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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Geht's wirklich um Respektlosigkeit?

Natürlich spielt fehlender Respekt vor den Mitmenschen eine Rolle
dabei, wie Leute, die das "Sagen" haben, mit jenen umgehen, die sich
unter ihnen auf der gesellschaftlichen Hühnerleiter befinden. Doch
kann ich den unbestreitbaren und ganz offensichtlichen Respektmangel
nicht als Ursache ausmachen, sondern sehe ihn vielmehr als Resultat
einer mangelhaften Wahrnehmung an.

Warum müssen "Mächtige" immer so grob sein, warum mangelt es ihnen
gewöhnlich an Einfühlungsvermögen und echter Sorge um ihre
Mitmenschen? Wer die Frage so herum stellt, wird zwangsläufig in die
Irre geführt, denn es besteht ein Kausalzusammenhang zwischen dem
Bedürfnis nach Macht und Kontrolle und der früh entwickelten Angst
vor allerlei Situationen der Schwäche und Unkontrollierbarkeit. Mit
anderen Worten: Das aus dieser individuellen Entwicklung entstandene
übertriebene Kontrollbedürfnis läßt ein solches Streben nach Macht
über andere erst entstehen.

Kontrollbedürfnis entsteht aus einem Mangel an zwischenmenschlichem
Vertrauen: wenn ich meinem sozialen Umfeld nicht vertrauen kann,
macht mir das Angst. Diese Angst fördert die Entwicklung eines
gesteigerten Kontrollbedürfnisses. Habe ich die Kontrolle oder bilde
ich mir das zumindest ein, dann kann ich meine Angst vor meinen
Mitmenschen im Zaum halten. Ich kontrolliere dann also die anderen,
um meine Angst vor auf ein erträgliches Maß reduzieren zu können. Die
Unfähigkeit, seinen Mitmenschen vertrauen zu können, läßt ein
gewaltiges Mißtrauen entstehen, das sich in manchen Fällen zu einer
regelrechten Paranoia auswächst.

Der Befehlston eines Vorgesetzten versetzt einen Teil des
Untergebenen, an den der Befehl in diesem barschen Ton gerichtet ist,
in einen infantilen Zustand. (Tritt dieser Effekt nicht ein, wird der
Untergebene vom Vorgesetzten gewöhnlich als aufsässig und bedrohlich
erlebt.) Dieser Teil des auf diese Weise heruntergeputzten (ein
treffender Ausdruck!) Mitarbeiters hat nun wieder wie damals Angst
davor, die beschützende Hand der Vaterfigur zu verärgern (den Job zu
verlieren). Die Angst ergreift die ganze Person und der Mensch
gehorcht – automatisch. Während dieses Regressionsprozesses ist der
Betroffene weder zu eigenständigem Denken noch zu kritischer
Beurteilung seiner Situation fähig. Nicht wenigen Menschen widerfährt
diese als Regression bekannte Reaktion so häufig und regelmäßig, daß
sie längst nicht mehr daraus zurückfinden können und so ständig im
Befehlserwartungsmodus verweilen. Und weil dieser Modus keine
Einbahnstraße darstellt, sondern das Bedürfnis weckt, die durch den
Befehlsempfang entstandene Spannung durch eigenes Befehlen zu
mildern, wenden die Betroffenen das Befehlen auf ihre eigenen
Untergebenen an. Das sind allermeist ihre Kinder, die so zu Objekten
degradiert werden, weil der Betroffene sonst nichts hat, an dem er
sich abreagieren könnte, oder die Frau oder Freundin, oder
Untergebene in seiner Firma, die er nach einem solchen Erlebnis ohne
für diese ersichtlichen Grund herunterputzt. Nicht zu vernachlässigen
sei hier auch der ausführlich untersuchte Wiederholungszwang, der die
meisten Menschen Situationen mit ungelösten Konflikten aus ihrer
Kindheit wieder und wieder inszenieren läßt.

Ein weiterer erschreckender Aspekt der Erziehung zu absolutem
Gehorsam besteht in der damit einhergehenden Gefühlsreduktion. Wir
beurteilen als Kinder wie auch als Erwachsene unsere Situationen
mittels unserer Gefühle. Gedanken, die wir uns zu Situationen machen,
sind mit unseren Gefühlen so stark verwoben, da  wir sie nicht
wirklich auseinanderhalten können. Daher sind Gedanken im Grunde
abstrahierte, symbolisierte Gefühle. Diese Vorstellung mag dem
Unkundigen äußerst befremdend erscheinen. Doch wird sie vielleicht
verständlich, wenn wir den Grund für unsere künstliche Trennung von
Gefühl und Gedanke, die in Wirklichkeit nicht existiert, verstehen
lernen:

Weil das Kind die eigenen Gefühle nicht haben darf, verwirft es sie
schon sehr früh. Anfangs wird es seiner Gefühle unsicher, später ist
die Angst vor den eigenen Gefühlen fest installiert und erlaubt es
dem Betroffenen daher nicht mehr, seinen eigenen Gefühlen voll zu
vertrauen. Deshalb bekommt er beim Denkvorgang meist nur die
abstrahierten Symbole bewußt mit, die zugrundeliegenden Gefühle
werden nicht bewußt wahrgenommen.

Diese Unsicherheit muß aber, weil sie eine schier unerträgliche
Spannung erzeugt, irgendwie kompensiert werden. Das geschieht in der
Regel durch Kontrolle. Je weiter der gefühlsmäßige Kontakt durch
Entfremdung zu sich selbst und der Welt abgerissen ist, desto stärker
wird das Bedürfnis nach Kontrolle: über andere Menschen, über eigene
und fremde Dinge, über das eigene Befinden usw. "Alles im Griff" ist
eine gängige Behauptung, die vor allem der Selbstberuhigung dient –
und meist nicht zutrifft.

"Die Willkür des Vaters und seine Macht war für das Kind die
herrschende Rechtsinstanz, eine andere gab es nicht. Wie genau Adolf
Hitler dieses System verinnerlichte, zeigte er im Dritten Reich. Es
gab keine humane Überlegung und kein Gefühl, die seiner Grausamkeit
Grenzen gesetzt hätten, als er selbst an der Macht war. Genauso wurde
er erzogen. Was auch immer die Eltern für angebracht hielten und
beschlossen, wurde erbarmungslos mit allen Mitteln der Gewalt
durchgesetzt. Das Kind durfte niemals an der Richtigkeit dieser
Beschlüsse zweifeln, das hätte unerträgliche Folter zur Folge gehabt.
Genausowenig konnte ein gewöhnlicher Bürger im Dritten Reich einen
Beschluß des Staates oder der Gestapo in Frage stellen. Folterungen
und Tod waren die unausweichliche Reaktion der Staatsmacht, wenn er
es dennoch tat. Die brutale Gewalt als einzige und höchste Macht, die
zudem mit einer 'Rechtgebung' für 'Ordnung' und angebliche
'Legalität' der ausgeführten Verbrechen sorgte, war ebenfalls der
Struktur der eigenen Familie entlehnt, wo alles doch im Namen der
guten Erziehung geschah: die Abtötung der Gefühle und die
Unterdrückung aller unerwünschten Bedürfnisse des Kindes, ja beinahe
jeder menschlichen Regung." (Aus: Alice Miller, "Der gemiedene
Schlüssel")
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