschreitet.

http://friendi.ca/

https://project.hubzilla.org/

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