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  • Nadja Thelen-Khoder

189 Beiträge seit 14.02.2009

Neue Erklärung von Hans Roth

Sehr geehrte Damen und Herren!

In den letzten viereinhalb Jahren habe ich manches von Herrn Roth
gehört, gelesen und erfahren, das ich gar nicht oder nur in sehr
begrenztem Umfang verstanden habe. Irgendetwas hängt hier mit
irgendetwas zusammen, und ich hätte mich wohl längst ratlos und
kopfschüttelnd zurückgezogen, wenn ich nicht die Report-Mainz-Sendung
am 1.12.2008 gesehen und darin meinen ehemaligen Bundesinnenminister
Gerhart Baum und den international renommierten Politologen Alfred
Grosser gehört hätte.

Diese beiden Namen kenne ich seit Jahrzehnten als vertrauenswürdige
und streitbare Demokraten, und als autoritär erzogener Mensch
verlasse ich mich auf gewisse Autoritäten: Niemals hätten solche
Männer für Hans Roth das Wort ergriffen, wenn ihm kein Unrecht
widerfahren, und niemals würden sie von „Entschädigung“ und
„Rehabilitation“ gesprochen haben, wenn diese nicht angebracht und
rechtens wäre. Da bin ich sicher!

Zwar ist die Liste der Fürsprecher voller großer Namen (Johannes Rau,
Willy Brandt, Klaus Traube, Heinrich Böll, Dorothee Sölle, Ulrich
Klug, Günter Wallraff - also ehemalige Bundespräsidenten und
Bundeskanzler, Träger des Bundesverdienstkreuzes,
Literaturnobelpreisträger, Professoren der Evangelischen Theologie
und des Rechts, engagierte Schriftsteller), aber manch ein Brief oder
Zeitungsartikel ist ja schon älter und manch ein Zeitzeuge inzwischen
tot.

Aber wenn Gerhart Baum und Alfred Grosser, diese für mich großen
„Instanzen“, die sich in Politik und Recht so gut auskennen, sich
noch 2008 derart für Herrn Roth ins Zeug legen: Wie sollte ich
kleines „Schüler-Menschlein“ (Hans Roth) mich da verweigern? Sie sind
doch meine Erzieher gewesen, und ein Schüler muss doch nach dem
handeln, was er gelernt hat.

Es geht um Recht und Gesetz, um unseren freiheitlich-demokratischen
Rechtsstaat, der die Würde des einzelnen Menschen achten und schützen
muß. Ach, würden mir doch die für Herrn Roth beistehen, die mir
damals bei meiner Petition ihre Hilfe angeboten haben; ach, würde mir
doch einer dieser für mich nach wie vor hoch angesehenen Menschen
sagen, was ich noch für Herrn Roth tun kann!

Wie soll ich mich mit diesem Unrecht in meiner geliebten Republik
abfinden, wenn solche großen Namen mir zu meinem Engagement
gratulierten, „Lassen Sie sich nicht beirren!“ sagten und mir „viel
Erfolg in Ihrem Kampf für Hans Roth“ wünschten? Das kann ich nicht.
Und das werde ich nicht. Hier schreibe ich. Ich kann nicht anders.
Gott helfe mir (für Herrn Roth und unsere Republik)!

Also tue ich das einzige, was ich jetzt und hier tun kann und gebe
hiermit die neue Erklärung von Hans Roth weiter. Möge es helfen!

Mit der Bitte um (Ab-)Hilfe verbleibe ich ebenso hoffnungsvoll wie
auch

mit freundlichen Grüßen

Ihre
Nadja Thelen-Khoder

„Erklärung vom 14.7.2013

Nur schwache Menschen sind stark. Immer habe ich auch von meinen
Schwächen, Schwachstellen und –punkten gesprochen, Menschen guten
Willens gegenüber. Man entgeht Gefahren nicht dadurch, dass man ihnen
den Rücken kehrt, weil man ihren Anblick nicht erträgt. Innere
Freiheit gewinnt man nicht auf leichten Wegen.

Wer auf einer schiefen Ebene lebt, hat nichts als Schwächen: Die
einen werfen ihm vor, dass er nicht steht wie andere auch; die
anderen werfen ihm vor, dass er nicht liegt wie andere auch. Alle
haben aus ihrer Sicht recht. – Wer auf einer schiefen Ebene lebt, hat
immer Unrecht; bestenfalls erkennt er die Wahrheit einer Gesellschaft
besser als andere; bestenfalls erlebt er die Vorzüge des
Benachteiligtseins.

Wer zum Beispiel auf einer schiefen Ebene von drei Geheimdienstchefs
zu vertraulichen Gesprächen eingeladen wird, ist grundsätzlich in
einer Position extremer Schwäche: Nichts weiß er über die Mächtigen,
die (fast) alles über ihn wissen. Wenn er dann noch die Vorschläge
zweier Verfassungsschutzpräsidenten (C. Lochte, R. Meier) annimmt,
den dritten aber ablehnt, dann muss er darauf gefasst sein, dass man
ihm diesen immanenten Widerspruch als Schwäche vorhält; erst beim
Nennen des Namens des Dritten (Markus Wolf) könnte es sein, dass sich
der Widerspruch auflöst.

Womit wir beim Wahrheits-Problem wären: Was ist wahr an dem, was
Mächtige mit Geheim-Wissen einem Ohnmächtigen sagen? Als erstes ist
wahr, dass Wahrheit eine an-archische Kategorie ist (Heidegger), ohne
metaphysische Verankerung: So räumten die beiden Geheimdienstchefs
West mit ihren deutlich erkennbaren Human-Qualitäten rasch ein, dass
es mit der Wahrheit der <Extremist>-Typisierung des Gesprächspartners
nicht weit her war. Ferner ist Wahrheit eben auch nur punktuelle
Entsprechung bei gleitenden Skalen: Die beiden Bundesminister, die
mit ihm vor dem Bundesverfassungsgericht zu tun hatten und dort
<schwarz> sagten bzw. schrieben, luden ihn nach ihrem Ausscheiden aus
dem Amt ein, um ihm <weiß> zu sagen: <Ich war nicht frei>, sagten
beide, und <Was können wir jetzt gemeinsam tun?>

Wer so schwach ist, dass er keine Feindbilder hat, der spricht auch
mit seinen Gegnern, wenn die ihn einladen. Was jemandem, der auf
einer schiefen Ebene lebt, sehr schaden kann. Mit dem Ergebnis, dass
offenen Berufsverboten (z.B. <fehlende charakterliche Reife>)
verdeckte (z.B. <keine Planstelle frei>) folgten, später dann
munkelhafte Ablehnungen (z.B. zuletzt R. Koch: <Der Fall liegt
anders.>). – Er lag immer anders, vom Verschwinden der schriftlichen
Examensarbeit auf dem Dienstweg über das Ersetzen der <normale>
Prüfer durch staaltliche Kommissare bis zum Verschwinden zweier
Bücher des sehr Geprüften vom Markt.

Ein Gespräch mit dem Minister (nach seinem Ausscheiden aus dem Amt),
der in Hessen die Berufsverbote eingeführt hatte und die
Verantwortung für viele geheime Verhöre trug, ergab, dass er sehr
böse war über die Veröffentlichung meines Verhör-Protokolls; die vor
mir verhörten Kommunisten hatten geschwiegen, weil ihre Partei den
<linken> Minister nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Nach
meinem radikaldemokratischen Verständnis vom Zusammengehören von
<parrhesia> und <agora> hatte ich laut gesagt, was leide betrieben
wurde; dafür beschimpfte er mich mit den Worten: <Sie sind ein
Show-Mensch.> Auch sonst habe ich bei Ludwig von Friedeburg, dem
Gerücht nach ein Repräsentant der <Kritischen Theorie>, keine Spur
davon erkennen können.

Schwächen, Schwachstellen, Schwachpunkte: Als der Amtsnachfolger
Krollmann die 12. Ablehnung mit der Nazi-Formel <fehlende
charakterliche Reife> begründete, explodierte in meinem Leben fast
alles – Liebe (<Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt...>),
Freundschaften, die politisch-pädagogische Gruppe, die mit mir eine
alternative Schule aufbauen wollte; Vermieter bekamen immer wieder
Ängste auslösende Mitteilungen und kündigten mit den Worten: <Wir
haben nichts gegen Sie, aber Sie müssen verstehen...>.

Ich verstand. Dass ein Kohlhaas in mir steckte, dass es mir selten
gelang, Verwundungen in Reflexionen zu verwandeln, dass ein an den
Rand Gedrängter besser den Rand hält. – Also habe ich geschwiegen,
bis heute, zu einer geheimen Verhandlung mit der Staatssekretärin des
Ministers; ich muss ja nicht alles öffentlich machen. Insbesondere
dann, wenn ich es mit einem befreundeten Menschen zu tun habe, von
dessen Integrität ich ausgehe. – Christiane B. war die Frau meines
besten Freundes in Giessen; als Nachbarin war sie täglich in unserer
Sponti-Wohngemeinschaft zu Gast. Sie wusste alles über mich, von
meinem Nein zu den Notstandsgesetzen über mein Leben und Arbeiten mit
Günter Wallraff bis hin zum gefälschten Aktenmenschen, gegen den ich
mich auf dem Rechtsweg wehrte. Oft sagte sie mir ihre Sympathien,
manchmal ihre Bewunderung. – Dass ich über sie, die in einer
merkwürdigen Polit-Karriere verschwunden war, in einer geheimen
Verhandlung in ein offenes Messer laufen würde, hätte ich nie
gedacht.

Es ging damals in einer zweiten Phase der Berufsverbote-Politik um
etwas Neues, um <Mogel-Pakete>, wie das die Grünen im Hessischen
Landtag nannten: Kommunisten wurden <auf Widerruf> übernommen, unter
der Auflage, dass sie akzeptierten, die erlernten <Gewissens-Fächer>
nicht zu unterrichten – und dass sie nicht klagten. Da die DKP das
ihren Mitgliedern eh verbot (aus Angst, sich in Karlsruhe ein
Parteiverbot einzuhandeln), dilettierten diese in Fächern, von denen
sie nichts verstanden, an Sozialisations-Prozessen herum, bis zum
<Widerruf>, der immer erfolgte – was das Linsengericht bitter
schmecken ließ und manchmal zu dramatischen Folgen von
Selbstauflösung führte. Was das politische Ziel war.

Auch mir wurde ein solches Angebot gemacht. Ich nahm es an, irgendwie
einer Integrität vertrauend, die es nicht mehr gab: Christiane B.
hatte einen Mittelsmann (F. R.) eingeschaltet, der mir alles Mögliche
versprach, was nach Regularität und Normalität aussah – unter der
Bedingung, meine Klage gegen das Land Hessen in Sachen Geheim-Dossier
zurückzuziehen. Da sagte ich nein – mit der doppelten Folge, dass
mich die einen (CDU-Opposition) dazu beglückwünschten, das
<unsittliche Angebot> nicht angenommen zu haben, dass sich die
anderen (Regierung) ins Panzerfäustchen lachten: Der Mann hat ja
selbst gekündigt, ist <freiwillig> ausgeschieden, heißt es seither
immer wieder.

Hätte ich nicht nein gesagt, gäbe es heute nicht meine
Gerichts-Erfolge und auch nicht meine Rehabilitierung durch den
Bundespräsidenten. Und das Roth-Dossier wäre vielleicht nicht
verschwunden, wie es heute der Fall ist (s. Anlage).

Hans Roth“

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