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  • bbirke

mehr als 1000 Beiträge seit 22.12.2004

Sind Mainstreammedien wieder Gott-Journalismus?

Mir scheint, die letzten Jahre haben die Mainstreammedien ein massives Rollback betrieben, um wieder zum alten Gott-Journalismus zurück zu kehren: Zu der Zeit, als sich jemand vors Brandenburger Tor stellen und "Alle meine Entchen" singen konnte, und sie machten daraus einen, der mit ausgestrecktem rechtem Arm das Horst Wessel-Lied grölte, ohne dass irgendjemand das hätte richtig stellen können, bzw. die es gekonnt hätten, wollten es nicht.

Seit den 2000er-Jahren waren Internet und soziale Medien zunehmend ein Korrektiv gegen manipulative Lügen im Mainstream. Das waren einmal eher banale Themen wie "Killerspiele", aber auch mit allzu frei an den Haaren herbei gezogenen "Antisemitismus"- und andere Ismus-Denunziationen tat sich der Mainstream tendenziell schwerer; es war nicht mehr allgemein glaubwürdig vermittelbar. Wobei gerade diese Kampagnen aufgrund von Angst und Einschüchterung unter Politikern und Promis weiterhin wirksam blieben, weil sich niemand zu widersprechen traut.

Seit dem Trump-Wahlsieg hat sich viel verändert: Google ist weitgehend zum Presseindex und zur Paywall-Suchmaschine degeneriert, wo man selbst bei populärwissenschaftlichen Themen wie der Beteigeuze-Verdunkelung und dem SpaceX-Start zur ISS erstmal seitenweise die seichten Meldungen klassischer Print-und Rundfunkmedien reingedrückt bekommt, je nach Thema ist es auch durch Abo-Paywalls völlig unbrauchbar. Bei Youtube sieht es ähnlich aus. Es gibt eindeutig die Tendenz, die alten Obrigkeitsmedien wieder herzustellen, die "4.Gewalt" als Teil-Obrigkeit neben Legislative, Iudikative und Exekutive. Dazu gehört auch der berüchtiget (einstige) Artikel 13 im Leistungsschutzrecht, und das weitgehende Verschwinden von Foren und Leserkommentaren als demokratischer Ergänzung, bzw. der Rückschritt zu von der Redaktion ausgewählten Leserbriefen.

Gerade die Hinrichtungskampagnen mit irgendwelchen Ismus-, vor allem Antisemitismus-Vorwürfen, die erkennbar durch medienübergreifende Netzwerke und Agenturen lanciert werden und wo in einigen Fällen demonstrativ die Chefredakteure die Guillotine betätigt haben (Schirrmacher/FAZ bei Walsers Roman "Tod eines Kritikers, Josef Joffe/Zeit nach Grass' U-Boot-Gedicht), machen die Mainstreammedien schon lange unglaubwürdig. Dazu kommt, dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob vielleicht sich jemand wirklich unangemessen geäußert hat, vielleicht gar wirklich Gefahr in Verzug ist, oder wieder nur jemand medial exekutiert werden soll, der in Ungnade gefallen ist. Gerade bei den "Rechts"-Themen wird seit Jahrzehnten so viel "Wolf!" geschrien, dass man es nicht mehr glaubt, bis einer zähnefletschend dasteht.

Medien, die solche Kampagnen unkritisch mitmachen, sind einfach nicht glaubwürdig, und ich werde da auch keine Bezahlabos oder Artikelkäufe tätigen. Selbst, wenn sie bei anderen Themen durchaus einen gewissen Wert haben könnten. Tendenziell linke Medien fallen da teils weniger unangenehm auf, weil sie einmal ihre Leserschaft da nicht meinen indoktrinieren zu müssen, und weil man sie eben als Tendenzmedien wahrnimmt, nicht als welche, die einem eine "objektive Wahrheit" zu verklickern versuchen. Ich finde Paywalls nicht grundsätzlich schlecht, möchte aber dann keinen Kampagnenjournalismus irgendwelcher Seilschaften gegen die Interessen der Allgemeinheit bzw. der Leserschaft. Und natürlich auch kein Tracking und sonstige Spionage.

Ich hoffe mal, dass es keinen Weg zurück zum alten Obrigkeitsjournalismus gibt, auch, wenn sich soziale und Alternativmedien bei Themen wie Klimawandel und Corona nicht gerade mit Ruhm bekleckert, teilweise allerlei Bullshit verbreitet haben, nur weil es oppositionell war.

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