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  • Goerlitzer

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1990 noch undenkbar: Pro-Kopf-Einkommen der Türkei 30 % höher als Bulgariens

Und dabei hatten die beiden Länder noch 1990 völlig ungleiche
Ausgangsvoraussetzungen. Während die Türkei ein zurückgegliebenes
Agrarland mit einzelnen Inseln ausländisch gesteuerter
Man-Power-Industrie, vor allem im Textilbereich, war, existierte in
Bulgarien eine leistungsstarke Lebensmittel- und Leichtindustrie.
Während sich Gesundheits- und Bildungswesen der Türkei  auf einem
Niveau bewegten, dass nicht einmal den Begriff Schwellenland
rechtfertigte, "produzierte" Bulgarien einen Überschuss an
medizinischem Fachpersonal, das in vielen Teilen des Globus tätig
war. 

Doch mit der Assoziierungsprozess Bulgariens an die EU, der festen
Bindung der Lewa an die DM bereits in den 90er Jahren und letztlich
der EU-Vollmitgliedschaft begann und vollendete sich für Bulgarien
die Katastrophe. Die einheimische Industrie zerfiel, traditionelle
Wirtschaftsbeziehungen, vor allem in den GUS-Raum, wurden gekappt.
Leistungsfähige Landwirtschaftsbetriebe wurde kleinteilig
parzelliert. Der Binnenmarkt musste stufenweise komplett geöffnet
werden, als besonders fatal wirkte sich dabei die Aufhebung jeglicher
Beschränkungen für den Gebrauchtwagen-Import aus. 

Gleichzeitig hatte die Brüsseler Dienerschaft des Finanzkapitals
grossen Ehrgeiz entwickelt, aus Bulgarien eine neoliberale
Modellgesellschaft zu machen. Nach einer Übergangszeit, in der man
die Reste des Sozialversicherungssystems privatisieren will, soll
nichts mehr an einen Sozialstaat westeuropäischer Provenienz
erinnern. Während die Mehrwertsteuer 25 % erreichte, wurde der
Einkommenssteuer-Spitzensatz für (gar nicht einmal so wenige)
Euro-Millionäre bei 10 % festgeschrieben.    

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