Avatar von kemmerich
  • kemmerich

313 Beiträge seit 11.02.2020

Alles kein Geheimnis

Man kann ja gut & gerne so einiges hinterfragen, was derzeit beschlossen und durchgezogen wird; auch das, was die Massenmedien gerade veranstalten, diese blöden "Zusammen sind wir stark"-Werbespots zum Beispiel. Ganz sicher bekommt man in diesen Zeiten einen interessanten Blickwinkel geboten auf das, was diese Gesellschaft ausmacht, wie sie sich definiert, was ihr wichtig ist, was sie aushält und was nicht. Ja, gut.

An der Krise an sich ist aber nichts Geheimnisvolles, und auch die Maßnahmen, mit denen man sie zu bekämpfen versucht, liegen eigentlich auf der Hand - und sind absolut alternativlos.

"Flatten the Curve" bedeutet einfach nur Mathe: Wird die Kurve nicht abgeflacht, so gibt es einen Ansturm auf die Krankenhäuser; dann kommt die "Triage" im Minutentakt, und dann haben wir Bilder, die diese Gesellschaft garantiert nicht aushält und die unser Selbstverständnis so krass in Frage stellen, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse deutlich ändern würden, zum Schlechten hin. (Das war übrigens bei "Wir schaffen das!" im Spätsommer 2015 auch so: ein Abriegeln Deutschlands hätte auf Dauer extrem unschöne Bilder produziert, wir hätten's schlicht nicht ertragen). Die Kurve abflachen geht nur, wenn man Kontakte reduziert - es gibt dazu keine Alternative. (Wohl aber gibt es ein vernünftiges Maß: Ausgangssperren müssen nicht sein, die Schließung von Orten, wo viele Menschen zusammenkommen, hingegen schon).

Was die Wirtschaft betrifft: Auch hier sind die Maßnahmen grundsätzlich alternativlos. Das war bei der Finanzkrise 2008 so, und es ist auch heute so: Der Staat muss verhindern, dass die Wirtschaft komplett kollabiert, alles andere wäre Wahnsinn. Aus der Finanzkrise 2008 die Lehre zu ziehen, dass die staatlichen Rettungsmaßnahmen ja eigentlich nur dafür gesorgt hätten, Manager wieder mit Boni zu versorgen, geht fehl! Ohne das ökonomische Schmiermittel Geld läuft nichts, gar nichts! Sicher: Man hätte danach aus der Krise viel lernen können, aber es gab nicht eine Initiative, die entsprechende Forderungen konkret formulieren konnte. Auch nicht "Occupy": Die wollten "die Banken in die Schranken weisen", aha. Es ist kein Wunder, dass es nach der Finanzkrise schon bald mit dem Neoliberalismus weiterging.

Diesmal könnte es anders sein, aber das hängt von uns ab, von der ganzen Gesellschaft! Wenn wir Corona überstanden haben und dann immer noch mehrheitlich glauben, uns nicht mit ökonomischen Zusammenhängen beschäftigen zu müssen und Politiker als Dienstleister auffassen zu können, dann wird es auch diesmal wieder so weitergehen wie vorher.

Wie diese Gesellschaft drauf ist, zeigt das Beispiel IT-Nutzung sehr anschaulich: Wir halten es für unser Recht, das Zeug konsumieren zu können - je smarter umso besser - ohne überhaupt irgendwas von der Problematik drumherum zu begreifen. Wenn ein Auto heutzutage seinen Besitzer überwacht wie ein Versuchstier, dann wollen wir das erstens gar nicht so genau wissen, weil's ja eine inconvenient truth ist und kognitive Dissonanz erzeugt, zweitens haben wir von IT keine Ahnung und von Soziologie auch nicht - dafür sind ja andere zuständig, Fachleute. Soll "die Politik" doch was machen, wofür werden die denn bezahlt! Also geht alles weiter wie bisher...

Bewerten
- +