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  • hgeiss

437 Beiträge seit 06.08.2014

Lob der Faulheit

Lob der Faulheit
Noch immer werden Leistung und Fleiß gepriesen und Faulheit verdammt. Es gäbe kein Recht auf Faulheit, sagte der Kanzler (Schröder), um den Beifall der Stammtische und der Wirtschaft heischend. Doch geringschätzig über die Faulheit zu reden, das darf man nicht durchgehen lassen, denn wohin Arbeitswut die Welt gebracht hat, kann jeder sehen. Zudem lästert man damit die Natur, das biologische System, das sich als einziges auf die Dauer als erfolgreich erwiesen hat. Jeder kann sich davon selber überzeugen - Tiere sind faul, zumindest wenn man fressen, schlafen, sich fortpflanzen usw. nicht als Arbeit einstuft. (An Bienen und Ameisen mag ich mir kein Beispiel nehmen, die stehen verwandtschaftlich doch zu fern), Säuger zumindest tun von sich aus nichts, ohne dass sie dazu ein Bedürfnis antreibt oder eine instinktive Vorgabe. Was nicht heißt, dass sie nicht gelegentlich auch aus reiner Freude an der Bewegung herumtollen und spielerisch jene Fähigkeiten trainieren, die sie ein anderes Mal zum Überleben brauchen. Doch keinem Tier würde es einfallen, sich für Geld zu verkaufen, sich die schönste Zeit stehlen zu lassen, sich über das für das Leben Nötige hinaus abzumühen. Nie würden sie ohne Joch und Peitsche einen Wagen ziehen oder fremdbestimmte, entfremdete Arbeit leisten. Und der Mensch, der bekanntlich aus demselben Holz geschnitzt ist wie die Tiere, steht ihnen im Punkt Faulheit nicht nach. Ist nicht alle seine Anstrengung und Kunst nur der Versuch sich in eine Position zu bringen, in der man sich Faulenzen unbeschadeter leisten kann?
Viele unserer besten Köpfe haben der Faulheit das Wort geredet, weder Sokrates, Epikur und erst recht nicht Diogenes haben sich „einen Haxen ausgerissen“ (wie der Volksmund drastisch zu eifriges Arbeiten nennt). Der Nazarener hat die Lilien auf dem Felde und die Vögel des Himmels gelobt, die sich darauf verlassen, dass sie der liebe Gott nicht verhungern lässt und Buddha hat lieber meditiert als zu schwitzen und mit ihm unzählige fromme Männer. Vermutlich wird das negative Image des Faulseins von denen gepflegt, die von den Fleißigen leben und diese brauchen um selber faul sein zu können.

aus: Reimlose Gedanken, 2003

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