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Hans Roth: Lernen

Hans Roth, 10.8.2017: Lernen

„Lernen

Wenn es eine Nacht gibt, ein Feuer, einen Reisenden, dann gibt es eine Geschichte zu erzählen. Wie die von Odysseus, von Don Quichote, von anderen, die immer alles falsch machten in ihrem Leben. Die in den Wimpern des Himmels spielten, Waldläufern und Wolkengärtnern begegneten, als Vogelfänger von Augenblicken Vergänglichen in Dauerhaftes verwandelten.

Gutes braucht Zeit zum Entstehen, Schlechtes zum Vergehen: diesen Satz formulierte Jean Paul in seiner Bayeuther Bier-Bleibe, der ,Rollwenzelei’. Diesen Satz kann jedermann finden, kann jeder verstehen, wenn er je unterwegs ist auf langen Wegen zu sich selber. Einen besseren Satz kann niemand finden, der dies sucht und jenes findet und dabei immer als Lernender erkennbar bleibt.

Hans im Glück brauchte viel Zeit, ein gutes halbes Jahrhundert, um zu lernen, dass Gesellschaften voller Gewalt sind, voller selbstzerstörerischer Gewalt – und dass sie, wenn sie nicht explodieren wollen in Krisen-Lagen, Mechanismen brauchen, die sie entlasten, entladen lassen. So erfinden sie Sündenböcke, anfangs ,Ketzer’, dann ,Juden’ und ,Hexen’, später ,Extremisten’ und ,Dissidenten’: solche Fremd-Identifikationen sagen nichts über die Verfolgten, aber alles über die Verfolger. Diese überzeugen sich am Ende selber, dass winzige Minderheiten, manchmal nur Einzelpersonen, Schädlinge sind für die ganze Gesellschaft, trotz ihrer geringen Zahl und großen Schwäche.

Dante Alighieri, der als junger Florentiner und weißer Welfe nicht gerade ein Papst-Freund war und irgendwann zum ,haereticus perfectus’ (also zum ,Extremisten’) gestempelt wurde, war so eine Einzelperson, die nie verstand, warum sie ein Schädling für die ganze Gesellschaft gewesen sein sollte. Diese winzige Minderheit, die fortan im Exil lebte und diese und jene Gelegenheitsarbeit zum Überleben fand und sein Florenz nie wiedersehen konnte, brauchte ein ganzes Leben, um zu erkennen, dass er kein ,Extremist’ war; erst am Ende seines Lebens, als er schon an Malaria erkrankt war, fand er die Worte, die die Geschichte seines zerstörten Lebensprojekts erzählen. ,Mitten im Leben fand ich mich in einem dunklen Wald wieder’, schrieb der Verbotene in seiner ,Komödie’ in einer sanften und bildhaften Sprache,
,denn der gerade Weg war verlorengegangen.’ Also war nun der ganze Lebensweg ein ganz anderer, voller Staunen und Lernen, voller Entdecken unbekannter Arbeiten in Bergen und Tälern, auf Feldern und Äckern, voller Bewundern von Sonnenuntergängen und Feldblumen und Vogelgesang. Als er eingesehen hatte, dass es für das Problem des Bösen in dieser Welt keine Lösung gab, dass man woanders suchen musste, fasste er sich ein Herz, fasste er seine vergänglichen Lebenserfahrungen in ein noch heute leuchtendes Gedicht ein. Er hatte gelernt: Kämpfen ist wichtig; wichtiger ist, Mitmenschen dazu zu bringen, dass sie staunen über die Schönheiten dieser Welt, über alles, was leibt und lebt an Kinderseelen und Liebesgeschichten.

Lernen heißt, auf seinem Lebensweg seine Grenzen erkennen und überschreiten, bis hin zu den Abgründen der Sanftheit, voller Lebensfreude und ethischer Entschlossenheit, voller Offenheit für neue Erfahrungen und Begegnungen ohne Gegnerschaft. Voller Gastfreundschaft wie bei Jacques, dem Dichter und Autor des ,Griechischen Sommer’, der den Fremden bei einem Kaminfeuer empfing und ihm erzählte, wie er am Tag nach der Staatsprüfung alles falsch machte, sich per Anhalter ins Land seiner Träume verschlug: nach Griechenland – und dort leibte und lebte, von den Anfängen der Demokratie und Philosophie und Theater bis heute. Der den Fremden mitnahm in die Wein-Bleibe des Freunds, der seinen Wein anbaute und nie verkaufte, der ihn trank mit seinen Freunden in einer Krypta in seinem Haus voller Fässer und Kerzenlicht: dort wurde gequatscht und gequarkt und gequasselt, dann irgendwann gesummt und gesungen, und im Morgengrauen landeten dann Jacques und der Fremde auf dem Friedhof, wo der Dichter mit dem weiten und festen und zärtlichen Lächeln zu jedem Toten, der ein guter Trinker war, ein liebes Wort fand – vor dem endlichen: ,Die Friedhöfe wachsen. Das Leben geht weiter.’“

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