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  • Nadja Thelen-Khoder

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Hans Roth: Wahrheit

Hans Roth

> Wahrheit

Paris liegt an der Seine. – Das stimmt so; das steht so auf Karten, in Texten, in Liedern. Wir glauben das so; aber in Wahrheit „stimmt da nix von“ (so sagt man am Luftschacht).

Wo die Seine und die Yonne zusammenfließen, sollte man flußaufwärts wandern, bis zur Quelle. Da wird einem dann klar, daß der Weg bis zur Yonne-Quelle länger ist, sehr viel länger: die Yonne ist der längere und breitere Fluß; sie gibt die Richtung an und die Farbe vor. Hinzu kommt, daß Paris immer stark über die Yonne beliefert wurde mit Holz und Wein und Milch, und nicht über die Seine: schon einen Kilometer abwärts der Yonne-Quelle im Morvan findet man den ersten „Hafen“ zum Flößen, den „Port Lambert“, an dem die ersten Stämme gebündelt und die ersten Wassermassen gesammelt wurden; so wurde Paris jahrhundertelang mit Brennholz aus dem Morvan geheizt. Hinzu lam dann später aus denselben Gründen die Ammen-Milch armer Mütter für Kinder reicher Eltern in Paris; erwähnen wir hier nur kurz die jahrhundertelangen Wein-Lieferungen aus Vermenton, Chablis, Irancy auf den Wasserwegen über die Yonne bis Paris. – Also kurz und klein: Paris liegt an der Yonne.

Paris liegt an der Seine: das wird geglaubt. Warum wird geglaubt, was nicht stimmt, was nicht die „effektive Wahrheit“ ist? Macchiavell hat diesen Begriff geprägt; Nietzsche hat ganze Bücher geschrieben zu diesem philosophischen Kardinal-Thema von Sein und Scheinen, von effektiver Wahrheit und subjektivem Für-Wahr-Halten. Fassen wir die hier auf unernste Art zusammen: es kann sein, daß die Flußgöttin „Sequana“, die man an der Seine-Quelle fand, eine Rolle gespielt hat beim Überhöhtwerden des kürzeren und kleineren Flusses; es kann auch sein, daß ein Demokratie-Bluff eine Rolle gespielt hat: machen wir ein Referendum, sagten sich möglicherweise die Anwohner am Zusammenfluß und die Einwohner von Paris mit der Frage, ob Paris an der Seine liegen soll ...

Ernster. – Die antike „parrhèsia“, die Wahrheitsfrage des kritischen Individuums sich selbst und der Welt gegenüber steht bekanntlich am Anfang der Philosophie und der Demokratie; Sokrates ist die Referenz-Gestalt des Parrhesiasten (nennen wir ihn einfach mal so), die mit der Wahrheit seiner Person und der Methode des ewigen Hinterfragens die Macht des Für-Wahr-Haltens nachhaltig ins Wanken und Wackeln gebracht hat; wir kennen das Ergebnis. Wir kennen es auch bei Jehoshua, dem Nazarener; nach G. Steiner gibt es viele Vergleichspunkte mit Sokrates, wenn man die ideologische Decke wegzieht. – Wer einem Prozeß, der einem gemacht wird, den Prozeß macht, hört immer wieder: die Wahrheit sagen, nichts als die Wahrheit; er erlebt dann die effektive Wahrheit, daß es hier Sprüche und Mythen gibt und dort Wahrheitsfallen, z.B. diese: er hat Berufsverbote, also ist er, der nie Kommunist war, Kommunist.

Effektive Wahrheit: ein Wort, das Macchiavell gebraucht. „Andare drieto alla verità effetuale della cosa”, aufrecht gehen in Richtung effektive Wahrheit der Sache. – Ich habe verloren; also werde ich geradeheraus berichten und euch erzählen, was Sache ist und wie es wirklich zugeht, hinter den Kulissen der Macht und hinter den Firnissen von Demokratie und Rechtsstaat. Ich habe einmal nein gesagt und wurde zur Risikoperson; ich habe ein zweites Mal nein gesagt und wurde wegen Hochverrats zur Höchststrafe verurteilt – die verdeckt vollstreckt wurde. – Auch wenn Macchiavell nicht die Worte „Demokratie“ und „Rechtsstaat“ gebraucht, macht er doch klar, daß der Weg in die Hölle mit Staatsrecht gepflastert ist, mit Lügen und Listen und Zeit, also Macht. Ohne Recht.<

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