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  • Mensch Meier

mehr als 1000 Beiträge seit 16.05.2006

Etwas mehr Recherche und weniger Verallgemeinerungen bitte

Vorab: Ich arbeite in einer Rundfunkanstalt der ARD als Personalreferent. Und verdiene sehr gut (5700€ brutto, Diplom, 50 Jahre alt). Das Gehalt würde ich in meiner Stadt nur in wenigen Betrieben der freien Wirtschaft bekommen. Etwas anderes zu behaupten wäre gelogen. Dennoch muss ich vielem hier widersprechen. Zu viele Vergleiche hinken.

Wenn der Autor nur etwas mehr recherchiert hätte, hätte er die Gehälter auf der ARD-Seite finden können. Für den rbb findet man sie z.B. hier (inkl. aktueller Gehaltstabelle):
https://www.rbb-online.de/unternehmen/der_rbb/zahlenundfakten/personalkennzahlen.html

Einen echten Vergleich kann man nur zwischen gleichen Berufen anstellen. Man kann das Salär unserer Intendanten mit dem von anderen Intendanten (Opern, Theatern) oder mit dem Gehalt von Krankenkassenchefs und Vorständen von Stadtwerken gleicher Größe vergleichen. Ebenso das Salär der Direktoren. Das Niveau ist bis auf eine Ausnahme (WDR-Intendant) völlig üblich.

Man kann Kameramänner und Steadycam-Spezialisten, Toningenieure etc. natürlich nicht mit Sachbearbeitern im Amt vergleichen. Ein guter Toningenieur verdient überall gut, es ist nun einmal ein hochqualifizierter Job. Der Vergleich ist immer nur pro Beruf möglich. Und in der Summe gibt es bei Fernsehen und Rundfunk nun Mal sehr viele hoch qualifizierte Jobs. Damit ist auch das Durchschnittsgehalt höher.

Es gibt einige Berufsgruppen - insbesondere in der IT und im Projektmanagement - die bei uns sogar weniger verdienen als in der Privatwirtschaft. Entsprechend schwierig ist es, diese Stellen zu besetzen. Stellenanzeigen der Rundfunkanstalten sind ein guter Indikator.

Richtig ist aber auch, dass niederig qualifizierte Jobs auch im Rundfunk vorkommen und dort ziemlich gut bezahlt werden. Aber eine Buchhalterin bei VW verdient auch deutlich mehr als eine Buchhalterin eines Callcenters. Drum Augen auf bei der Berufswahl und auch bei der Bewerbung. Die Branche ist oft wichtiger als der Beruf, wenn es um die Bezahlung geht. IT, Chemie, Pharma, Automobilindustrie und Rundfunk sind Branchen mit guten Gehältern.

Aber Mal ehrlich: Jeder hätte sich dort bewerben können. Wer dennoch im Dienstleistungsbereich oder Handel arbeitet, hat sich halt für eine schlechter zahlende Branche entschieden. Wer unzufrieden ist, sollte wechseln! Hab ich auch so gemacht.

Und dann noch ein paar Korrekturen: Freie Mitarbeiter verdienen nicht ähnlich gut, sondern deutlich schlechter. Der Autor schreibt Blödsinn. Auch haben einige Rundfunkanstalten in der Vergangenheit bereits erheblich Personal abgebaut. Der rbb zum Beispiel etwa 320 Vollzeitstellen. Jetzt sind es noch ca. 1.500 von ursprünglich mal über 1.800 Mitarbeitern nach dem Zusammenschluss von ORB und SFB.
(Hinweis: rechnerische Vollzeitstellen, Mitarbeiter gibt es durch Teilzeit mehr.)

Und nicht nur die Anzahl der Mitarbeiter ist gesunken. Der Rundfunkbeitrag ist seit 10 Jahren nicht mit der Inflation erhöht worden, sondern sogar gesenkt worden. Natürlich sind die Preise in dieser Zeit gestiegen, so dass ein massiver Spardruck in den Rundfunkhäusern entstanden ist und entsprechend gespart wird. Stellen werden nicht wiederbesetzt, es wird umstrukturiert und verdichtet. Wer behauptet, das Geld würde mit vollen Händen zum Fenster rausgeworfen, hat einfach keine Ahnung. Klar kann man das Programm kritisieren, die geäußerten politischen Meinung in Nachrichten inakzeptabel finden und man kann die Höhe der bezahlten Sportrechte unverhältnismäßig finden. Das geht mir auch so. Aber dass die Sender verschwenderischen mit Geld umgehen als die öffentliche Verwaltung, ist Unfug. Nur zahlt man für Ministerien und Beamte indirekt über die Steuern und ahnt nur deren Kosten. Beim Rundfunk sieht man die Kosten: 17,50€. Das kann man hoch finden, aber im Vergleich zu Zeitungsabos oder anderen Ausgaben ist es ein kleiner Betrag.

Zum Schluss noch zu den angeblichen "Pensionen" ein Wort. Es gibt keine Pensionen beim Rundfunk, weil es keine Beamten gibt. Es gibt nur eine Betriebsrente. Die war bis 1989 so üppig wie bei Beamten, wurde dann aber abgeschafft. Die neue Betriebsrente VTV wurde vor zwei Jahren von allen Rundfunkanstalten gekündigt. Neue Mitarbeiter bekommen nun nur noch eine Betriebsrente, wie sie überall im öffentlichen Dienst üblich ist. Altverträge gelten natürlich weiter, so wie überall. Verträge kann man nun mal nicht einseitig und rückwirkend ändern. Selbst wenn man den Rundfunk oder das Beamtentum abschaffen würde, würden die Betroffenen von Land und Bund ein Anrecht auf ihre Ansprüche behalten. Wer das ändern will, muss unser Rechtssystem ändern. Das hat nichts mit dem ÖR-Rundfunk zu tun.

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