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  • observer3

mehr als 1000 Beiträge seit 31.12.2005

Der Artikel zeigt die Problemfelder des modernen Wissenschaftsbetriebs auf.

Einige sind seit langem bekannt, einige könnte man bei politischem Willen ändern, für anderen wird es kaum Lösungen geben, jedenfalls keine einfachen.

Aber ich möchte ein paar allgemeine Bemerkungen machen.
Nach meinem Wissenschaftfsverständnis ist Wissenschaft ein Projekt der Menscheit. Es ist die anhaltende geistige Anstrengung, die Welt um uns herum mit dem Verstand zu begreifen und zu verstehen.
Dieses Projekt wurde schon vor Jahrtausenden begonnen. Die Mathematik der alten Kulturen, die naturwissenschaftichen Ideen und Erkenntnisse der alten Griechen, .... Dies ist die Tradition in der die heutige Wissenschaft steht.

Da zumindest experimentelle Naturwissenschaften nie ohne teure Gerätschaften zu machen waren, gab und gibt es seit langem ein mehr oder weniger ausgeprägtes Abhängigkeitsverhältnis zu den Geldgebern. Ich kenne aber noch Zeiten, wo Uni-Institute einen festen Personal- und Forschungs-Etat hatten. Berufene Professoren (jedenfalls C4) konnten sich ein Forschungsthema ihrer Wahl aussuchen (z.B. Photosynthese oder Sehvorgang) und darüber aus Haushaltsmitteln ein Jahrzehnt oder mehr forschen. Wenn der Etat nicht ausreichte, wurden zusätzlich Drittmittel eingeworben.
Das Thema und die wissenschaftliche Fragestellung bestimmten die Richtung. Wenn es gut lief war das Ganze eine abenteurliche aber erfolgreich Fahrt duch unbekanntes wenig übersichtliches Gelände.

Heute frisst allein das Ranschaffen von Drittmitteln ca 70% der Arbeitszeit. Wer experimentell arbeitet steckt alles in seine Messgeräte, was er bekommen kann (von Autoreifen-Gummi bis zu Kaffee-Bohnen, keine Witz!). Aus dem Wust der erzeugten Daten wird sich dann schon jeweils eine story basteln lassen. Dabei zählt der Output an Papern, egal zu welchem Thema.
Um in obigen Bild zu bleiben:
Sie hocken alle im Fahrzeug mit stark verschmutzten Scheiben und starren auf den Drehzahlmesser, der hart am Anschlag steht. Der Motor heult, es riecht nach verbranntem Geld, die Anzahl der Paper schwillt an und verstopft den Auspuff. Aber niemand scheint zu bemerken, dass der Motor im Leerlauf dreht und das Fahrzeug still steht und schon gar niemand kommt auf die Idee, mal die Scheibe zu putzen und rauszusehen in die Welt da draussen und zu überlegen, ob und wohin man denn fahren sollte. (In den Forschungsanträgen steht freilich immer etwas von einer neuen Morgenröte).

Der Fluch unseres Publikationswesens:

Das Publikationswesen ist weniger das Problem, sondern dass es die Politik zulässt, dass Verlage damit exorbitante Gewinne machen. Jeder Wissenschaftler, der in einer wissenschaftlichen Einrichtung arbeite, hat aber dennoch Zugang zu dem meisten relevanten Publikationen seines Gebiets.
Das Schreiben von Publikationen halte ich für ebenso wichtig wie das Schreiben einer Master- oder Doktorarbeit. Dabei ist wesentlich, in schriftlicher Form
- Die Motivation und den wissenschaftlichen Hintergrund der Arbeit darzustellen,
- die wissenschaftliche Fragestellung der Untersuchung herauszuarbeiten
- die experimentellen Ergebisse klar zu präsentieren, deren Auswertug kritisch zu diskutieren.
- die wesentlichen Schlussfolgerungen zusammenzufassen und ihre Implikationen für das wissenschftliche Umfeld darzustellen.
Dies fördert die eigene gedankliche Klarheit und ist m.E. unerlässlich, um andere Wissenschaftler von der eigenen Arbeit zu überzeugen.
Ob die schriftlche Arbeit auf Holz oder im Netz publiziert wird, ist nachrangig.

Armutsfalle Lehre:

Die befristeten Stellen für eine Doktorarbeit entspringen der Vorstellung, dass halbtags für das Forschungsprojekt gearbeitet wird, woher das Geld kommt, die zweite Tageshälfte steht dann für dieeigene Promotionsarbeit zur Vefügung, die oftmals inhaltlich identisch mit der Arbeit fürs Projekt ist. Das entbehrt nicht ganz einer gewissen Logik.
Seit 10 - 20 Jahren ist es allerdings usus geworden, dass Doktoranden zusätzlich unbezahlt Lehraufgaben übernehmen. Dies ist eine streng genommen illegale Praxis gegen die man sich wehren muss.
Dass Stellen für Doktoranden generelll befristet sind ist aber nachvollziehbar, da ja auch zukünftige Promovierende eine Stelle benötigen.

Biblische Forschung: Das Matthäus-Prinzip:

Dies ist in erster Linie eine Folge der Gutachter-Tätigkeit für Projektanträge. Wer es gschaffft hat, in diesen Kreis erstmal rein zu kommen, dessen Projekte werden in der Regel genehmigt

Wissenschaftssprache Englisch:

Das sollte kein Problem sein. War es selbst für meine russischen Kollegen nicht wirklich.

Forschung soll "Impact" haben:

Es gibt Journale mit geringerem oder höherem "Impact-Faktor". Jeder Autor kann da sein Glück versuchen.

Das Peer-Review-System:

Das Peer-Reviewing durch Wissenschaftler ist ehrenamtlich und oftmals sehr aufwändig. Eigentlich müsste es dafür eine Vergütung von den reichen Verlagen geben.
Das Problem mit den "conflicting interests" ist seit langem bekannt, aber es gibt keine wirkliche Lösung dafür. Man kann nur das begutachten, wovon man auch was versteht. Man muss halt auf die Fairness der Kollegen vertrauen. In 30 Jahren wurde ich bis auf ganz wenige Ausnahmen nie unfair ausgebootet. Und selbst wenn, dann schickt man das Manuskript eben zu einem anderen Journal.

Großes Geld mit Wissenschaft verdienen:

Die Verlage verdienen Unsummen durch den Verkauf wissenschftlicher Artikel, zu denen sie nichts beigetragen haben. Das ist eine Schweinerei. Hier muss die Politik ran.

Hinter verschlossenen Türen:

Peer Reviewer müssen geheim bleiben. Meist haben Editoren einen Stamm von Kollegen, die sie bezüglich eines Papers befragen, bevor sie was entscheiden. Dass ein Paper vor der Begutachtung abgelehnt wird, ist selten.

Interessenkonflikte

Lassen sich nicht vermeiden.

Die größte Einschränkun der "Freiheit der Wissenschaft" sehe ich derzeit in den Exzellenz- und Elite-Projekten, die einen großen Teil der Fördermittel verschlingen. Nur Wenige bestimmen, wohin die Gelder in einem solchen Projekt gehen und wer was haben will, muss sich thematisch unterordnen, da mögen die eigenen Ideen noch so gut sein. Die Förderung in der Breite ist stark eingeschränkt.

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