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Meyers Großes Konversationslexikon 1907: Karl der Große

"... 2) K. I., der Große, König der Franken und römischer Kaiser, geb. 2. April 742, gest. 28. Jan. 814, Enkel des vorigen, der älteste Sohn Pippins des Kleinen und der Berta, einer Tochter Chariberts, Grafen von Laon, wurde nach dem Tode seines Vaters (768) mit seinem Bruder Karlmann zum König gesalbt und erhielt Austrasien und einen Teil von Aquitanien, bemächtigte sich aber nach seines Bruders Tode 771 mit Zustimmung der Großen des ganzen Reiches, worauf Karlmanns Witwe samt ihren unmündigen Söhnen zu dem Langobardenkönig Desiderius floh. Letztern besiegte er nach einer zehnmonatigen Belagerung in Pavia, schickte ihn in ein Kloster und ließ sich als König der Langobarden huldigen (im Juni 774). Die Unterwerfung und Christianisierung der noch unabhängigen Sachsen hatte schon vorher begonnen; 772 drang K. in Engern ein, nahm die Eresburg (an der Stelle des heutigen Marsberg) ein und zerstörte die Irminsul (s. Irmin). Die Engern versprachen Unterwerfung und Annahme des Christentums, empörten sich aber 774 und wurden zugleich mit den Ostfalen und Westfalen 775 aufs neue unterworfen. Allein sie empörten sich immer wieder, so 776 und 778 und besonders 782. Widukind, ein westfälischer Fürst, kehrte damals aus Dänemark, wohin er geflohen war, zurück, reizte die Sachsen, die gerade die feindlichen Sorben mit bekriegen sollten, auf, und ein fränkisches Heer ward am Süntelgebirge vernichtet. K. ließ nun zum warnenden Beispiel 4500 Sachsen zu Verden an der Aller enthaupten. Erhoben sich die Sachsen auch zahlreicher als je, sie wurden doch 783 bei Detmold und entscheidender an der Hase geschlagen, und als sich 785 Widukind und Albion, ein andrer Häuptling, unterwarfen und zu Attigny taufen ließen, war der Stamm im wesentlichen unterworfen. Zwar folgten noch manche Aufstände, aber beim Herannahen Karls ergaben sich die Empörer gewöhnlich. Die Nordalbinger (Sachsen nördlich der Elbe) wurden erst 804 besiegt und damals 10,000 von ihnen als Geiseln für die Treue ihrer Landsleute ins innere Deutschland weggeführt. Massentaufen der Sachsen hatten wiederholt stattgefunden, und nach und nach wurden Bistümer in Halberstadt, Paderborn, Minden, Verden, Bremen, Münster und Osnabrück gegründet, Klöster in Korvei und Herford. Über die Grenzen Sachsens hinaus unterwarf K. 789 die Wilzen jenseit der Elbe, die Obotriten waren ihm verbündet, 806 wurden die Sorben und selbst die Böhmen teilweise abhängig. Gegen Dänemark behauptete K. seit 808 die auch von letzterm 811 anerkannte Eidergrenze. Als K. 788 den Herzog von Bayern, Thassilo, absetzte und ins Kloster Jumièges schickte, wurde er in einen Krieg mit dessen Verbündeten, den räuberischen Avaren, verwickelt, drang 791 bis zur [627] Raab vor, Markgraf Erich von Friaul erstürmte 795 den Hauptring der Avaren an der Theiß, und 796 zwang sie Karls Sohn Pippin zur Unterwerfung. Schon vorher hatte K., obwohl noch mit dem Sachsenkrieg beschäftigt, eine Eroberung im Süden begonnen. 777 war eine arabische Gesandtschaft des Statthalters von Saragossa, Hussein el Abdari, auf dem Reichstag zu Paderborn erschienen und hatte K. um Hilfe gegen Abd er Rahmân, den omaijadischen Kalifen von Cordoba, gebeten. K. zog 778 über die Pyrenäen, nahm Pamplona ein und eroberte Saragossa, wo er Hussein wieder einsetzte. Auf die Kunde von einem Sachsenaufstand trat er den Rückzug an, auf dem die Franken (wahrscheinlich im Tal von Roncesvalles) von den treulosen Basken überfallen und viele getötet wurden, darunter Hruodland, der Befehlshaber der britannischen Mark, das Urbild des Roland der Sage. K. verlor seine Eroberung und konnte erst nach einem glücklichen Feldzug seines Sohnes Ludwig in Spanien (799) und nach dem Fall Barcelonas 801 die spanische Mark errichten, die das Land von den Pyrenäen bis zum Ebro umfaßte. Zum Schutz seines Reiches richtete K. auch an den andern Grenzen Marken ein: gegen die südlichen Slawen die Marken von Friaul und Kärnten, gegen die Avaren die avarische Mark (das spätere Österreich), gegen die Böhmen die fränkische im Nordgau, gegen die Sorben die thüringische an der Saale, gegen die Dänen die Mark an der Eider. In den Marken siedelte er fränkische Vasallen an und verlieh den Markgrafen eine ausgedehntere Gewalt als den Grafen des Binnenlandes. Karls Reich erstreckte sich im N. bis zur Eider, im O. bis zur Elbe, Saale und Raab, im S. bis zum Volturno und Ebro, im übrigen bis zum Atlantischen und Mittelländischen Meer.


K. betrachtete sich nicht nur als weltlichen Herrscher, sondern auch als Haupt der Kirche, der alle Reichsgen offen angehörten. Wie sein Vater Patricius von Rom, besaß er die Schlüssel zum Grabe des heil. Petrus und hatte das Gelöbnis der Treue vom Papst, dem er 774 das Patrimonium Petri verlieh, empfangen. Den universalen Charakter seiner Herrschaft brachte endlich die Tatsache zum Ausdruck, daß ihm am Weihnachtstage (25. Dez.) 800 Leo III. in der Peterskirche zu Rom die römische Kaiserkrone aufs Haupt setzte. Ostrom erkannte ihn 812 als Kaiser an, auch die christlichen Angelsachsen und Schotten betrachteten ihn als Oberherrn, er selbst legte auf die neue Würde großes Gewicht und ließ sich 802 als christlichem Oberherrn der Kirche aufs neue huldigen. Im fränkischen Reich hatte der König immer die Bistümer besetzt und Pfründen verliehen. K. griff auch in die Lehre der Kirche ein. Kirchenversammlungen berief er nicht nur, sondern änderte auch gelegentlich ihre Beschlüsse und überwachte den Wandel der Geistlichen. Auch die weltlichen Gesetze beeinflußte er in christlichem Geiste, ließ aber den Geist der Volksrechte und die auf nationaler Grundlage erwachsene Organisation des fränkischen Reiches möglichst unangetastet, wenn er auch durch seine Erlasse (Kapitularien), die auf den jährlich im Mai und Herbste stattfindenden Reichsversammlungen verkündet wurden, eine größere Einheit in dem vielsprachigen Reich herzustellen suchte. Königliche Sendboten (missi) sandte K. in den Provinzen umher, um den Kultus, die Finanzen und das Gerichtswesen zu überwachen und die Grafen zu kontrollieren an Stelle der Herzoge, deren Ämter K. außer in Benevent beseitigte. In jedem Gau gebot als Richter, militärischer Vorsteher und Finanzbeamter ein Graf, der dreimal im Jahre die ordentliche Gerichtsversammlung abhielt und den Heerbann seines Gaues in den Krieg führte. Als Gehalt bezogen die Beamten die Nutzung von gewissem, ihnen überwiesenem Landbesitz und Teile der Gerichtsbüßen. Das Staatseinkommen bestand in den Erträgen der königlichen Domänen (fisci), deren Verwaltung K. mit Sorgfalt und großer Sachkenntnis leitete, Gerichts- und Heerbannbußen, freiwilligen Geschenken, die von jeher üblich waren, und gewaltsamen Einziehungen, die über treulose Große verhängt wurden; Steuern gab es nicht, aber wohl persönliche Dienste, da jeder zum Vorspann und zur Verpflegung des Königs und seines zahlreichen Gefolges auf seinen dauernden Fahrten durch das Reich verpflichtet war. K. verfügte über große Geldmittel und konnte gewaltige Unternehmungen, wie einen Donau-Mainkanal, den er wenigstens begann, und glänzende Bauten von Kirchen und Pfalzen ausführen, so in Nimwegen, Ingelheim und vor. allen in Aachen. K. fühlte sich als Deutscher; nur in Äußerlichkeiten gab er römischen oder byzantinischen Einflüssen Raum und führte z. B. in das höfische Zeremoniell Kniefall und Fußkuß ein. Sein Herz hing an der altfränkischen Heimat: hier versammelte er die Großen um sich, hier feierte er am liebsten das Weihnachtsfest (19 mal in Aachen, nur 6 mal in Gallien). Stets begleiteten ihn seine beiden ersten Räte, der Apokrisiarius, der den geistlichen, der Pfalzgraf, der den weltlichen Angelegenheiten vorstand. In den spätern Jahren hatte K. einen Kreis Vertrauter um sich, die gelehrtesten Männer ihrer Zeit. 781 schon zog er gelegentlich seines Zuges nach Italien den gelehrten Angelsachsen Alkuin an seinen Hof; 782 gewann er Paulus Diaconus, den Geschichtschreiber der Langobarden, und den Grammatiker Peter von Pisa. Sie wurden die vornehmsten Lehrer der Hochschule, die am königlichen Hof entstand. Hier empfing er selbst, seine Kinder und viele edle Jünglinge aus dem Reich Unterricht in der Dichtkunst, Rhetorik, Dialektik und Astronomie, ja auch im Griechischen und Lateinischen. In diesem Kreise von Gelehrten, die klassische und biblische Namen annahmen, störte kein Zeremoniell die Vertraulichkeit; für seine Gelehrten war K. nicht der Kaiser, sondern trug den Namen David. Die Handschriften der Bibel und der angesehensten römischen Autoren ließ er durch Mönche abschreiben, um die Benutzung dieser Werke zu erleichtern. Aus jener Schule gingen Männer hervor, wie Angilbert (s. d.), zugleich Dichter und Staatsmann, und Einhard (s. d.), des Kaisers Biograph. Geistliche und weltliche Würdenträger empfingen hier oder in den zu Tours und Pavia später begründeten Zweigschulen ihre Bildung. Auch der vaterländischen Literatur wendete er sein Interesse zu und ließ alle Lieder aus der germanischen Heldensage sammeln; diese Sammlung ist aber leider verloren gegangen.


K. war von breitem, kräftigem Körperbau, von stattlicher Größe (sie betrug sieben seiner Füße), hatte große, lebhafte Augen, eine bedeutende Nase; der Hals war dick und etwas zu kurz, sonst war der Körper ebenmäßig gebaut. Sein Aussehen war würdig u. achtunggebietend, der Gang fest, die Stimme heller, als man nach seiner Erscheinung erwarten sollte. Er erfreute sich dauernder Gesundheit, nur in seinen vier letzten Lebensjahren war er vom Fieber geplagt. Seine Kleidung war fränkisch; fremdländische verschmähte er, und nur bei Festlichkeiten erschien er in einem goldgewirkten Kleid, mit Schuhen, an denen Edelsteine funkelten, und einem Diadem aus Gold und Edelsteinen. [628] Einfach war seine Lebensweise: er war mäßig im Essen und Trinken, weniger jedoch in ersterm als in letzterm, weil das Fasten seinem Körper schade. Obwohl im Regiment durchaus selbständig, bestimmten ihn, den tiefe Frömmigkeit auszeichnete, doch bisweilen religiöse Beweggründe zu politischen Maßregeln; aber er war kein Diener der Geistlichkeit, am wenigsten des Papstes. Er verband durchdringende Verstandesschärfe mit unbeugsamer Willenskraft. Das Höchste galt ihm nicht für unerreichbar, aber auch das Kleinste nicht zu gering. Er war von leidenschaftlichem Temperament und für Frauenschönheit empfänglich, wie er denn neben seinen Gemahlinnen mehrere Beischläferinnen hatte; aber geschlechtliche Ausschweifungen, sogar mit einer Schwester, hat ihm nur die neidische Sage angedichtet. Viermal war er vermählt: erstens mit einer Tochter des langobardischen Königs Desiderius, die er 771 verstieß; zweitens mit Hildegard, einer vornehmen Schwäbin; drittens mit Fastrada, der Tochter des ostfränkischen Grafen Radolf; viertens mit der Alemannin Luitgard. Hildegard hatte ihm fünf Söhne und drei Töchter geboren. Von den Söhnen blieben drei am Leben, von denen der ältere, Karl, schon 781 zum Nachfolger im fränkischen Reich bestimmt wurde, während von den jüngern Pippin (zuerst Karlmann genannt) zum König von Italien, Ludwig (später »der Fromme«) zum König von Aquitanien gesalbt wurde. Nach der Annahme der Kaiserkrone schien ihm 806 eine neue Teilung notwendig, die trotz der dem ältesten Sohn vorbehaltenen Oberhoheit einer Zerstückelung des Reiches gleichgekommen wäre, aber durch den Tod der beiden ältern, Karls (811) und Pippins (810), vereitelt wurde. So blieb Ludwig der alleinige Erbe und setzte sich auf den Wunsch des Vaters 813 im Münster zu Aachen die Kaiserkrone mit eigner Hand aufs Haupt. K. wurde in dem von ihm erbauten Münster zu Aachen feierlich beigesetzt. Otto III. ließ im J. 1000 das Grab öffnen, man fand den Kaiser auf seinem marmornen Thron sitzend, im Kaisermantel und das Schwert an der Seite, auf seinen Knieen lag die Bibel. Friedrich I. erwirkte bei dem Gegenpapst Paschalis III. die Heiligsprechung Karls (28. Dez. 1164) und ließ, um die heiligen Gebeine zu bergen, 27. Juli 1165 noch einmal die Gruft öffnen und den Leichnam, mit Ausnahme des Kopfes und eines Schenkels, in einen silbernen Schrein legen, der seinen Platz auf dem Altar fand. Doch den kommenden Geschlechtern schwand die Kunde von diesem Vorgang, und erst 1843 entdeckte man, daß der Schrein, in dem man die Reliquien des heil. Leopardus vermutete, des großen Kaisers Gebeine enthalte. Der Kopf und ein Schenkel waren in der Sakristei aufbewahrt und dort Jahrhunderte hindurch den Fremden gezeigt worden. Vgl. Tafel »Goldschmiedekunst«, Fig. 1, mit Text.


Kein Sterblicher hat die Phantasie der Nachgebornen so beschäftigt wie K.: nicht allein jede der Nationen, über deren Vorfahren er einst geherrscht, Deutsche, Franzosen, Niederländer, Italiener, nahm ihn als den Ihrigen in Anspruch und umwob seine weltgebietende Gestalt mit dem verklärenden Schimmer der Sage, sondern auch bei Engländern, Skandinaviern und Spaniern, mit denen ja K. nur wenig in Berührung gekommen ist, knüpft sich nach Jahrhunderten eine umfangreiche Literatur an seine Person. Während die Kirche schon vor dem ersten Kreuzzug von einer Heerfahrt Karls nach dem Orient fabelte (zuerst bei Benedikt um 968) und bis in das spätere Mittelalter die verschiedensten staatlichen Einrichtungen als Werke Karls bezeichnet werden, behandelte die französische und die provenzalische Dichtkunst mit Vorliebe die Kämpfe Karls gegen die Araber in Spanien (wie denn auch das älteste erhaltene Gedicht die »Chanson de Roland« ist), weniger die Züge nach Italien und Sachsen und Karls Jugend. Auch im deutschen Volke lebten zahlreiche Sagen über den großer Kaiser: man erzählte sich, er weile im Untersberg (bei Salzburg) und werde einst erscheinen, um das Reich in neuer Macht und Herrlichkeit wieder herzustellen. Aber nur in der »Kaiserchronik« (von 1160) sind diese Sagen niedergeschrieben, die übrigen Gedichte des karolingischen Sagenkreises, wie das »Rolandslied« und »Wilhelm von Oranse«, beruhen auf französischen Vorbildern. Ähnlich ist es in Italien; hier enthält nur die Chronik von Novalese (aus dem 11. Jahrh.) einheimische Sagen über K. und zwar meist von feindseliger Tendenz; die französischen Dichtungen wurden schon im 12. Jahrh. bekannt und haben ein Heer von Nachahmungen hervorgerufen, deren bedeutendste Ariosts »Rasender Roland« ist. Auch bei den übrigen oben genannten Nationen sind die zahlreichen Dichtungen über K. auf französische Vorbilder zurückzuführen, selbst die »Karlamagnus-Saga«, die im 13. Jahrh. in Island entstand (Weiteres s. Karlssage)..."

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907, S. 627-653.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20006871674
Lizenz:
Gemeinfrei

Karl der Große ist der Mann, nach dem der famose Karlspreis benannt ist.
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Karlspreis

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