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  • stemke

50 Beiträge seit 09.05.2000

Was gegen Thorium spricht

Wir haben vor ~2 Jahren dazu geblogt:

Was spricht gegen Thorium-Reaktoren: http://is.gd/aO80bk
oder andere Gen IV- Reaktoren: http://is.gd/M6ABOI

Wenn wir alle Energieprozesse auf elektrische Prozesse ändern, um von
fossiler Energie weg zu kommen, haben wir durch entsprechende
Effizienzsteigerungen einen Bedarf von etwa 262 GW
Kraftwerksleistung. Wollte man, wie vom Autor vorgeschlagen, dies
durch verteilte 100-200 MW Thorium-AKW erzeugen, würde man in
Deutschland um die 2000 "kleine" Thorium AKW benötigen.

Jeder dieser Reaktoren bräuchte eine eigene Verbindung zur
Atomaufsicht, um zu überprüfen, dass kein waffenfähiges Uran 233
abgezweigt wird. Dies ist bei solchen Reaktoren leicht und
automatisiert möglich, sobald man die bei diesen Reaktoren
grundsätzlich notwendige Aufbereitung bei hohen Temperaturen in den
Griff bekommt. Auch das Problem der Verunreinigung mit Uran 232 kann
man inzwischen verhindern. Natürlich wäre man weiterhin von
Brennstoff abhängig.

Ist der Reaktor abgeschaltet, muss das Salz weiter auf Temperatur
gehalten werden, damit die Anlage nicht "einfriert". Ob der
"Freeze-Plug" wirklich funktioniert wurde nach meinem Kenntnisstand
noch nicht erprobt. Es handelt sich - wie bei vielen Punkten - um
eine reine Idee.

Bis zur Nutzbarkeit gibt es noch einige Probleme zu lösen:

* Hohe Temperaturen
=> Materialprobleme

* Flüssige Salze / Natrium
=> aggressiv, lösen Metalle aus Stahllegierungen, Materialprobleme
Kühlmittel Alkalimetalle und -salze
=> hochreaktiv bei Kontakt mit Wasser (und sei es auch
Luftfeuchtigkeit), was einen Wasser-Wärmetauscher kritisch macht und
schon mehrfach zu Unfällen und Explosionen führte (u.a. in Monju
(Japan) und Kalkar (Deutschland))

* Durch Spaltungsprozesse wird aus Lithium Fluorwasserstoff
(Flusssäure, H-F) erzeugt, was das Problem mit Korrosion weiter
verschärft.

An diesen Problemen wird seit über 60 Jahren ohne rechten Erfolg
geforscht. Das “Generation IV International Forum” schlägt als Lösung
“innovative materials” vor, derzeit Unobtanium (Kunstwort zur
Beschreibung von Materialien, die nicht beschaffbar sind).

Als Moderator wird unter anderem Graphit verwendet. Regelmäßige
Wartungsarbeiten werden durch die verwendeten Materialien notwendig,
aber durch die extrem hohe Strahlung sehr erschwert. Auch entsteht
mehr höher belasteter, radioaktiver Abfall, insbesondere an
radioaktivem Cäsium, das neben dem Plutonium auch bei heutigen
Atomunfällen zu den wesentlichen Problemstoffen zählt. Der anfallende
Atommüll strahlt zwar nicht so lange, aber deutlich stärker. Es muss
also noch sorgfältiger mit Atommüll umgegangen werden. Gleiches gilt
für leicht- & mittelradioaktiven Müll, der 90% des Volumens aus
macht. Das sind Verbrauchsmaterialien, wie Kleidung, Werkzeug,
Putztücher...

In Deutschland gingen die Erfahrungen mit Brutreaktoren deutlich
schief (keine Flüssigsalz-Reaktoren). Wir zahlen dafür heute noch,
z.B. 6 Millionen Euro pro Jahr für den sicheren Einschluss des
THTR-300. Der Betreiber, eine Tochter von RWE, ging pleite, RWE steht
nicht ein. Der Steuerzahler zahlts. Die Strahlung ist so stark, dass
man hofft ab 2027 oder 2030 mit dem Rückbau zu beginnen. Man hat noch
für 2 Jahre Brennstoff für den Reaktor. Der lagert im
Forschungszentrum Jülich, inzwischen ohne Genehmigung. Weiterer
Atommüll des THTR lagert in Ahaus, dieser ist zu einem erheblichen
Teil Atomwaffenfähig. Der schnelle Brüter in Kalkar ging nie in
Betrieb und ist Deutschlands teuerste Investitionsruine.
Lesenswert: Bau und Stilllegung von schnellen Reaktoren in
Deutschland.

Ähnlich erging es Japan (z.B. Monju) und auch Frankreich (z.B Phénix,
Superphénix), die Anlage in Creys-Malville war 12 Jahre in Betrieb,
hat effektiv ca. 2,7 Jahre Strom produziert. 1997 wurde allgemein
faktisch das Ende von Brutreaktoren erklärt. In Japan wollte man den
seit 1995 nach einem schweren Störfall still stehenden Monju-Reaktor
im Frühjahr 2013 wieder in Betrieb nehmen. Er hat bisher etwa 8 Mrd.€
verschlungen. Auf dem dreijährigen Weg zur Wiederinbetriebnahme gab
es mehrere Störfälle und jede Sicherheitsüberprüfung endete mit
katastrophalen Ergebnissen. Das Ding steht still. In den 30 Jahren,
seit das Projekt läuft, hat der Reaktor 3 Monate lang Strom ins Netz
eingespeist.

Aktuell wird in China wieder angefangen, Forschungsbrüter aufzubauen.
Die Technik soll “in 30 Jahren” nutzbar sein. Ähnliches verspricht
die Kernfusion auch schon seit eben so vielen Jahren…

Auch eine spannende Lektüre zu den Brüter-Versuchen in Deutschland:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13529438.html

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