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  • Poly Glot

mehr als 1000 Beiträge seit 15.02.2005

Der Artikel ist sehr pessimistisch und schießt weit übers Ziel hinaus

Zunächst mal: “Publish or Perish” ist tatsächlich ein Elend, und die Minderbewertung von Leistungen in der Lehre gegenüber der Forschung wird sich noch als üble Hyothek für die Zukunft herausstellen.

Dazu kommt ein anderer Punkt: Sobald jemand bewiesen hat, daß er gut forschen kann, wird er zum Koordinator eines Projekts ernannt und verpulvert seine Zeit mit Organisation und Fundraising, während seine Dissertanden die echte Arbeit leisten. Um wenig Geld und zumindest kurzfristig für zu wenig Anerkennung.

Das ist alles nicht optimal.

Aber wenn es um die Rolle der Journale geht, dann wird mir die Kritik im Artikel zu diffus. Was soll z.B. das English-Bashing? Man schreibt um gelesen zu werden, und da hat man realistisch keine andere Wahl. Es stimmt daß viele amerikanische Zeitschriften überbewertet sind, aber es gibt auch jede Menge European Journal of Something, ganz zu schweigen von den altehrwürdigen Proceedings of the Royal Society. Traditionelle deutsche Journale wie die Angewandte Chemie erscheinen heute auch auf Englisch.

Der sehr zu Recht kritisierte Elsevier-Verlag ist, wie es sogar dem Autor aufgefallen ist, in den Niederlanden zu Hause, nicht in den USA. Und hat (leider) höchstkarätige Zeitschriften.

In meinem Fach werden die Referees zwar von den Editoren bestimmt, aber man wird sehr ermuntert, bei der Einreichung drei Vorschläge zu den Gutachtern zu machen. Meinem Gefühl nach (man weiß ja nicht, wer dann wirklich Referee ist) greifen die Editoren in aller Regel auch auf diese Vorschläge zurück. Die wollen ja jemanden, der kompetent ist.

Mir ist einmal ein Paper vom Editor zurückgeschmissen worden, mit der Erklärung „Paßt nicht in unsere Zeitschrift, versuchen Sie es bei …“. Das habe ich dann auch gemacht, und dort ging alles glatt. Willkür durch Editoren habe ich nie erlebt, die sind in aller Regel sehr hilfreich.

Kritik ist natürlich immer gut und wichtig, und das Gutachter-Wesen könnte sicher eine Verbesserung vertragen. Gegen einen (mir nie begegneten) bösartigen Gutachter können sich die Autoren z.B. praktisch nicht wehren. Aber die durchschlagende Reform-Idee suche ich in diesem Artikel vergebens.

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (04.10.2017 20:35).

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