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  • Nadja Thelen-Khoder

197 Beiträge seit 14.02.2009

Gefunden: 12 Dokumente in „die tat“, D 6633 C, 27. Jg., Nr. 24, 11.6.1976

>Folter-Lehrgang in der Bundeswehr

Ein Offizier klagt an – Zeugenaussagen und Dokumente als Beweis

In der Bundeswehr wird gefoltert. Das Foltern wird in eigenen Lehrgängen durch Spezialisten aus Südkorea und anderen Ländern gelehrt, deren Armeen berüchtigt sind für Grausamkeiten gegen die eigene Bevölkerung. Diese Anklagen erhebt der Oberleutnant der Bundeswehr Hans Roth in einem Protokoll über das, was er selbst miterlebt hat, und das „die tat“ heute im Wortlaut veröffentlicht. Das Verteidigungsministerium in Bonn kennt die Erklärungen dieses Offiziers. Das Ministerium hat zuerst geleugnet und dann eingestanden: Es handele sich um einen „Einzelfall“. Aber „die tat“ hat 1974 aus Wetzlar von der Folterpraxis des Oberleutnants Söhn berichtet – mit dem Ergebnis, daß der Mann versetzt wurde, die Staatsanwaltschaft ein Verfahren einleitete – und nun keine Auskunft mehr gibt! Der Oberleutnant Roth hat sich an die etablierten Massenmedien dieses Landes gewandt. Sie schweigen. Der Offizier wandte sich an die Bundestagsabgeordneten Hansen und Horn (SPD) und diese an den Wehrbeauftragten – er schweigt. Kann man ein solches Schweigen in einer Demokratie hinnehmen? Wir glauben: nein. „die tat“ unterbreitet darum hier und heute der Öffentlichkeit die nachfolgende Dokumentation:<

Dann folgen die zwölf Dokumente, beginnend mit Hans Roth.

Dokument Nr. 1:

>Oberleutnant Hans Roth:

„Ihre Behauptung, es gebe ,seit mindestens fünf Jahren eine institutionalisierte Folterausbildung in der Bundeswehr’, ist falsch. Da Sie keine Fakten nennen, muß ich Ihr ,Erlebnis’ als Halluzination bezeichnen. Tatsache ist, daß es in der Bundeswehr zu keiner Zeit eine Ausbildung der Art gegeben hat, wie sie von Ihnen beschrieben wurde. Die Behauptungen in Ihrem Leserbrief sind rundheraus erlogen.“ (Aus einem Schreiben des Bundesministeriums der Verteidigung vom 21. Oktober 1975.)

Ich nenne nun Fakten. Ich stütze mich dabei auf Aufzeichnungen, die ich angefertigt hatte, unmittelbar nachdem ich Augen- und Ohrenzeuge der von mir beschriebenen Folterausbildung in einer der Öffentlichkeit unbekannten Spezialeinheit geworden war.

Ende Oktober 1969 habe ich vier Tage lang im Gebiet der Fränkischen Saale (der Ort in der Nähe des von mir besuchten Ausbildungslagers heißt Seewiese und liegt zwischen Hammelburg und Gmünden / Main) die von mir beschriebene Sache besichtigen können. Als Reserveoffizier, der das Vertrauen seines ehemaligen akademischen Lehrers und Reservegenerals Prof. Dr. Dr. Freiherr von der Heydte genoß, war ich von diesem telefonisch dem Kommandeur der Kampftruppenschule in Hammelburg empfohlen worden. Ich hatte Prof. von der Heydte gebeten, einmal das sehen zu können, was in der Militärliteratur als „Kleinkrieg“ oder „Grenzkampf“ (Weiter auf Seite 3)<

[Leider ist diese Seite 3 zur linken Seite hin unleserlich kopiert; es handelt sich wohl um eine Kopie aus einem dicken Buch heraus, das man nicht weit genug aufschlagen konnte. Es fehlen also links vorne immer einige Buchstaben; eigene Anmerkung:]

>„Jagdkampf“ – be-
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[Das Buch wurde etwas schief aufgelegt, so daß die lesbare Spalte immer enger wird. So Gott will kann ich sie später vollständig abtippen. Hier breche ich diese Spalte ab und mache dort weiter, wo der Text vollständig ist, also mit der 2. Spalte oben; eigene Anmerkung:]

>leicht erkennbar auch Asiaten. Man sagt mir, dies seien Südkoreaner, es gebe aber auch ein paar Perser dabei, deren Nationalität ich aber kaum hätte ausmachen können. Ich denke an den schaurigen Ruf, den sich Südkoreaner bei ihren „Einsätzen“ in Vietnam erworben haben, beherrsche mich aber. Bei den Persern denke ich an die SAVAK (Geheimpolizeitruppe) und ihre Folterpraktiken – und beherrsche mich wieder. Ich muß wahrnehmen können, was leider nur zu wahr ist.

Ich sehe, wie – fast ausschließlich von den südkoreanischen Bundeswehruniformträgern vorgemacht – systematisch gelehrt wird, „wie man das jeweilige Folterobjekt je nach Bedarf zum Reden oder zum Schweigen bringt“ (eine Formulierung meines ersten FR-Leserbriefes). Das geschieht – ohne jeden Verweis auf Art. 1 des Grundgesetzes oder eine entsprechende Distanzierung – hauptsächlich durch das Einüben einer sogenannten „Kopfdrehschraube“, aber auch durch das Einüben bestimmter anderer Techniken, die ich laienhaft nur als In-die-Hoden-Treten, Ellenbogenbrechen und Würgen bezeichnen kann. Das letztere läßt sich auch als langsames Zudrücken der Kehle bezeichnen, wobei der angenommene Tod stereotyp von der Formel „Und jetzt ist Pause“ begleitet wurde. Das Wort „Pause“, das muß ich hier betonen, hatte niemals eine Pause in dieser Ausbildung zur Folge.

Es fällt mir naturgemäß schwer, heute im zeitlichen Abstand von sechs Jahren noch mit Präzision die einzelnen Foltertechniken zu beschreiben.

Als einer, der nur als relativ kurzzeitiger, aber leidender Zuschauer betroffen war, habe ich die Fußnote anzubringen, daß ich mich damals so gierig hin- wie auch entsetzt abgewandt habe. Auch sollte ich bemerken, daß, wer von Folter spricht, sich hüten muß, den Mund voll zu nehmen (Jean Améry, „Jenseits von Schuld und Sühne“). Ich lasse darum jetzt andere sprechen, aus deren Mund der von mir protokollierte objektive Zynismus härter in ein Menschengesicht schlägt. Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen:

„Im Ernstfall pack’ ich hier nich’ hin, im Ernstfall schlag’ ich dagegen, dann is’ gebrochen, mit Druck und Schwung, dann is’ es durch.“ – „Der Schlag tut ihm nur was, wenn ich hier kurz reinschlage, dann is’ er kaputt, sonst nich’.“ – „Nich’ so, Kameraden, so packen und langsam zudrücken – dann wird’s schwarz, und dann is’ Pause.“ – „Sehen Sie, ich bin für Härte, Kriegsnähe, Naturverbundenheit (diese drei in einem Atemzug!, H. R.); für Disziplin – nich’ um die Kerls zu verdummen, sondern damit sie parier’n. Wer parier’n kann, der kann auch Befehle geben.“

Diese letzte Äußerung stammt vom erwähnten Lehrgruppenkommandeur, dessen Unterscheidung der Soldaten in „Mordmollis“ und in „Arschlöcher“ ich erwähnenswert finde: „Arschlöcher“ sind die, die dreimal auf die Matte klopfen (das verabredete Zeichen zum Ablassen), noch bevor sie krebsrot angelaufen sind beim Würgen; „Mordsmollis“ halten das bis kurz vorm Tod aus. Die gleiche Einstellung spricht aus einer Veröffentlichung desselben Offiziers (Wehrkunde 9, Sept. 1969, S. 467ff.):

„Durch die Vielseitigkeit und Härte dieser Ausbildung können Zusammenhang und Geist in dieser Truppe so gehoben werden, daß das, was wir Kampfgeist nennen und in der Bundeswehr so sehr wünschen, hier entsteht und dann sicher auch ausstrahlt. Es kann ein Beispiel gesetzt werden, wir haben es wirklich nötig! ... ,Grenzkampf’ ist eine harte Sache und verlangt ständige Übung, viel Phantasie und Können. Er ist sicher nicht von einer Miliz mit Erfolg zuführen. ... Allein in der Existenz einer solchen Truppe liegt ihr erzieherischer Wert für die ganze Bundeswehr.“

Da mir diese Truppe als „Einzelkämpfer“-Truppe verkauft worden ist, frage ich einzelne Teilnehmer hinter dem Rücken des Lehrgruppenkommandeurs nach Einzelkämpfercharakteristika, wie z. B. befehlsstrukturell dezentralisiertem und technisch-logistisch autonomem Kämpfen. Die Befragten haben keinen blassen Schimmer Ahnung. Ich frage sie nach ihrem Kriegsbild, frage, inwieweit sich ihre Vorstellungen von einem künftigen Krieg mit dieser aktuellen Spezial-Ausbildung in Verbindung bringen lassen. Man fragt zurück, was ich damit meine. Ich antworte (nach meinen Aufzeichnungen): „Ich meine, ob Sie ungefähr wissen, auf welche Art von ,Ernstfall’ Sie hier vorbereitet werden.“ – Schweigen. Dann ein Fahnenjunker, verlegen: „Das ist hier der größte Darstellungszirkus aller Zeiten.“ Den „Darstellungszirkus“ bezeichnet der Lehrgruppenkommandeur insgesamt viermal („aber das dürfen Sie nicht schreiben!“) als „reinen Knochenbrecherlehrgang“. Was er weiter dazu selber schreibt, sei in zwei abschließenden Zitaten angefügt:

„ ... ,Kleinkrieg’ und ,Grenzkampf’ sind frei gewählte Begriffe, die durch andere ersetzt werden können. Sie berühren Dinge, über die zu sprechen bisher nicht recht möglich war. Ich glaube, daß die Tendenz sich langsam wandelt.“ – Und: „Nur deswegen die Erfahrungen einer wirksamen Kampfweise ungenutzt zu lassen, weil die Begleiterscheinungen oft anrüchig waren, bedeutet eine Verletzung unserer Pflicht, alles für die Verteidigung unseres Vaterlandes zu tun.“

Kein Kommentar. Ende des Gedächtnisprotokolls.

Ich habe mir erlaubt, zwei „freigewählte Begriffe, die durch andere ersetzt werden können“, durch den Begriff der „institutionalisierten Folterausbildung“ zu ersetzen. Aufgefordert vom Bundesminister der Verteidigung, „Roß und Reiter zu nennen“, habe ich nur noch abschließend hinzuzufügen, daß die „Reiter“ wohl die politisch verantwortlichen Minister sind, spätestens die seit 1969.

Burgwald-Bottendorf, Ende Oktober 1975
Hans Roth, Oberleutnant d. R.<

Die anderen elf Dokumente stehen jetzt im „Forum“ zur Sendung „Report Mainz“ vom 1.12.2008 unter
http://www.swr.de/forum/read.php?2,34480,
die Petition und das dazugehörige Buch dankenswerterweise auf
http://berufsverbote.de/index.php/Fall-HansRoth.html

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