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  • booky55

765 Beiträge seit 09.08.2015

Die heilige Programmierinquisition hat zugeschlagen

Ich hatte das Vergnügen, in den 1970er Jahren angehende Mathematiker
und Physiker beim Informatikpraktikum zu beobachten. Damals haute man
seine Programme noch auf Lochkarten ein und gab sie beim Operateur
des Rechners ab. Stunden später fand man dann einen Ausdruck in einem
Fach wieder. Dieser Computerausdruck brachte viele zum Staunen.
Erstens ist es nicht ungewöhnlich, beim Hinschreiben von Formeln
Fehler zu machen, etwa ein Minus zu vergessen. Dann ist es normal,
Befehle zu vergessen oder falsch zu wählen. Sprungbefehle können
fehlen, die Bedingungen falsch gewählt werden usw. Beim Einstanzen
auf Lochkarten kann man schließlich Tippfehler machen. Der Stanzer
druckt zwar auch den Befehl auf die Lochkarte, aber wenn die Tinte
alle war, konnte man den Druck nicht mehr lesen und das Stanzbild zu
lesen, war Anfängern auch nicht gegeben.

Wenn man dann den Ausdruck bekam, gab es oft nur eine kryptische
Fehlermeldung, warum das Programm vom Rechner vorzeitig beendet
wurde. Zum Beispiel Division durch Null war ein beliebter Grund.
Selbst wenn das Programm irgendetwas ausrechnete, war es oft
offensichtlich Unsinn. Dann begann man, die Formeln zu prüfen, das
Programm Schritt für Schritt zu prüfen und schließlich die Lochkarten
zu untersuchen. Leute, die später Doktor der theoretischen Physik
wurden oder gar Professor der Experimentalphysik, brauchten nicht
selten drei bis fünf Versuche, bis der Rechner eine einfache Aufgabe
aus der Algebra gelöst hatte.

Erst der Zugang zu einem Rechner erzieht den Programmierer zu
Sorgfalt und Genauigkeit. Mitte der 1970er Jahre gab es z.B. noch
Programmierunterricht in Algol auf dem Gymnasium, ohne dass man dabei
Zugang zu einem Computer hatte, der Algol verstand. In solchen
Klassen gab es jede Menge Programmierhelden, deren Programme nie
einen Testlauf bestehen mussten.

Die gute alte Ada war also nicht schlechter als die Physiker und
Mathematiker in den 1970ern, die beim Informatikpraktikum ihren
ersten Computer sahen. 

Und über ihre Mathekenntnisse sollte man auch nicht lästern. Ich
selbst habe angehenden Ingenieuren und Geologen Mathenachhilfe
gegeben, die keinen Dreisatz als Formel hinschreiben oder gar nach
einer Variablen auflösen konnten. Seitdem weiß ich, dass das Abitur
in Mathe in Hessen auf dem selben Niveau liegt wie im Iran. In beiden
Weltgegenden kann man ohne jede Kenntnisse der Mathematik nicht nur
das Abitur bekommen, sondern man kann sich zum Studium der Natur-
oder Ingenieurwissenschaften berufen fühlen. Ich glaube, Ada wäre mit
ihren Kenntnissen bei den Besten des Semesters gewesen. Einen
Vorsprung hätte sie gegenüber den meisten Studenten gehabt. Die
Mathematik und die Computertechnik haben sie tatsächlich
interessiert. Das konnten in den 1970ern nicht alle Studenten von
sich behaupten. 

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