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  • Irwisch

mehr als 1000 Beiträge seit 22.03.2005

Sprach- (Denk-, Sprech- und Schreib-) Bewußtsein (2)

>>> philosophie ist jedoch eine wissenschaft, welche sich mit
>>> der weltanschauung und den daraus folgenden implikationen
>>> beschaeftigt (und damit etwas von vornherein sehr flexibles).
>>> und das wiederum ist in unserer heutigen, "aufgeklaerten"
>>> zeit die sache eines jeden menschen selbst. denn die wichtigste
>>> philosophische erkenntnis, die ein mensch unserer zeit
>>> irgendwann in seinem leben erlangt, ist die, dass jedes
>>> individuum seine eigene wahrheit, seine eigene
>>> "welt"(anschauung) hat, [...]

>> Auch diese Zeilen finde ich grob verharmlosend.
>> Der Erfolg der Medien beruht auf effektiver
>> Meinungs-Mache, auf der Manipulation des
>> Bewußtseins genau dieser von dir so eigenständig
>> dargestellten Individuen. Die Masse der Bundesbürger
>> wie auch der Bewohner aller anderen Industrienationen
>> hegt keineswegs die eigene Meinung, sondern die des
>> Mainstreams, die sie billig erworben haben ohne eigene
>> Recherche, häufig ohne eigenes Nachdenke, was die
>> Wahrnehmung von Widersprüchen erspart, und allermeist
>> ohne echtes Interesse an der jeweiligen Thematik. Eine
>> sog. "eigene Meinung" zu behaupten gehört schlicht zum
>> guten Ton, ansonsten ist hinter dieser angeblichen eigenen
>> Meinung nur heiße Luft. Ein Hoch auf den tiefen
>> Schlummer der entschiedenen Meinung ...

> auch hier gebe ich dir uneingeschraenkt recht, jedoch mit dem
> hinweis, dass es einem jeden frei gestellt ist, aufgrund seiner
> unzufriedenheit mit sich selbst oder seiner situation, sich von
> dieser meinungsmache abzuwenden.

Diese Freiheit der Wahl eines jeden Menschen bezweifle ich stark.
Hier müßten wir natürlich erst einmal definieren, was wir beide unter
"freier Wahl" oder annähernder Freiheit der Wahl verstehen. Dem
gewöhnlichen Zwangscharakter würde ich die Freiheit der Wahl erst
einmal absprechen. Be- und gefangene Menschen sind nicht frei in
ihrer Wahl. Die "Pathologie der Normalität" (Erich Fromm) läßt den
Schluß zu, daß die meisten Menschen in den Industriestaaten stark
bindenden inneren Zwängen unterworfen sind.

> und es gibt mehr individuen
> als man denkt, die sich dieser manipulation schon mehr oder minder
> bewusst sind und immer weiter von den mainstream-medien und
> damit auch von der mainstream-meinung abruecken, wie man auch
> an den vielen "nischen-medien" oder auch gut an den im internet
> vorhandenen inhalten (seiten von privatpersonen) erkennen kann.

Ja, das ist durchaus erfreulich, wenngleich diese Nonkonformisten
noch immer eine stark unterlegene Minderheit darstellen.
Authentischen Menschen begegne ich relativ selten ...

>> Auch in deinem zweiten Posting ist eindeutig nachweisbar,
>> daß du selbst zu jenen gezählt werden mußt, die nicht selber
>> denken, sondern das widerkäuen, was sie irgendwo
>> aufgeschnappt haben. So verwendest

> diesen schluss kann ich nicht nachvollziehen:
> hilf meinem bewusstsein bitte auf die spruenge!

>> du beispielsweise als Argument gegen die Einführung
>> philosophischer Themen in öffentlichen Schulen die
>> leidliche Tatsache, daß in den Schulen eigenständiges
>> Denken selten erwünscht ist, ohne dir darüber klarzuwerden,
>> daß gerade philosophische Themen, insbesondere die
>> Sprachphilosophie, zu eigenständigem Denken anregen
>> können, weil sie den Vorgang und die Mechanismen des
>> Denkens bewußt machen helfen.

> eben genau deshalb passen sie nicht in den unterrichtsplan der
> gewoehnlichen schulen. oder glaubst du etwa, hier sollten
> selbstverantwortliche, eigenstaendig denkende und handelnde
> buerger herangezogen werden?

Du schließt dich hier der Meinung bzw. den Ängsten jener an, die
Herrschaftswissen und systematische Verdummung zu ihrem
vermeintlichen Vorteil einsetzen, was aber nicht deiner wirklichen
Meinung zu entsprechen scheint. Ich glaube tatsächlich, daß genau
hier "selbstverantwortliche, eigenstaendig denkende und handelnde
buerger herangezogen werden" sollten. Eine echte Demokratie
funktioniert nicht mit einer großen Masse von Halb- und Ungebildeten.
Herrschaft, wie sie die heute Herrschenden verstehen, ist ein
Antagonismus, der zum Untergang führen wird, wenn wir diese Kurve
nicht kriegen.

>> Eine weitere Begründung für die angebliche Unsinnigkeit von
>> Philosophie an Schulen leitest du irrsinnigerweise aus der von dir
>> wieder verharmlosend als Tendenz bezeichneten Meinungsmache und
>> gezielten Verdummung der Massen ab. Mir leuchtet keineswegs ein,
was
>> das eine mit dem anderen zu tun hat.

> ich meinte nicht, dass meiner persoenlichen meinung nach
> philosophieunterricht an den schulen unsinnig sei (sofern er
> nicht dogmatisch durchgefuehrt wird, sondern die schueler
> wirklich zum "selber philosophieren" um so auf eigene erkenntnisse
> - ohne die allgemeingueltigkeit derselben zu beanspruchen - zu
> kommen angeregt werden), jedoch wollte ich damit ausdruecken,
> dass dieser eben schlicht und einfach nicht in das konzept der
> herrschenden klasse passen wuerde, denn wie gesagt: man koennte
> ja gefahr laufen, selbstverantwortliche und eigenstaendige individuen
> heranzuziehen, anstatt blind hinterherlaufende konsum-sklaven ...

Nun verstehe ich deine ironische Argumentationweise etwas besser. Die
Feststellung, daß die Herrschenden an der Unwissenheit ihrer
Beherrschten interessiert sind, stellt eine Binsenweisheit, wenn
nicht gar eine Tautologie dar. Deshalb kam ich nicht darauf, daß du
das mit einer gewissen Ironie anführtest.

>> Es ist eben gerade die fehlende philosophische Bildung,
>> die neben der mentalen Entmutigung im "Erziehung" genannten
>> Sozialisations- bzw. Konditionierungsprozeß dazu beiträgt, daß
>> die Nervensysteme der breiten Masse überhaupt für derartige
>> Manipulationen anfällig sind.

> und genau das wird doch "von ganz oben" gewollt, oder etwa nicht?
> hast du noch nicht die grausame 'perfektion' dieses "rundum sicheren"
> herrschafts-systems erkannt?

Selbstverständlich wird das einerseits von "oben" so gewollt. Eine
Herde Schafe läßt sich eben leichter hüten wie eine Herde echter
Individuen ... Hier ergeben sich schließlich auch die entsprechenden
Lücken, in die man beim Diskutieren einhaken kann, wenn man sein
jeweiliges Gegenüber davon zu überzeugen vermag, daß ein Großteil
seiner angeblich eigenen Meinung eben nicht seine eigene ist -
sprich: wenn man die subtile Manipulation nachweist.

Andererseits ist diese Art der "Kindererziehung", die ich vorziehe,
als Dressur und Konditionierung zu bezeichnen, sehr tief seit
Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden in unserer Kultur
verwurzelt. Wie es bei den alten Germanen war, weiß ich nicht genau,
doch kann ich mir vorstellen, daß diese heutige "Erziehung" zu
Zwangscharakteren damals begann, als die Römer bei uns
einmarschierten ..

>> Das Wissen um diese Defizite stellt ebenso Herrschaftswissen
>> dar wie das Wissen um systematische Manipulation.

> eben - und genau auf diese gedanken koennte ja jemand - oh schreck!
> - kommen, der anfaengt, selbst und eigenstaendig nachzudenken.

Und genau deshalb plädieren heute viele Menschen für die Anregung
eigenständigen Denkens schon in der Grundschule.

>> Zuletzt würde mich interessieren, was du unter Faschismus,
>> insbesondere unter Glaubensfaschismus verstehst.

> faschismus hat fuer mich die bedeutung von "keine meinung/sicht-/
> denkweise ausser der eigenen gelten zu lassen", und glaubensfaschismus
> ist eben dieses speziell auf weltanschauliches bezogen. z.b.
> schulmediziner, die kath.kirche oder ueberhaupt die schulwissenschaft,
> die nichts "anderes" als ihre eigene "wahrheit" als "moeglicherweise
> wahr, wenn auch nicht unbedingt fuer mich" anerkennen, oder ueberhaupt
> die voraussetzung, es gaebe eine fuer alle individuen gueltige wahrheit,
> die jeder unbedingt auf jeden fall erfassen muss, egal wo er gerade steht...

Das nennt sich Dogmatismus ...

> (also letztlich das, wo der mainstream unserer gesellschaft schon ist.
> jedoch wollte ich es nicht so direkt ausdruecken. vielleicht nur, damit
> jemand kommt und es doch so direkt ausdrueckt bzw. mich ausdruecken
> laesst...vielleicht muss es in der tat so deutlich ausgedrueckt werden,
> damit ein klares bild entsteht.)

Tatsächlich plädiere ich als bekennender Sprachphilosoph für eine so
gneau wie nur mögliche Verwendung der Sprache - im Denken, im
Sprechen und im Schreiben. Schwammige Begriffe sind nur allzu häufig
ein Mittel der Manipulation. Man sollte den Kindern schon früh den
Unterschied zwischen Landkarte und Gelände (allgemeine Semantik)
beibringen, man sollte sie darüber aufklären, daß es nicht alles
wirklich gibt, was Begriffe darzustellen vermögen, daß hinter jedem
Begriff mehr als nur eine fixe Idee steckt, sondern ganze
Ideengebäude usw. Wer auch nur ein wenig sprachkritisch geschult ist,
den kann man nicht mehr so leicht hinter's Licht führen ...

Irwisch

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