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  • Adrian_E

956 Beiträge seit 27.11.2016

Entsetzt über einen großen Teil der (v.a. deutschsprachigen) Alternativmedien

In den letzten Jahren hat sich mein Medienkonsum von Mainstream-Medien stark in die Richtung von Alternativmedien verschoben. Ich nehme schon auch zur Kenntnis, was einige Mainstream-Medien schreiben, aber verwende meistens mehr Zeit darauf, zu lesen, was verschiedene alternative Medien und Blogs schreiben. Ich habe mir einen immer größeren Feed mit Beiträgen aus solchen Themen zusammengestellt.

Der Hauptgrund dafür war, dass ich den von Interessegruppen im Westen vorangetriebenen Neuen Kalten Krieg ablehne und für sehr gefährlich halte, und ich bin zum Schluss gekommen, dass zu vielen Themen wie den Konflikten in der Ukraine, Syrien und Venezuela in westlichen Mainstream-Medien extrem verzerrt berichtet wird und mehr Propaganda als sachliche Berichterstattung zu finden ist. Das war der Grund, weshalb ich mich stärker Alternativmedien zuwandte. Zwar sah ich dort durchaus auch Dinge, die ich kritisch sah, gewisse Tendenzen zum Irrationalen. Aber da ich diesen Neuen Kalten Krieg für extrem schädlich und gefährlich halte, bin ich bereit über einige dieser negativen Eigenschaften eines Teils der Alternativmedien hinwegzusehen, weil ich finde, dass sie insgesamt verglichen mit den Mainstream-Medien das kleinere Übel sind.

Aber darüber, wie sich ein großer Teil dieser insbesondere deutschsprachigen Alternativmedien (z.B. Extremfälle wie Rubikon oder Ken FM, aber auch andere gehen recht weit) im Zusammenhang mit COVID-19 verhalten, kann die Reaktion meiner Meinung nach nur völliges Entsetzen sein, ich habe selten gesehen, wie Leute so vollkommen entgleist sind, so vollkommenen Blödsinn geschrieben haben und ihre Glaubwürdigkeit so stark beschädigt haben. Im Grunde könnte es mir vielleicht gleichgültig sein, aber da gerade diese Alternativmedien doch einen bedeutenden Teil der Stimmen gegen den Neuen Kalten Krieg ausmachten, finde ich deren Selbstdemontage schon sehr tragisch und bedauerlich.

Es gäbe viel dazu zu schreiben, aber ich möchte nur drei Punkte dazu nennen, weshalb ich die Haltung solcher Alternativmedien zu COVID-19 für nicht im Geringsten akzeptabel und nachvollziehbar halte.

1. Das falsche Narrativ, dass der "Mainstream" gegen COVID-19 "überreagiere" und ein Gegengewicht dazu geschaffen werden muss

Ich frage mich, wo alle diese Leute in den Alternativmedien Ende Januar, während des ganzen Monats Februar und Anfang März waren. In den Mainstream-Medien kam die Epidemie kaum vor, nur ganz am Rande als eine exotische Horror-Schau, die zum Glück nur Asiaten betreffe, nicht auch Europa und Amerika. Mainstream-Institutionen behaupteten ohne sachliche Grundlagen, es sei unwahrscheinlich, dass sich das Virus in Europa ausbreiten würde, obwohl längst bekannt war, dass es sehr ansteckend ist.

Linksliberale wissenschaftsorientierte Journalisten schrieben süffisant, rationale Personen wüssten, dass man vor der Grippe sehr viel mehr Angst haben müsse als vor dem neuartigen Coronavirus. In Mainstream-Medien machte man sich über Leute lustig, welche im Februar die Gefahr einer Pandemie Ernst nahmen und z.B. Masken kauften, als sie noch problemlos erhältlich waren. In der Sendung "quer" des Bayrischen Rundfunks wurde die Idee, dass man sich auf eine bevorstehende Pandemie vorbereiten solle, als "politisch rechts" dargestellt und verhöhnt.

Nicht nur Donald Trump, sondern auch viele linksliberale Mainstream-Politiker wie der Präsident der italienischen Demokratischen Partei und der Bürgermeister von New York riefen im Februar und zum Teil bis Anfang März dazu auf, so weiterzuleben wie bisher, weiterhin Massenveranstaltungen zu besuchen und sich wegen COVID-19 nur ja nicht irgendwie einzuschränken. In Spanien riefen Linke dazu auf, am 8. März an Märschen zum Tag der Frau teilzunehmen, und die Tories in Großbritannien waren gegen jegliche Einschränkungen des Alltagslebens zur Eindämmung des Virus.

In Mainstream-Medien war während dieser Zeit sehr wenig über das Virus zu lesen, und das wenige, das es gab, war meistens von der Haltung geprägt, dass das etwas sei, was nur China und vielleicht noch ein paar andere asiatische Länder betreffe und wir in Europa froh sein könnten so viel besser als diese zu sein. Wenn man doch mehr über das neue Coronavirus lesen wollte, musste man außerhalb des Mainstreams suchen (aber eben nicht bei Rubikon und Ken FM, diese interessierten sich dafür ebensowenig wie die Mainstream-Medien).

Mit etwa eineinhalb Monaten Verspätung machten dann die Mainstream-Medien eine plötzliche 180°-Wende, und seither gibt es oft Nachrichtensendungen, in denen über fast nichts anderes als die Pandemie berichtet wird. Aber wie reagieren diese deutschsprachigen Alternativmedien auf die sehr stark verspätete 180°-Wende der Mainstream-Medien? Fast alle lamentieren, dass die Mainstream-Medien und Politiker nicht weiterhin beim Verharmlosen und Ignorieren von COVID-19 geblieben sind. Auf die Idee, zu hinterfragen, ob dieses Verharmlosen und Ignorieren während der zweiten Januarhälfte, dem ganzen Februar und Anfang März überhaupt jemals sachlich gerechtfertigt war, kommt bei Rubikon, Ken FM und Konsorten anscheinend niemand. Sie trauern dem Mainstream bis Anfang März nach.

2. Eine weltweite Verschwörung

Ich halte es für richtig, grundsätzlich alles in dem Medien kritisch zu hinterfragen. Es gibt sehr viele Propaganda-Erzählungen, die von Interessegruppen und think tanks platziert werden. Aber dabei geht es (wenn nicht noch engere Spezialinteressen im Spiel sind) oft um geopolitische Auseinandersetzungen, z.B. zwischen NATO-Ländern und Russland und/oder China.

Wenn nun aber so getan wird, als ob COVID-19 in Wirklichkeit harmlos sei und die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus nur mit dem Ziel von Regierungen, Bürgerrechte abzubauen, begründet seien, müsste man schon postulieren, dass das eine weltweite Verschwörung ist, an denen die USA, die meisten europäischen Länder, Russland, Israel, der Iran, Indien, China und viele weitere Länder gemeinsam teilnehmen. Es müsste also angenommen werden, dass Länder, die sonst bei geopolitischen Konflikten meistens auf unterschiedlichen Seiten stehen, gemeinsam an einer Verschwörung teilnehmen, mit der ihren Bürgern vorgetäuscht wird, eine in Wirklichkeit harmloses Virus sei gefährlich, um sie ihrer Rechte zu berauben.

Natürlich ist das nicht absolut unmöglich, aber solchen Behauptungen über eine weltweite Verschwörung, an der alle Großmächte teilnehmen, sollte man sicher sehr skeptisch gegenüberstehen, und solange es dafür keine Evidenz gibt, ist das kaum Ernst zu nehmen.

Meiner Meinung nach ist deshalb ziemlich klar, dass die weltweiten Maßnahmen tatsächlich mit Sorgen wegen der Folgen der Pandemie begründet sind (auch wenn man sicher nebenbei schauen soll, dass es keinen dauerhaften Schaden für Bürgerrechte gibt). Ob diese Maßnahmen im Einzelnen zu weit oder zu wenig weit gehen, kann man sicher diskutieren, und neue Erkenntnisse zum Virus können auch als Argumente für Anpassungen benutzt werden. Dazu kann es auch verschiedene legitime Einschätzungen geben. COVID-19 ist sicher nicht das schlimmste denkbare Virus, die Mortalitätsrate scheint viel weniger hoch zu sein als beim ersten SARS und bei MERS, aber wahrscheinlich doch deutlich höher als bei der Grippe, und die Gefahr der Überlastung der Gesundheitssysteme kann nicht ignoriert werden. Aber solche verschiedene Einschätzungen sollen nicht mit der unsinnigen Idee, das Virus sei ungefährlich, und die Maßnahmen seien gar nicht von der Gefahr durch die Pandemie motiviert, sondern vom Bestrebung der Regierungen, mehr Macht an sich zu reißen.

3. Eine sehr teure Art der Machtergreifung

Es ist sicher richtig, dass die Maßnahmen gegen die Pandemie die Handlungsmöglichkeiten der BürgerInnen einschränken. Es ist auch wahrscheinlich, dass das für viele Regierungen durchaus ein angenehmer Nebeneffekt der Maßnahmen ist - plötzlich gibt es keine solchen mühsamen Demonstrationen mehr, und es gibt wie oft in Krisenzeiten einen "rally-around-the-flag"-Effekt.

Aber daraus abzuleiten, dass die Regierung die Maßnahmen nur wegen dieser für sie zum Teil angenehmen Nebeneffekte ergriffen haben, ohne dass es dafür eine sachliche Grundlage gibt, erscheint mir absurd. Bei verschiedenen denkbaren Methoden, wie Regierungen mehr Macht an sich reißen können, ist es absurd teuer, das dadurch umzusetzen, dass große Teile der Wirtschaft lahmgelegt werden.

Sicher wäre es denkbar, dass eine Regierung, die gerade davorsteht, gestürzt zu werden, so hohe Kosten in Kauf nimmt, um mit dem Vortäuschen einer gigantischen Pandemie ihren Sturz noch abzuwenden (dass das gerade so viele Regierungen gleichzeitig tun, wäre schon viel weniger plausibel). Aber die meisten Regierungen standen offensichtlich nicht gerade davor, gestürzt zu werden. Für die Macht und das Ansehen einer Regierung spielt Geld eine sehr entscheidende Rolle - je mehr Geld eine Regierung Geld verschwendet, desto mehr ist ihre Macht tendenziell gefährdet. Deshalb ist es höchst unplausibel, dass Regierungen, um ihre Macht zu konsolidieren, eine so extrem teure Methode wählen würden, ein in Wirklichkeit harmloses Virus sei gefährlich, und dann große Teile der Wirtschaft lahmlegen.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (18.04.2020 19:40).

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