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  • firedancer

mehr als 1000 Beiträge seit 26.01.2001

Immer wieder lustig, unser Telepolis

"Man stelle sich vor, Russland würde aufgrund der aktuellen Provokationen so reagieren, unsere Medien würden aufschreien."

Ähm, ja? Und? Die Aktion der Türkei hatte ich gestern Früh schon in der Zeitung gelesen. Oder war's vorgestern Abend? Und die Kritik an der Türkei fiel dabei geradezu vernichtend aus. So what? Ich stell mir das jetzt gerne mit Russland vor, wie vom Autor gewünscht. Und weiter? Dort, wo ich das gelesen habe, war es eines der Top-Themen und sprang einem geradezu ins Gesicht. Was genau stellt sich der Autor denn vor? Mehr als Top-Thema geht nicht. Soll die Überschrift jetzt ein Türchen in meinem Display auf machen und dort mit Trillerpfeife und Fußballtröte heraus winken oder was?

Allerdings haben wir keine Soldaten in der Türkei stationiert. Wozu sollten wir auch. Von der Nichtwahrnehmung entsprechender Kritik anderer Medien mal ganz abgesehen, und ferner davon abgesehen, dass der geplante Besuch keine große politische Bedeutung hatte, ferner davon abgesehen, dass von der Türkei so ein Quatsch zu erwarten war, erübrigt sich die Frage daher sowieso. "Unsere Medien würden aufschreien?" Wie bescheuert! Unsere Medien haben "aufgeschrien". (Nein, eigentlich nicht wirklich: Sie haben berichtet. Kritisch. Aufschreien, das machen nur sowas wie die Bildzeitung und TP.)

"Eigentlich müsste das Einreiseverbot für deutsche Politiker hier große Wellen schlagen."

Was für ein Quatsch! Das Einreiseverbot hat de Facto große Wellen geschlagen. So wie auch andere Aktionen, die sich Erdogan die letzten Wochen und Monate geleistet hat. Und es wird weitere Aktionen dieser Art geben, da können wir von ausgehen. Was erwartet TP eigentlich? Dass die Welt sich aufhört zu drehen, nur weil ein wildgewordener Staatspräsident sich wie ein Kleinkind benimmt?

"Aber so langsam stellt sich doch die Frage, wie lange sich die Bundesregierung am Nasenring von Erdogan übers politische Parkett ziehen lässt."

*lol* Wieso "so langsam"? Diese Frage stellt sich schon seit längerem. Derartige Fragen haben schon vor Wochen so manche Journalisten gestellt. In den angeblich ach so bösen "Mainstreammedien".

"Der Flüchtlingsdeal mit der Türkei ist gescheitert."

Unsinn. Der Flüchtlingsdeal mit der Türkei ist AM SCHEITERN. Dieser Prozess ich noch nicht beendet: Alle Beteiligten sind da noch mitten drin.

Und was soll das eigentlich? Wir alle wissen, dass er scheitern wird, und wir alle wissen auch, woran er gescheitert ist: Am egomanischem Sturkopf Erdogan. Das ist selbst dem allerletzten seit der Böhmermann-Situation klar. Und weil das jedem klar ist, ist es völlig unnötig, derartig die Händ über den Kopf zusammen zu schlagen und wie ein verrücktes Huhn im Kreis zu rennen. Genau daher schreien auch nicht alle Medien wild auf, so wie das TP gerne hätte. Wozu auch. Und 90% der Deutschen wäre Fußball sowieso wichtiger als alles politische.

Und was den Rat Lüders angeht: Ich bin mir ganz sicher, die Bundesregierung weiß das sehr genau. Denn anders als manche Forenten und TP-Autoren so annehmen, sind die Leute in der Bundesregierung nicht unbedingt auf den Kopf gefallen. Leider: Das wäre praktisch manchmal. Aber wäre dem so, wären diese Leute auch nicht so weit in ihrem Leben gekommen.

"Bundeskanzlerin Angela Merkel ist im Prinzip für die Einrichtung von sicheren Zonen in Syrien, aber ...."

Soweit richtig. Genauso wie das "aber". Und? Erfahren wir das "aber", den Haken an der Sache, die Einschränkung oder Bedingung von Frau Merkel? Nein, natürlich nicht. Stattdessen setzt der Autor mit "man darf ihr mit Recht mittlerweile Naivität unterstellen" fort. Aus anderen Medien erfahren wir jedoch dieses "aber" durchaus: Allen Beteiligten ist nämlich klar, dass dies Bodentruppen erfordern würde. Und die will man eigentlich dorthin nicht entsenden. So müßte man also den Satz dann wie folgt fortsetzen: "... aber ob es das geben wird ist fraglich, da es das Entsenden von Bodentruppen im großen Stil vermutlich nicht geben wird".

Naivität müsse man der Kanzlerin angeblich unterstellen. Soso. Weswegen eigentlich? Weil sie sich um Zusammenarbeit bemüht statt auf Konfrontation zu gehen? So wie Erdogan? Und so wie es unsere Stammtischpolemiker offenbar gerne hätten? Was für ein Schwachsinn! Auch wenn ich Merkel überhaupt nicht leiden kann, muss ich dennoch sachlich anerkennen, dass sie hier keineswegs naiv handelt: Anders als es offenbar gewisse TP-Autoren gerne hätten, BEMÜHT sich unsere Bundesregierung. Ist ja auch logisch: Es ist ihre beste Option. Naiv - ja geradezu dumm - wäre es, diese Option nicht zu versuchen. So gesehen können wir froh sein, dass Merkel gegenwärtig Bundeskanzlerin ist. Denn egal welchen alternativen Weg man auch sonst gehen würde: Der der diesen Weg geht, wird in der Luft zerrissen werden. Entweder von den wenigen Leuten mit Hirn in diesem Land, wenn man sich asozial und unmenschlich verhält, oder von den Horden Rechter und Neorechter, wenn man den Menschenrechten folgt und einen humanistischen Weg geht.

So sind wir wieder beim alten Spiel: Es ist völlig egal, was Merkel macht. Dass sie der Buhmann ist, steht ja schon lange fest. Und damit sind wir wieder bei der typisch deutschen Mentalität. Dumme VTs dürfen in dieser Mentalität natürlich nicht fehlen: Daher ja auch die "lustigen" Fragen am Ende des Artikels.

Fazit: Viel Aufregung um herzlich wenig. Man verlangt Emotionalität statt das, was man vorfindet, nämlich Rationalität. Und der Kern der Sache wird nicht mal in den Mittelpunkt gestellt, geschweige denn klar und deutlich benannt: Dass sich nämlich Erdogan hier aufführt wie ein Kleinkind. "Mit welchem Ziel?" fragt der TP-Autor. Diese Frage müssen wir auch stellen: "Mit welche Ziel" hat wohl der Autor diesen Artikel geschrieben. Diesmal zumindest muss man sich diese Frage wirklich ernsthaft stellen.

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