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  • friberger

13 Beiträge seit 04.10.2015

Das erweiterte Pipelineszenario

Nach dem Giftgasangriff schrieb ich der FAZ am  11.9.2013 den
folgenden, leider nicht veröffentlichten (hier etwas gekürzten)
Leserbrief zur Pipeline-Thematik: "Aber vielleicht erklärt sich die
türkische Haltung zum Syrienkonflikt - zumindest teilweise - durch
den Einsatz eines ganz anderen Gases. Die EU will sich erklärtermaßen
von der hohen Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen befreien
und dazu - gerade in Konkurrenz zur im Bau befindlichen russischen
South Stream Pipeline - auf Erdgasvorkommen in Aserbeidschan (Gasfeld
Shah Deniz II), Turkmenistan und Kasachstan zugreifen. Iranisches
Gas, obgleich in Mengen vorhanden, ist aus bekannten Gründen für die
EU (z.Zt.) nicht verhandelbar. Die für die europäische Gasversorgung
erforderlichen Pipelines sind in Angriff genommen: die
Transadriatische Pipeline (TAP: Italien, Albanien, Griechenland,
Nordwesttürkei), die Transanatolische Pipeline (TANAP: Nordwesttürkei
bis Georgien), die Baku-Tiflis-Pipeline (Georgien, Kasachstan)und die
Trans-Kaspische-Gaspipeline (Aserbeidschan, Turkmenistan). Nun gibt
es mit dem sunnitischen, westlich orientierten Katar einen weiteren
Spieler im Gasgeschäft. Reich geworden ist der Zwergstaat durch das
weltgrößte Erdgasfeld, das er sich mit dem Iran teilt (iran. „South
Pars Field“, katar. „North Dome“). Katar ist auf der Suche nach
kostengünstigen und sicheren Gas-Transportwegen nach Europa. Da mit
Flüssiggas betankte Großtanker wegen der Passage durch die vom Iran
kontrollierte „Straße von Hormus“ unsicher und der weitere Weg durch
den Suez-Kanal zumindest für Großtanker nicht passierbar bzw. nicht
kostenoptimal ist, bietet sich ein Pipelinetransport über die
ebenfalls sunnitische Türkei nach Europa an (Anbindung an TANAP,
TAP). Dafür könnte als Teilstück die bereits existierende arabische
Pipeline genutzt werden,  die von Ägypten Gas nach Jordanien, Syrien
und dort über Homs (!) nach Libanon transportiert. Und nebenbei
könnte auch Israel das kürzlich auf seinem Hoheitsgebiet detektierte
Erdgas (Tamar- und Leviathan-Feld)aufgrund bestehender ägyptischer
Leitungsanbindungen in diese Pipeline gewinnbringend einspeisen.
Diese arabische Pipeline müsste um 250 km weiter in den syrischen
Norden bis zur türkischen Übergabestelle Kilis verlängert werden. Mit
einem solchen weiteren Gaszustrom aus Katar würde wiederum die Türkei
zu einem für Europa existenziellen Gas-Drehkreuz und hätte damit
einen enormen Macht- und Verhandlungszuwachs gegenüber der EU. Das
Problem ist aber eben der Verlauf dieser Pipeline durch Syrien, z.Zt.
jedenfalls noch schiitisch beherrscht und mit Russland verbündet.
Interessanterweise verläuft die projektierte Pipelinetrasse vorbei an
Qusayr über Homs hin zur türkischen Übergabestelle Kilis (140 km vom
Patriot-Raketen-Standort), Orte, die einem aus den Berichten über die
Kampfhandlungen bestens bekannt sind. Die "Gaslage" verkompliziert
sich aber noch weiter, weil am 25. Juli 2011  Assad mit Iran und dem
mehrheitlich schiitischen Irak das Konzept einer 1.600 km langen
Pipeline verabredet hat, die 40 Mrd. m³ pro Jahr aus dem Iran (South
Pars Field) über den Irak zur syrischen Küste bzw. Libanon bringen
soll, von denen dann etwa 20 Mrd. m³ nach Europa weitergeleitet
werden sollen. Im Jahr 2011 wurde in Syrien zudem ein großes Gasfeld
in der Nähe der libanesischen Grenze, unweit vom Mittelmeer-Hafen
Tartus, der von Russland als Militärhafen gepachtet ist, entdeckt
sowie ein weiteres bedeutendes Gasfeld in der Nähe von Homs, wodurch
die Exportmenge noch zunähme. Auch im libanesischen Küstengebiet
sollen sehr große Erdgasvorräte lagern. Die Tatsache, dass der Export
von syrischem und/oder iranischem Gas in die Europäische Union durch
den Hafen von Tartus laufen könnte, macht die Sache für Katar und den
Westen noch komplizierter. Sollte diese „schiitische“ Pipeline
insbesondere in Syrien realisiert werden (können), wäre eine
Durchleitung katarischen Erdgases über Syrien und die Türkei nach
Europa aus wirtschaftlichem Eigeninteresse der drei Beteiligten und 
aufgrund eines russischen Vetos ausgeschlossen. Das wiederum würde
nicht nur Katars Gasexport-Ambitionen erschweren, sondern auch die
Rolle der Türkei als Energiedrehkreuz zum Westen nicht auf die von
ihr gewünschte Wichtigkeitsstufe und Profitabilität heben. Dass unter
diesen Bedingungen Kämpfe in Syrien, die den Bau dieser
„schiitischen“ Pipeline verhindern oder erschweren, Katar und der
Türkei nutzen, ist naheliegend. Dass Katar mit zu den
Hauptunterstützern der syrischen Rebellen (Muslimbrüder) zählt, ist
hinlänglich bekannt. Es wird aber wohl nicht allein der sunnitisch
ausgerichtete Glaube und schon gar nicht ein Kampf für Demokratie und
Menschenrechte sein, der die Unterstützung der Rebellen durch die
katarische Monarchie motiviert. Und ebenso sympathisierte die Türkei
mit den Muslimbrüdern in Ägypten und Syrien, wenn sie die letzteren
nicht sogar handfest unterstützt. Man erkennt, dass bereits diese
"Gaslage" mehr als kompliziert und konfliktträchtig ist. Die
Kurdenproblematik, die zumindest im Fall der teilautonomen
(irakisch-)kurdischen Regionalregierung (KRG) auch mit einem
Energiestreit zu tun hat, soll hier nicht weiter erörtert werden.
Eine (Energie-) Kooperation der kurdischen Regionen in Syrien, Türkei
und Irak mit dem Ziel Autonomie wird von diesen Staaten nicht 
akzeptiert werden. Man sieht, dass jenseits des möglichen und von wem
auch immer zu verantwortenden Giftgaseinsatzes in Syrien ein
Pulverfass existiert, das sich aus den Interessen an einem anderen
Gas speist und in Syrien seinen geostrategischen
Kristallisationspunkt findet. Letztlich findet ein Kampf darüber
statt, ob die Gas-Pipeline nach Europa (1.) - mit russischer
Kontrolle - von Osten (u.a. South Stream) nach Westen geht und/oder
(2.) - mit sunnitischer Kontrolle - vom Norden Katars über
Saudi-Arabien durch Syrien in die Türkei oder - (3.) mit schiitischer
Kontrolle - aus dem Iran über den Irak an die Mittelmeerküste von
Syrien. Die unterschiedlichen geostrategischen Interessen in Syrien
erklären so zu einem Gutteil die Positionen der ständigen Mitglieder
des UN-Sicherheitsrates. Wie auch immer, jenseits religiöser
Konflikte trifft man dabei auf den elementaren Lebensnerv 
verschiedener Staaten. Im Interesse einer langfristigen und vor allem
"sicheren" Versorgung Europas mit Gas können die existierenden
Konflikte nur auf friedlichem Weg gelöst werden, sonst sind nicht nur
sporadische Aussetzer der Gaslieferung wie im Fall der Ukraine zu
erwarten.

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