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  • Nadja Thelen-Khoder

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Folter-Lehrgang in der Bundeswehr. Hans Roth klagte an (tat, Nr. 24, 11.6.1976)

„die tat, 27. Jahrgang, Nr. 24, 11. Juni 1976:

>Oberleutnant Hans Roth:

„Ihre Behauptung, es gebe ,seit mindestens fünf Jahren eine institutionalisierte Folterausbildung in der Bundeswehr’, ist falsch. Da Sie keine Fakten nennen, muß ich Ihr ,Erlebnis’ als Halluzination bezeichnen. Tatsache ist, daß es in der Bundeswehr zu keiner Zeit eine Ausbildung der Art gegeben hat, wie sie von Ihnen beschrieben wurde. Die Behauptungen in Ihrem Leserbrief sind rundheraus erlogen.“ (Aus einem Schreiben des Bundesministeriums der Verteidigung vom 21. Oktober 1975.) [abgebildet in „Der Freiherr und der Citoyen“, Erstes Buch, S. 293; eigene Anmerkung]

Ich nenne nun Fakten. Ich stütze mich dabei auf Aufzeichnungen, die ich angefertigt hatte, unmittelbar nachdem ich Augen- und Ohrenzeuge der von mir beschriebenen Folterausbildung in einer der Öffentlichkeit unbekannten Spezialeinheit geworden war.
Ende Oktober 1969 habe ich vier Tage lang im Gebiet der Fränkischen Saale (der Ort in der Nähe des von mir besuchten Ausbildungslagers heißt Seewiese und liegt zwischen Hammelburg [1] und Gmünden / Main) die von mir beschriebene Sache besichtigen können. Als Reserveoffizier, der das Vertrauen seines ehemaligen akademischen Lehrers und Reservegenerals Prof. Dr. Dr. Freiherr von der Heydte [2] genoß, war ich von diesem telefonisch dem Kommandeur der Kampftruppenschule in Hammelburg empfohlen worden. Ich hatte Prof. von der Heydte gebeten, einmal das sehen zu können, was in der Militärliteratur als „Kleinkrieg“ [3] oder „Grenzkampf“ inoffiziell - „Jagdkampf“ – bezeichnet wurde; begründet habe ich diesen Wunsch mit wissenschaftlichem Interesse.
In Wirklichkeit hatte Günter Wallraff, der zuvor über meinen „Fall“ im Zusammenhang mit Bundeswehr und Notstandsgesetzen berichtet hatte (s. Anlage) [4], mir einen entsprechenden Hinweis gegeben und mich gebeten, mit meinen Möglichkeiten als Immer-noch-Offizier mich wie eine Kamera in diesen heimlichkeitswirksam verdunkelten Bereich hineinzubegeben. Nach einigen Gewissenskonflikten habe ich dann seiner Bitte entsprochen, wobei ich es für ausgeschlossen hielt, daß er recht behalten würde: nach den Lager- und Foltererfahrungen des III. Reiches war es für mich absolut unvorstellbar, auf deutschem Boden ein Ausbildungslager mit Folterausbildung anzutreffen. Was ich dann zu sehen bekam, hat mich eines Besseren bzw. eines Schlechteren belehrt.
Ich komme also nun an der Kampftruppenschule in Hammelburg an, Ende Oktober 1969, an einem Montagmorgen. Der Kommandeur ist aus irgendeinem Grund nicht da (oder läßt sich verleugnen) – jedenfalls empfängt mich sein Stellvertreter, zeigt sich vollinformiert und versieht mich mit dem ständigen Begleiter für die vier zugestandenen Besichtigungstage. Der Begleiter, ein Oberstleutnant Afheldt, stellt sich mir als Lehrgruppenkommandeur vor, dem die Einzelkämpferinspektionen unterstehen. Später kommt noch ein Major Petzold zu uns, so daß wir zu dritt sind. Ich mache diese Namensangaben, weil ich vom verantwortlichen Minister dazu aufgefordert worden bin; unsicher bin ich dabei lediglich, was die Rechtschreibung der Namen betrifft.
Wir kommen zu dritt an ein Areal, das einige Kilometer außerhalb des Kasernengebäudes außerhalb der Kampftruppenschule liegt und von einem Maschendrahtzaun umgeben ist. Mir fallen zwei Baracken auf, von denen die eine die Truppe und ihre Verwaltung beherbergt, während die andere als eine Art Sporthalle hergerichtet ist – allerdings ohne jedes Sportgerät, dafür aber mit jeder Menge Matten ausgerüstet.
Ich sehe hier, nachdem ich die Truppe von etwa 30 Mann zur Genüge bei ihrer strapaziösen Ausbildung im Gelände (Märsche, Jagdkämpfe, Auf- und Abseilen im Steinbruch; das Ganze innerhalb einer sechswöchigen Ausbildung bei nur vier Stunden Schlaf im Schnitt täglich) gesehen habe, die monströsen Dinge. Aber zunächst überraschen mich aufschlußreiche Kleinigkeiten.
Zum einen: Es gibt eine Art Astronautenkost als Verpflegung. Ich hatte angenommen, bei der so geheißenen Einzelkämpfer-Ausbildung würde sich die Truppe von dem ernähren, was sich im Gelände findet, oder sie würde „üben das Aufwärmen von Kasseler mit Erbsenpüree“ (DER SPIEGEL 44/69, S. 101 f.). Keine Spur davon. Statt dessen besagte Astronautenkost: ob Suppen, Kartoffeln oder Fleisch – alles in Würfeln.
Zum anderen: In der (charakteristischen Molaskin-)Uniform stecken zu meiner Verwunderung leicht erkennbar auch Asiaten. Man sagt mir, dies seien Südkoreaner, es gebe aber auch ein paar Perser dabei, deren Nationalität ich aber kaum hätte ausmachen können. Ich denke an den schaurigen Ruf, den sich Südkoreaner bei ihren „Einsätzen“ in Vietnam erworben haben, beherrsche mich aber. Bei den Persern denke ich an die SAVAK (Geheimpolizeitruppe) und ihre Folterpraktiken – und beherrsche mich wieder. Ich muß wahrnehmen können, was leider nur zu wahr ist.

Ich sehe, wie – fast ausschließlich von den südkoreanischen Bundeswehruniformträgern vorgemacht – systematisch gelehrt wird, „wie man das jeweilige Folterobjekt je nach Bedarf zum Reden oder zum Schweigen bringt“ (eine Formulierung meines ersten FR-Leserbriefes). Das geschieht – ohne jeden Verweis auf Art. 1 des Grundgesetzes oder eine entsprechende Distanzierung – hauptsächlich durch das Einüben einer sogenannten „Kopfdrehschraube“, aber auch durch das Einüben bestimmter anderer Techniken, die ich laienhaft nur als In-die-Hoden-Treten, Ellenbogenbrechen und Würgen bezeichnen kann. Das letztere läßt sich auch als langsames Zudrücken der Kehle bezeichnen, wobei der angenommene Tod stereotyp von der Formel „Und jetzt ist Pause“ begleitet wurde. Das Wort „Pause“, das muß ich hier betonen, hatte niemals eine Pause in dieser Ausbildung zur Folge.

Es fällt mir naturgemäß schwer, heute im zeitlichen Abstand von sechs Jahren noch mit Präzision die einzelnen Foltertechniken zu beschreiben.
Als einer, der nur als relativ kurzzeitiger, aber leidender Zuschauer betroffen war, habe ich die Fußnote anzubringen, daß ich mich damals so gierig hin- wie auch entsetzt abgewandt habe. Auch sollte ich bemerken, daß, wer von Folter spricht, sich hüten muß, den Mund voll zu nehmen (Jean Améry, „Jenseits von Schuld und Sühne“). Ich lasse darum jetzt andere sprechen, aus deren Mund der von mir protokollierte objektive Zynismus härter in ein Menschengesicht schlägt. Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen:

„Im Ernstfall pack’ ich hier nich’ hin, im Ernstfall schlag’ ich dagegen, dann is’ gebrochen, mit Druck und Schwung, dann is’ es durch.“ – „Der Schlag tut ihm nur was, wenn ich hier kurz reinschlage, dann is’ er kaputt, sonst nich’.“ – „Nich’ so, Kameraden, so packen und langsam zudrücken – dann wird’s schwarz, und dann is’ Pause.“ – „Sehen Sie, ich bin für Härte, Kriegsnähe, Naturverbundenheit (diese drei in einem Atemzug!, H. R.); für Disziplin – nich’ um die Kerls zu verdummen, sondern damit sie parier’n. Wer parier’n kann, der kann auch Befehle geben.“

Diese letzte Äußerung stammt vom erwähnten Lehrgruppenkommandeur, dessen Unterscheidung der Soldaten in „Mordmollis“ und in „Arschlöcher“ ich erwähnenswert finde: „Arschlöcher“ sind die, die dreimal auf die Matte klopfen (das verabredete Zeichen zum Ablassen), noch bevor sie krebsrot angelaufen sind beim Würgen; „Mordsmollis“ halten das bis kurz vorm Tod aus. Die gleiche Einstellung spricht aus einer Veröffentlichung desselben Offiziers (Wehrkunde 9, Sept. 1969, S. 467ff.):
„Durch die Vielseitigkeit und Härte dieser Ausbildung können Zusammenhang und Geist in dieser Truppe so gehoben werden, daß das, was wir Kampfgeist nennen und in der Bundeswehr so sehr wünschen, hier entsteht und dann sicher auch ausstrahlt. Es kann ein Beispiel gesetzt werden, wir haben es wirklich nötig! ... ,Grenzkampf’ ist eine harte Sache und verlangt ständige Übung, viel Phantasie und Können. Er ist sicher nicht von einer Miliz mit Erfolg zuführen. ... Allein in der Existenz einer solchen Truppe liegt ihr erzieherischer Wert für die ganze Bundeswehr.“
Da mir diese Truppe als „Einzelkämpfer“-Truppe verkauft worden ist, frage ich einzelne Teilnehmer hinter dem Rücken des Lehrgruppenkommandeurs nach Einzelkämpfercharakteristika, wie z. B. befehlsstrukturell dezentralisiertem und technisch-logistisch autonomem Kämpfen. Die Befragten haben keinen blassen Schimmer Ahnung. Ich frage sie nach ihrem Kriegsbild, frage, inwieweit sich ihre Vorstellungen von einem künftigen Krieg mit dieser aktuellen Spezial-Ausbildung in Verbindung bringen lassen. Man fragt zurück, was ich damit meine. Ich antworte (nach meinen Aufzeichnungen): „Ich meine, ob Sie ungefähr wissen, auf welche Art von ,Ernstfall’ Sie hier vorbereitet werden.“ – Schweigen. Dann ein Fahnenjunker, verlegen: „Das ist hier der größte Darstellungszirkus aller Zeiten.“ Den „Darstellungszirkus“ bezeichnet der Lehrgruppenkommandeur insgesamt viermal („aber das dürfen Sie nicht schreiben!“) als „reinen Knochenbrecherlehrgang“. Was er weiter dazu selber schreibt, sei in zwei abschließenden Zitaten angefügt:

„ ... ,Kleinkrieg’ und ,Grenzkampf’ sind frei gewählte Begriffe, die durch andere ersetzt werden können. Sie berühren Dinge, über die zu sprechen bisher nicht recht möglich war. Ich glaube, daß die Tendenz sich langsam wandelt.“ – Und: „Nur deswegen die Erfahrungen einer wirksamen Kampfweise ungenutzt zu lassen, weil die Begleiterscheinungen oft anrüchig waren, bedeutet eine Verletzung unserer Pflicht, alles für die Verteidigung unseres Vaterlandes zu tun.“

Kein Kommentar. Ende des Gedächtnisprotokolls.

Ich habe mir erlaubt, zwei „freigewählte Begriffe, die durch andere ersetzt werden können“, durch den Begriff der „institutionalisierten Folterausbildung“ zu ersetzen. Aufgefordert vom Bundesminister der Verteidigung, „Roß und Reiter zu nennen“, habe ich nur noch abschließend hinzuzufügen, daß die „Reiter“ wohl die politisch verantwortlichen Minister sind, spätestens die seit 1969.

Burgwald-Bottendorf, Ende Oktober 1975
Hans Roth, Oberleutnant d. R.<

http://berufsverbote.de/index.php/Fall-HansRoth.html
Der Freiherr und der Citoyen

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