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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Sprach- (Denk-, Sprech- und Schreib-) Bewußtsein (1)

Moin IchBin,

es hat mich erfreut, daß du auf meine Kritik eingegangen bist, so daß
ich dich nicht allzu lange auf Antwort warten lassen möchte. Du
zeigst in deinen Postings echtes Interesse (soweit ich das beurteilen
kann), was mich dazu motiviert, dir so offen und ehrlich zu
entgegnen, wie ich es vermag.

>> Ebenso wie es keine Philosophie an sich gibt, verhält es sich mit

> du musst mir erklaeren, weshalb es keine "philosophie an sich" gibt.
> sicherlich ist es so, dass jeder seine eigene, von den anderen
> unterschiedliche philosophie hat, jedoch kann man all diese
> philosophien dennoch unter dem oberbegriff "philosophie"
> zusammenfassen.

Eine Zusammenfassung geschieht unter einer Kategorie. Der Begriff
"Philosophie" stellt eine Kategorie dar und weist nicht auf DIE
Philosophie hin, sondern auf alle Philosophien. Es gibt
Philosophie-Systeme, die ich ablehne, und andere, die mir zusagen.
Abstraktionen, wie sie Kategorien darstellen, sind immer
Verallgemeinerungen. Die Kategorie "Philosophie" ist quasi
"inhaltsleer", weist nicht auf die Inhalte einer bestimmten
Philosophie hin, wie das z.B. die Kategorie "Konstruktivismus" tut,
die von einer bestimmten Wahrnehmungsvoraussetzung ausgeht und über
die somit schon eher ein Urteil gefällt werden kann als über den
allgemeinsten Begriff "Philosophie".

"Allgemein gesprochen setzt Ähnlichkeit - und somit auch Wiederholung
- stets die Einnahme eines Standpunktes voraus: manche Ähnlichkeiten
oder Wiederholungen werden uns auffallen, wenn wir uns für ein
bestimmtes Problem interessieren. ... Man kann hinzufügen, daß sich
für jede gegebene endliche Gruppe oder Menge von Dingen, mag sie auch
noch so regellos zusammengestellt sein, bei einiger Geschicklichkeit
Standpunkte finden lassen, von denen aus alle zu der Menge gehörenden
Dinge ähnlich oder teilweise gleich sind. Das bedeutet, daß jedes
beliebige Ding oder Ereignis als Wiederholung jedes beliebigen
anderen angesehen werden kann, wenn man nur den geeigneten Standpunkt
einnimmt." ( Karl R. Popper: "Logik der Forschung", Tübingen 1989,
Seite 375 f.)

Die existierenden Philosophien sind aber derart verschieden
voneinander, widersprechen sich oft in wesentlichen Punkten, so daß
kategorische Ablehnung jeglicher Philosophie nur den einen Schluß
zuläßt: der Ablehnende hat sich noch nie wirklich mit Philosophie
befaßt, zumindest nicht in der Art, daß er sie verstanden hat. Manche
Leute haben auch noch nicht "ihre" Philosophie gefunden, die ihnen
zusagt, und verurteilen deshalb, wie in diesem Thread geschehen, alle
Philosophie als sinnloses Gequase. Dabei kommt kein Mensch wirklich
ohne Philosophie aus, wenn das auch den meisten Menschen niemals klar
wird. Ich tue mich z.B. auch schwer mit manchen Philosophen, wie z.B.
mit Habermas' "Wahrheit und Rechtfertigung", das ich nicht zu Ende
lesen konnte, oder auch mit Schopenhauers unendlich verschachtelten
Sätzen.

>> "den Medien". Deine Behauptung, die Medien hätten den Sinn &
Zweck,
>> die Konsumgesellschaft zu informieren, ist sehr ungenau und
deswegen in
>> dieser Allgemeinheit, in der du sie vorträgst, unrichtig. Wer die
...

> da hast du allerdings recht, ich haette besser schreiben sollen, die
> medien postulieren von sich selbst, sie informierten ihre
> konsumentenschaft, waehrend es sich in wahrheit meist so verhaelt,
> dass desinformation aufgrund von wirtschaftlichen interessen den
> gewichtigeren teil der medieninhalte ausmachen. aber ich wollte nicht
> allzu kritisch klingen ;-)

Warum nicht kritisch klingen wollen? Du mußt hier doch, von Respekt
und Achtung vor den Menschen hinter den Usernamen einmal abgesehen,
keine Anpassungsmechanismen umsetzen wie vielleicht im Job oder im
Kreis der versammelten Osterfamilie ...

Gerade im Zusammenhang mit den Massenmedien gilt die Aussage: The
medium is the message. Der Großteil der Einnahmen beispielsweise
eines Zeitungsverlages stammt nicht aus dem Verkauf der täglichen
Auflage, sondern aus Werbung. Ergo ist das Ziel der meisten Verleger,
ihr Blatt derart zu gestalten, daß die Leute sich eher bestätigt als
kritisiert fühlen, damit sie das Blatt und somit die Reklame darin
regelmäßig erwerben.

(weiter mit Teil 2)

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