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  • onra

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Ich habe den Text schon in einem anderen Trade gepostet,- ich finde ihn ...

sehr gut, und drängel mich mal nach vorne!

Als das Gute starb
Der Bericht eines Wehrmachtssoldaten über die Verrohung durch den
Ostfeldzug

Von Jörg Kirchhoff

Im Sommer 1944, drei Jahre nach dem deutschen Überfall auf die
Sowjetunion, kehrt sich der „Blitzkrieg“ gegen seine Erfinder: Die
Rote Armee zerschlägt in einer umfassenden Offensive die Heeresgruppe
Mitte, bei der Wehrmacht bricht das Chaos aus, und zahllose Einheiten
verschwinden spurlos in den weißrussischen Wäldern. Die Bilanz von
drei Monaten allein auf deutscher Seite: 590 000 Tote und Vermisste.

Einer der Verschollenen heißt Willy Peter Reese. Der Banklehrling aus
Duisburg wird im Februar 1941 mit 20 Jahren zur Wehrmacht eingezogen,
ausgebildet und im Herbst nach Russland geschickt. Er marschiert
durch die ukrainische Steppe, kämpft bei Kursk und am Oberlauf des
Dnjepr, liegt mehrfach im Lazarett und schreibt seinen letzten Brief
am 22. Juni 1944 aus der Gegend um Witebsk. Danach nichts mehr.

Kein seltenes Schicksal in jener Zeit. Und doch ist es nun der Soldat
Reese, der die individuellen Tragödien hinter der Statistik erahnen
lässt. Denn vor seinem Tod hat der feinfühlige, hoch gebildete Sohn
gutbürgerlicher Eltern noch versucht, sich das Grauen des Krieges vom
Leib zu schreiben, und eine ungewöhnlich verstörende Schilderung der
blutigen Schlachtereien hinterlassen. Die liegt jetzt nach fast 60
Jahren erstmals veröffentlicht vor – und wer sie gelesen hat, wird
sie so schnell nicht wieder vergessen.

Fleisch in Fetzen

Am Anfang beschreibt Reese den Drill auf dem Kasernenhof, das Militär
ist ihm fremd, er versteckt sich nur widerwillig hinter „der Maske
des Soldaten“. Ist sein Stil hier noch unsicher, so ändert sich das
im russischen Winter 1941/42: Die Metapher wird jetzt zur Munition,
die Sprache zum Schild gegen die Verzweiflung. Er schreibt, „um das
Vergangene abzutun“. Und er notiert Fürchterliches: Da „hing das
schwarze Fleisch in Fetzen von den Füßen“, die „Stümpfe amputierter
Arme und Beine standen grotesk und gespenstig von blutleeren Körpern
ab“. Ein deutscher Soldat hackt einem gefallenen Russen die
gefrorenen Unterschenkel ab, um an die gefütterten Stiefel zu kommen.
Aufgetaut werden die Stümpfe neben dem Ofen, auf dem das Mittagessen
kocht. So geht es seitenlang.

Doch das Besondere an der apokalyptischen Erzählung des Gefreiten
Reese ist nicht die detaillierte Beschreibung der Grässlichkeiten,
sondern die unmittelbare Beobachtung des eigenen inneren Zerfalls.
Hier spricht kein Überlebender, dessen Erinnerung verzerrt sein
könnte, kein Verfasser von Feldpostbriefen, der auf die Zensur
Rücksicht nehmen musste oder die Angehörigen schonen wollte. Vielmehr
berichtet Reese direkt aus einer dunklen Vorhölle, aus einer
anonymen, gesichtslosen, völlig entindividualisierten Welt; kein
Kamerad wird namentlich genannt, kein Vorgesetzter. In der
mitleidlosen Trostlosigkeit ist „alles gleichgültig“: „Wir wollten
lieber heute als morgen fallen“. Den Tod hält er für die „Vollendung
des Sinnlosen“.

Und Reese weiß, dass er nicht nur Opfer ist. „Tränen, Flehen und
Flüche störten uns nicht“, notiert er nach der Besetzung eines
Dorfes. „Wir lebten aus dem Vollen und dachten nicht an die
Hungersnot, die nach uns kam.“ Er verflucht Hitler, „der diesen Krieg
begann“, und schließt sich doch stets mit ein, wenn er in seinen
Gedichten die Wehrmacht – „die Juden ermordet, die Menschen
geknebelt“ – als blutrünstige, „brüllende Horde“ marschieren lässt.
Reese schildert, wie sowjetische Kriegsgefangene ermordet werden und
– ohne jede Änderung der Tonart – wie deutsche Verwundete von Kosaken
getötet werden. Für ihn gibt es keinen Streit der Weltanschauungen,
nein: „Tod und Töten war das einzige Ziel dieses Ringens.“ Er spürt,
wie seine „letzten Werte zerfielen“, und lacht trotzdem über gehenkte
Russen, die verwesend im Wind schaukeln. Er leidet und er tötet,
verroht, stumpft ab und merkt gleichzeitig noch, wie in ihm „das
Gute, Edle und Schöne starb“.

So verdichtet sich in Reeses widersprüchlichem Bekenntnis, wie er es
selbst genannt hat, die vertrackte Diskussion um die Schuld der
einzelnen Soldaten an den in Russland begangenen Verbrechen, an den
weit über 20 Millionen Toten der Sowjetunion. Reese weiß, dass er ein
Rädchen in der Mordmaschine des Vernichtungskriegs ist, dass auch er
ein Leidtragender ist: „Auch ich war schuldig an dieser Verwüstung
und allem Leid, schuldig wie alle Namenlosen und Geopferten, wie alle
Soldaten.“ Auflösen kann er seinen inneren Zwiespalt nicht mehr: 25
Jahre nach Kriegsende informiert das Rote Kreuz die Mutter von Willy
Peter Reese, dass er „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ zwischen dem 22.
und 30. Juni 1944 gefallen ist. Ob und wo sein Leichnam begraben
wurde, ist bis heute unbekannt.

Willy Peter Reese: Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des
Krieges. Russland 1941-44. Herausgegeben von Stefan Schmitz. Claasen,
Hamburg 2003. 284 Seiten. 21 Euro.

http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/27.10.2003/807906.asp
onra

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