Avatar von yossarian
  • yossarian

mehr als 1000 Beiträge seit 20.06.2000

motion studies im Finanzamt

Also diese Heilslehre von der "Effizienzsteigerung" ist ja wirklich
einigermaßen naiv. Schon vor 100 Jahren hat ein gewisser Taylor den
nach ihm benannten Taylorismus entwickelt, indem er Bewegungsstudien
durchführte damit der gemeine Stahlarbeitersklave noch mehr
Werkstücke pro Zeiteinheit von A nach B tragen kann: Genau das
Gleiche, was heute unter den Begriffen "NSM" (Neues Steuerungsmodell)
oder "Evaluation der Verwaltung" so populär ist. Und der Herr Mohn
fördert ja die Effizienz-Ideologie erheblich.

Der realexistierende Kapitalismus basiert nicht auf effizienter
Produktion sondern auf Beschiß. Denn effizient (möglichst billig),
sollen immer nur die anderen sein, nie man selbst: Effizienz ist
RELATIV, denn am Ende steht der Effizienzgewinn da muß gefragt
werden? Für wen effizient, für wenn nicht?

Aus meiner Evaluation der Arbeitsbeziehungen wäre es ein hoch
effizienter Weg zur Steigerung meines Lebensglücks, wenn die
Wochenarbeitszeit auf 10 Stunden reduziert würde.

Wenn bei Siemens im Vorstand hingegen evaluiert wird, so ist das Ziel
nicht die effiziente Steigerung des Lebensglücks der Angestellten,
sondern die Maximierung des Profits: Dafür soll man dann 40 h pro
Woche arbeiten.

Hieraus ergeben sich Konflikte, denn beide Effizienzansprüche
Steigerung Lebensglück vs. Steigerung Profit kollidieren erheblich.
Bei Marx heißt das dann Klassenkampf.

Und der ganze Effizienzfetisch tritt sich spätestens dann selbst in
den Arsch, wenn die große unabhängige Behörde (BM-Stiftung) zur
Effizienzevaluation Deutschlands und der Welt gegründet wird. Wenn
man jetzt den Gedanken ernstnimmt, so ist natürlich klar, daß wir
eine zweite Behörde zur Effizienzkontrolle der Bertelsmannstiftung
brauchen. Es muß unbedingt evaluiert werden ob die Bertelsmänner
nicht noch viel besser evaluieren könnten. Und dann brauchen wir
natürlich noch eine Dritte Behörde, die die
Bertelsmann-Kontroll-Behörde evaluiert.

In Ostdeutschland wohnt ja niemand mehr, da können wir also billig
die ganzen Effizienzsteigerungsevaluations-Behörden hinbauen.

Und es ist natürlich klar, das wir umso genauer evaluieren können, je
mehr Resourcen wir in die Evaluation und Effizienzsteigerungsprojekte
stecken. Am Ende sind wir alle Evaluateure, jeder evaluiert jeden und
es wird nix mehr produktiv geschafft:

Aber wir wissen ganz genau, wie es richtig und effizient wäre, wenn
wir es auch machen würden.  Und uns nicht ständig evaluieren müßten.
Aber das Gute kann immer noch weiter verbessert werden: Deswegen
müssen wir weiter evaluieren, bis zum jüngsten Tag.

Das ganze System ist einigermaßen wahnsinnig, irrational und wird nur
zu Ausbeuterzwecken eingesetzt: "Effizienz" heißt konkret für das
Volk unter Herrn Mohn: Mehr arbeiten, weniger verdienen, kürzer Leben
(spart die Rente), weniger Krankenversicherung (kost bloß Geld). Aber
der Herr Mohn kann gerne in ein Obdachlosenasyl ziehen, seine Villen
verkaufen und mit dem Geld weitere Effizienzprojekte finanzieren. Das
wäre bestimmt sehr effizient für den Konzern BM. Wer immer nur an
sich denkt, der ist nun wirklich nicht effizient.

mfG, yossarian
Bewerten
- +