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  • A. Zweistein

mehr als 1000 Beiträge seit 29.04.2003

Internet = pi x Daumen Kultur...

... deswegen wundert es mich nicht, dass Ästhetiker der
elektronischen Medien und u.a. Herausgeber des Bandes „Digitaler
Schein“ (Suhrkamp, 1991) wie Florian Rötzer sich zu schade sind Tim
Berners-Lee mit Gutenberg zu vergleichen und es Leute überlassen, die
jeden nicht von Intel bestückten & von MS-Windows betriebenen
Computer für einen UNIX-Rechner halten...

Wer nicht zufällig als Journalist dazu gekommen ist, sondern seit
Anfang an dabei war, konnte sich nur fragen: Wie kommen Leute wie
Bill Gates oder Tim Berners-Lee auf die Idee uns in die
ComputerSteinZeit zurück zu versetzen, um das warme Wasser neu zu
erfinden? Wen wundert es, dass sich die Pionieren der sogenannten New
Economy als ein Haufen Steinmetze entpuppten, die den Goldschmieder
und Uhrmacher das Handwerk beibringen wollten.

CERN Info: “In late 1990, Tim Berners-Lee, a CERN computer scientist
invented the World Wide Web. The "Web" as it is affectionately
called, was originally conceived and developed for the large
high-energy physics collaborations which have a demand for
instantaneous information sharing between physicists working in
different universities and institutes all over the world.”

Aus Tim Berners-Lee Buch “Weaving the Web” kann man entnehmen, dass
er dabei war, alles was zufällig zu der Zeit seine Infrastruktur bei
CERN ausmachte als „pragmatischer Softwerker“ für Weltstandard zu
erklären:

·HyperText, weil er auf NEXT arbeitete;
·HTML als abgespäckte Variante von SGML, weil sie in CERN benutzt
wurde;
·C (Objective C), weil das Betriebssystem NEXTStep damit
implementiert war etc.

Hätte er sich die Mühe gemacht von Genf die ein paar hundert
Kilometer nach Zürich zu fahren, hätte ihm Prof. Niklas Wirth, der
gerade den „Oberon Project“ abgeschlossen hatte aufgeklärt, wie man
solche Vorhaben systematisch angeht.

Und das Wichtigste - Einstein’s Ratschlag: 'Make it as simple as
possible, but not simpler'. Hätte der Physiker auf Einstein gehört,
anstatt “quick & dirty” Hacks zu programmierenwären, wären wir heute
besser dran.

Die nächste Chance hatte Tim Berners-Lee im Sommer 1994 am LCS MIT
verpasst,  als ihn Michael Dertouzos nach Boston da Laboratory for
Computer Science und Artificial Intelligence Laboratory verfeindet
sind.  Da hätte er von den AI-Gurus erfahren nicht nur wie beim
AI-Lab dutzenden von vernetzten Symbolics seit Jahren für die
verteilte Lösung wissenschaftlicher Probleme eingesetzt hat, d.h. wie
man Anarchie unter Kontrolle bringt, sondern auch wie man bei
Symbolics Inc. Objektorientierte Betriebssysteme, ZMACS bzw. EMACS,
Integrierte EntwicklungsUmgebungen, Deduktive DatenBanken,
InferenzSysteme, die einmalige Concordia als Dokument Publishing
System und nebenbei für Physiker MacSyma, S-Geometry, S-Dynamics,
S-Point und S-Render, d.h. alles wovon wir heute wieder nur träumen
können.

Oder um Youngblood’s Worte zu paraphrasieren: Gestützt auf
Simulationsinstrumente (Personal Computer), können wir Modelle
alternativer Wirklichkeiten herstellen (possible Worlds); gestützt
auf konversationelle Netzwerke (Internet), können wir auch die
Kontexte kontrollieren, die das Senden und den Empfang der Modelle
determinieren. Die Kontrolle des Kontextes beinhaltet die Kontrolle
der Bedeutung, die Kontrolle der Bedeutung ist identisch mit der
Kontrolle der Wirklichkeit. (Youngblood, G., : Metadesign, in
Digitaler Schein, F. Rötzer, Suhrkamp, 1991) wie man anhand TELEPOLIS
nachvollziehen kann.

Aber der Schöpfer des World Wide Web Tim Berners-Lee hat ein Diplom
als Physiker vom Queens’s College der Universität Oxford und gehört
zu den Akademiker die sich eher Gedanken über die Inkompatibilität
von Stromstecker machten, als über wissenschaftlichen Implicationen
von Computersprachen wie Prof. Wirth, die MIT AI-Lab&Co.

Insofern ist er eher mit den musikalischen Analphabeten Sir Paul
McCarthy und Sir Mick Jagger zu vergleichen, als mit Gutenberg...
Leider...

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