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  • Kognitivtitan

227 Beiträge seit 20.06.2009

"Narzissmus"?

Zitat aus dem Artikel:
> Bleibt nur noch Ada selbst zu zitieren, um Steins Diagnose
> des Narzissmus von Ada in voller Entfaltung zu erleben.
> Dies ist, was Ada in einem Brief über ihre eigenen Fähigkeiten
> als Mathematikerin zu sagen hatte:

Also ehrlich: Da nun gleich per Beißreflex Narzissmus zu
unterstellen, finde ich völlig unangemessen!

Ok, "Eigenlob stinkt", sagt man.
Aber das Zitat stammt ja, gemäß Herrn Rojas, aus einem (vermutlich
privaten) Brief. Da schreibt man sich schon mal ganz offen aus dem
Herzen, was man denkt und fühlt; was einen bewegt.

Zweifelsfrei gibt es Menschen, die tatsächlich irgendwie "weiter"
sind, als die Masse der Leute um diese Person herum.
Was bitte, soll man tun, wenn man (durchaus zutreffend) von sich
selbst feststellt, dass man Fähigkeiten besitzt, die andere Menschen
nicht haben?
- Soll man es sein Leben lang komplett verschweigen, selbst in
privater Konversation, um nur nicht als Narzisst zu gelten?

Lady Ada bescheinigt sich in dem Briefzitat selbst ein hohes
intuitives Verständnis.
Ihre Ausbildung war, den Umständen der damaligen Zeit geschuldet,
leider mangelhaft. Aber sie konnte sehr viel kompensieren, durch ihre
hohe Befähigung - auch wenn bestimmte Lücken nie ganz zu fixen waren.

Ich habe es jedenfalls oft genug erlebt, dass mit guten, intuitiven
Fähigkeiten ausgestattete Menschen, z. B. auch technische Probleme
viel viel schneller als manch ein Fachmann lösen konnten, der
intellektuell und vom Bildungsgrad her eigentlich erheblich überlegen
sein sollte. Sie steckten solche Fachleute förmlich in die Tasche!

Natürlich bleibt ein Mangel an Bildung ein ewiges Handycap.
Kein Halbgebildeter kann sich ewig und fehlerfrei mit einem
studierten Fachmann messen.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein intuitiv überlegener
Mensch das Potenzial hat, hier und da, seine (selbst gut
ausgebildeten) Mitmenschen  zu überstrahlen.
Diese Tatsache bei sich selbst festzustellen und das mal zu erwähnen,
hat noch lange nichts mit Narzissmus zu tun - sofern die Feststellung
stimmt.

Man muss also sagen, dass fähige Menschen, die nur ungenügende,
äußere Bedingungen vorfinden, um sich voll entfalten zu können,
durchaus Fehler machen, oder bestimmte Dinge nicht ganz zu Ende
denken können, weil bestimmte Puzzlestücke fehlen.
So gesehen, wird man bei Leuten wie Lady Ada, fast unvermeidbar
Fehler, oder Mängel finden.

Wenn solche (eigentlich hochgradig fähige!) Menschen - den Tatsachen
entsprechend - ihr eigenes Potenzial erkennen, obwohl sich zugleich
Fehler in ihren Arbeiten finden lässt, dann wäre ich vorsichtig
damit, gleich "Selbstüberschätzung", oder gar "Narzissmus" zu
unterstellen!

Wer weiß, was diese Frau geleistet hätte, hätte sie eine
vergleichbare Ausbildung erhalten, wie ihre männlichen Kollegen?

Es mag ja sein, dass die Resultate ihres Schaffens überbewertet sind,
verglichen mit echten Akademikern. Aber ich störe mich daran, wenn
ihr gleich Narzissmus unterstellt wird, bloß weil sie sich traut, in
einem Brief mal zu erwähnen, dass sie Dinge wahrnimmt, die andere
übersehen.

In dem Zusammenhang verweise ich mal auf die Matrix-Trilogie, weil so
viel Wahres darin steckt:
Nicht der hochintelligente Erschaffer der Matrix, also der
"Architekt", fand letztendlich die Lösung für eine dauerhaft stabil
funktionierende Matrix. Sondern das "eher intuitive Programm" -
Orakel - fand schließlich die Lösung, an deren Realisierung der
Architekt zuvor mehrfach kläglich scheiterte.

Natürlich stammt vom Architekten der größere und bedeutendere Teil
des Schaffensprozesses. Aber ohne die (intuitiven) Fähigkeiten des
Orakels wäre vielleicht niemals eine stabile Lösung gefunden worden.
Was spricht dagegen, wenn diesbezüglich befähigte Leute mal in einem
Brief erwähnen, dass sie ein besonderes Potenzial haben?

- Warum auf deren Fehlern herumhacken und in Folge gleich von
"Selbstüberschätzung" und "Narzissmus" faseln?

Wenn Lady Ada vorrangig intuitive Fähigkeiten hatte, dann hat sie
sich bei ihrer Beschäftigung im Grunde auf fremden Terrain ausgetobt.
Da findet man zwangsläufig Mängel in den Resultaten.
Es mag vielleicht zutreffen, dass ihre Arbeitsresultate überbewertet
sind. Aber der Vorwurf "Narzissmus" ist da nun wirklich fehl am
Platze!

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