Avatar von Irwisch
  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Über Angstbeißer und Raffgeister

Für den Durchschnittsbürger mit halbwegs intakter Integrität [1] besteht kein Zweifel, worum es bei dieser ganzen Schaumschlägerei wirklich geht: Um die Deutungshoheit und die damit verbundenen Machtpositionen. Wer Macht über andere Menschen ausübt, unterwirft sie seinem Willen, in der Regel gegen den Willen der Unterworfenen. Daher muß der Mächtige ständig darüber wachen, daß die Unterworfenen ein gewisses Maß an Unterwürfigkeit und Gehorsam nicht unterschreiten, denn sonst wäre seine Machtposition gefährdet. Eine solche Position stellt jedoch keine Garantie für immerwährende Gültigkeit dar, schon gar nicht für Führungsqualitäten oder gar Weisheit oder Größe. Eine solche Position kann mitunter sehr schnell geändert werden. Wer seine Machtposition verliert, kommt möglicherweise, falls er mit dem Leben davonkommt, nicht mit dem Leben danach zurecht und empfindet daher entsprechend große Angst davor. Diese Angst läßt ihn bissig werden, und so beißen sie denn weiterhin gegeneinander los.

Am meisten schmerzt den einst Mächtigen, der seine Machtposition verloren hat, der Verlust des Selbstbildes. Man darf nämlich ohne Übertreibung davon ausgehen, daß Menschen, die nach Macht über andere streben, in aller Regel an einer psychischen Störung leiden, die der Psychologe oder vielmehr der Psychoanalytiker als Narzißmus [2] kennt. Nach Erich Fromm besteht seelische Gesundheit in einem Minimum an Narzißmus:

Freud verstand unter Narzißmus eine Einstellung, bei der das, was subjektiv ist, meine eigenen Gefühle, meine körperlichen Bedürfnisse, meine anderen Bedürfnisse, eine sehr viel größere Realität darstellen als das, was objektiv ist, was außerhalb ist. Die eindrucksvollsten Beispiele sind der Säugling, besonders das Neugeborene, und ein psychotischer Mensch. Für den Säugling gibt es abgesehen von der inneren Realität seiner Bedürfnisse noch keine Realität. Bis zu einem gewissen Grad gibt es für den Säugling hinsichtlich seiner Wahrnehmung die Außenwelt noch gar nicht. Gleiches läßt sich vom Psychotiker sagen. Die Psychose ist, um eine allgemeine Definition zu geben, eben dieser vollständige Narzissmus, bei dem es so gut wie keine Bezogenheit zur objektiven Welt, so wie sie ist, gibt. (aus: Fromm, Pathologie der Normalität)

Man kann daher sagen, daß der Narzißt im Grunde ein unreifer Mensch ist, der, was die Wahrnehmung der Außenwelt und ganzh besonders, was sein Selbstbild betriff, auf einer ganz frühen Entwicklungsstufe hängengeblieben bzw. auf diese Stufe regrediert [3] ist.

Vereinfacht ausgedrückt hat sich Macht über andere evolutionsgeschichtlich durch Gewalt gegen andere entwickelt. Dabei stellt Gewaltbereitschaft als Lösungsprinzip ein weitaus primitiveres und vor allem ineffizienteres Verhaltens- und Reaktionsmuster dar, als z.B. die Bereitschaft, zu verhandeln und Kompromisse einzugehen. Schauen wir uns und doch einmal um: Es sind nicht die Milliarden weitgehend anständiger und friedlicher Menschen, die ständig Gewalt gegen andere ausüben oder damit drohen. Nein, es sind vor allem die herrschenden Macht-Eliten, die für den Einsatz von Gewalt stehen, die ständig zu Gewalt aufrufen und die ständig Angst verbreiten, um die aus ihrer Sicht notwendige Gewaltbereitschaft herzustellen. Im Grunde sind es vor allem die Machteliten, die Angst haben und glauben, ihre Angst müsse die Angst aller sein und werden. Wir mehr oder weniger Besitzlosen (und dazu zähle ich auch einfache Millionäre und Eigenheimbesitzer) teilen diese Ängste aber nicht wirklich, denn wir verfügen weder über entsprechendes Eigentum, dessen drohender Verlust uns in Angst versetzen könnte, noch über entsprechende Machtpositionen, die wir verlieren könnten.

Wir werden als empathiefähige Menschen geboren, wir sind während unserer Entwicklung im Mutterleib und nach der Geburt erstmal ganz und gar Gefühl, Empfindung, Empathie. Die Empathiefähigkeit von Mutter und Ungeborenem stellt eine lebensnotwendige Voraussetzung für das Funktionieren der Symbiose während der Schwangerschaft dar. Ungeborene Kinder verspüren sehr genau emotionale Schwankungen der Mutter, empathische Mütter sind sich ihrer Leibesfrucht und deren Befinden fast ständig bewußt. Nach der Geburt werden wir jedoch nach und nach der Empathie entwöhnt und lernen, uns dem Willen der Mutter, der Eltern, der Erwachsenen zu unterwerfen. Die sich daraus entwickelnde hohe Unterwerfungsbereitschaft und offensichtliche Kritiklosigkeit in unserer Gesellschaft habe ich bereits dort und an vielen weiteren Stellen angerissen:

> http://web.archive.org/web/20161213165003/https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Fake-News-in-den-Tagesthemen/Re-WDR-Hass-und-Hetzjournalismus-gegen-Russland-wird-mit-Befoerderung-belohnt/posting-29638898/show/

Ich bin mir ganz sicher, daß all unsere Bemühungen, die Auswirkungen zerstörerischer Machteliten auf die Menschheit zu lindern oder zu eliminieren, keinen Erfolg haben werden, so lange wir nicht erkennen, daß und wie wir ständig durch die Manipulation unseres Nachwuchses genau solche Menschen reproduzieren. Wir reproduzieren auf diese Weise nicht nur die soziale Ungleichheit, die auf der einen Seite zu einer Einkommens- und Reichtumsverteilung führt, die zu Recht an eine weit geöffnete Schere erinnert, sondern auch die weltweit verbreiteten Gewalt- und Haßorgien, in die ganze Völker immer wieder gestürzt werden. Angesichts des Ausmaßes von Zerstörung, Mord und Vewüstung allein durch die USA in den letzten 100 Jahren haben wir nicht wirklich ein Problem mit Kriminellen oder Drogensüchtigen, sondern ein riesiges und gewöhnlich geleugnetes Problem mit den Machteliten – und mit uns selbst, wie wir gleich noch sehen werden.

Es kann aber nicht darum gehen, nun alle Menschen, die einen gewissen Reichtum übersteigen und somit über herausragende Machtpositionen verfügen, zu verdammen oder gar zu verfolgen. Davon abgesehen wäre ein solcher Weg undurchführbar, weil die Machteliten im Gegensatz zu den Besitzlosen größtenteils zusammenhalten, wenn es um eine grundlegende Bedrohung ihrer Machtstrukturen geht. Das hat man schon im Mittelalter und danach beobachten können: Verfeindete Fürstentümer legten, wenn irgendwo Aufstände drohten, stets Pausen in ihren Kämpfen ein, um diese Aufstände gemeinsam zu bekämpfen und sich hinterher wieder fröhlich ihrer Privatfehde zu widmen, bei der sie ja ebenfalls nicht selber kämpfen, sondern wiederum andere auslöffeln lassen, was sie sich eingebrockt hatten.

Es muß vielmehr gefordert werden, daß sich jeder Einzelne, der sich von meinen oder ähnlichen Ausführungen betroffen sieht oder fühlt, selbst persönlich mit diesen Zusammenhängen eingehend befaßt und sie nach Möglichkeit verbreitet. Gewalt und bewaffneter Widerstand sind meiner Auffassung nach immer erst dann angesagt, wenn die gesellschaftlichen Zustände in Gewaltzustände umgeschlagen haben, wenn das eigene Leben bedroht ist, wie das z.B. in der Hitlerzeit der Fall war oder in anderen Diktaturen und Gewaltherrschaften. Denn wer das Schwert erhebt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch durch das Schwert umkommen, und das sage ich als vollkommen a-religiöser Mensch. Man betrachte die chinesische Kulturrevolution [4] als abschreckendes Beispiel von Gewaltanwendung gegen unliebsame Zeitgenossen, auch wenn es sich um genau diese reichen Machteliten "da oben" handelt, die wir "hier unten" als die eigentlichen Verursacher allen Elends und aller Not ausgemacht zu haben glauben. Dieses Urteil könnte nämlich falscher nicht sein, denn, wie ein altes Sprichwort sagt: Kein Herr ohne Knecht, oder auch: Wie der Herr, so's Gscherr. Anders ausgedrückt: Wir alle sind mitverantwortlich, weil wir den Machteliten durch unsere Unterwerfungs- und Gehorsamsbereitschaft erst ihre Grausamkeiten ermöglichen. Wir sind mitverantwortlich, weil wir unsere Kinder zu angepaßten Untertanen erziehen. Wir sind mitverantwortlich, wenn wir den Blick auf diese Zusammenhänge weiterhin konsequent vermeiden.

Die chinesische Kulturrevolution hat ebenso wenig zu einer humaneren Gesellschaft geführt wie die beiden russischen Revolutionen. Der Euphemismus "Kommunismus", der zur Verschleierung der Zwangs- und Gewaltherrschaft in der Sowjetunion wie auch in China verwendet wird, bedeutet, daß echter Kommunismus oder Sozialismus noch niemals wirklich realisiert worden ist. Entsprechende Versuche wurden seit Beginn der CIA wirksam zerschlagen, wie William Blum in seinem Buch Zerstörung der Hoffnung – Bewaffnete Interventionen der USA und der CIA seit dem Zweiten Weltkrieg anschaulich darstellt:

Unsere Angst davor, daß der Kommunismus eines Tages die ganze Welt übernehmen könnte, macht uns blind für die Tatsache, daß der Antikommunismus dies bereits getan hat. Michael Parenti

Zu Beginn der Kämpfe in Vietnam sagte ein Offizier des Vietcong zu einem amerikanischen Gefangenen: »Nach dem Zweiten Weltkrieg wart ihr unsere Helden. Wir lasen amerikanische Bücher und sahen amerikanische Filme. In jenen Tagen konnte man überall hören ›reich und klug wie ein Amerikaner‹. Was ist geschehen?«

Ein Amerikaner könnte in den zehn Jahren davor eine ähnliche Frage auch von einem Guatemalteken, einem Indonesier oder einem Kubaner gehört haben, oder in den zehn Jahren danach von jemand aus Uruguay, einem Chilenen oder einem Griechen. Das Wohlwollen und die Glaubwürdigkeit, die die Vereinigten Staaten am Ende des Zweiten Weltkrieges auf der ganzen Welt in bemerkenswertem Umfang genossen, wurden Land um Land, Intervention um Intervention, verspielt. Die Gelegenheit, die vom Krieg verwüstete Welt neu zu gestalten, die Grundlagen für Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit zu legen, verschwand unter der schrecklichen »Last« des Antikommunismus.

Diese »Last« hatte sich seit längerer Zeit akkumuliert, genau genommen seit dem ersten Tag der Russischen Revolution. Im Sommer des Jahres 1918 befanden sich etwa 13.000 amerikanische Soldaten auf dem Gebiet der neu gegründeten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Zwei Jahre und Tausende von Todesopfern später zogen die amerikanischen Truppen ab, nachdem sie ihre Mission, den bolschewistischen Staat schon »bei der Geburt zu erwürgen«, wie Winston Churchill es nannte, verfehlt hatten.

[1] Integrität = möglichst weitgehender Übereinstimmung zwischen den eigenen Idealen und Werten und der tatsächlichen Lebenspraxis
https://de.wikipedia.org/wiki/Integrit%C3%A4t_%28Ethik%29

[2] Der Ausdruck Narzissmus steht alltagspsychologisch und umgangssprachlich im weitesten Sinne für die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt, als urteilende Beobachter ihn einschätzen. Der Duden übersetzt den Begriff als übersteigerte Selbstliebe und Ichbezogenheit.
https://de.wikipedia.org/wiki/Narzissmus

[3] Regression beschreibt innerhalb der psychoanalytischen Theorie einen psychischen Abwehrmechanismus. Abgewehrt wird ein Trieb-Impuls mit dem Ziel der Angstbewältigung. Dabei erfolgt ein zeitweiliger Rückzug auf eine frühere Stufe der Persönlichkeitsentwicklung mit einfacheren, primitiveren Reaktionen. Auch das Anspruchsniveau paßt sich der im Rahmen dieses Vorganges eingenommenen Entwicklungsstufe an. Ebenso verhält es sich mit den regressiven Verhaltensmustern, wie zum Beispiel Weinerlichkeit, Freßlust, Rückzug, Flucht in Krankheit und Trotz, die dann der jeweiligen Entwicklungsstufe und nicht der Persönlichkeit vor Beginn der Regression entsprechen. Wie alle Abwehrmechanismen läuft Regression – in Bezug auf das verursachende Problem – überwiegend unbewußt ab und dient der Stabilisierung des psychischen Gleichgewichts. In diesem Sinne ist sie nicht dysfunktional, sondern Teil der Fähigkeit zur Selbststeuerung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Regression_%28Psychoanalyse%29

[4] Die chinesische Kulturrevolution war eine politische Kampagne zwischen 1966 und 1976, die von Mao Zedong ausgelöst wurde. Sie ging mit massiven Menschenrechtsverletzungen und politischen Morden einher. Eine breit angenommene Schätzung geht von mindestens 400.000 Toten in ganz China aus. Darüber hinaus waren viele Millionen Menschen Folter und anderen physischen und psychischen Mißhandlungen ausgesetzt, wurden verhaftet und landeten in Gefängnissen und Arbeitslagern. Eine noch größere Zahl wurde in entlegene Gegenden des Landes zwangsverschickt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrevolution

Bewerten
- +