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  • Martin.W.

34 Beiträge seit 04.10.2017

Meine Erfahrungen

Ich bin selber wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität und würde gerne meine etwas optimistischeren Anmerkungen machen:

- Das Publikationswesen ist aus meiner Sicht einigermaßen in Ordnung. Die Verlage bieten eine Leistung für die wissenschaftliche Community an: Sie organisieren Reviewer und Konferenzen. Ist der Review-Prozess unfair oder schlecht, wird langfristig niemand mehr bei den entsprechenden Journals publizieren oder sie bekommen einen entsprechenden Ruf. Ist der Prozess gut, bietet ein Journal eine Vorauswahl an lesenswerten Publikation und eine Möglichkeit die Sichtbarkeit der eigenen Arbeit zu erhöhen.
Die Verlage lassen sich für diese Leistung bezahlen und es liegt somit auch nicht in ihrem Interesse, dass Unfug bei ihnen erscheint. Es ist nicht so, dass den Forschern ohne Gegenleistung ihre eigene Forschung verkauft wird.

- Beim Review-Prozess entscheiden die Editoren i.d.R. nur die allgemeine Themenrichtung, die formalen Kriterien für eine Annahme und laden passende Reviewer ein. Da die Editoren nicht über Annahme oder Ablehnung entscheiden, können sie selber auch fachfremd sein.
Weil die wissenschaftliche Gemeinschaft recht international ist, stehen die Wissenschaftler meist nicht im direkten (finanziellen) Konkurrenzkampf zueinander und bewerten einander i.d.R. zwar streng, aber meist fair. Reviewer dürfen selber nicht zur Konferenz / zu dem begutachteten Track einreichen (und nehmen deshalb auch nicht absichtlich „Publikationsplätze“ weg). „Bedanken“ für gefällige Gutachten wird durch Doppelblindgutachten erschwert. Den beschriebenen absichtlichen „Ideenklau“ habe ich so noch nicht erlebt.

- Problematisch ist der Review-Prozess, wenn die Community zu klein ist oder die einzelnen Personen abhängig voneinander sind. Eine weitverbreitete Sprache erweitert den Pool an Leuten die sich beteiligen können. Englisch ist recht international und deshalb schon in Ordnung. Die Schilderungen bzgl. nationaler Unterschiede bei der Bewertung von Journals (amerikanisch, britisch, deutsch) kann ich nicht nachvollziehen. Da gibt es überall gute und tendenziell schlechte Zeitschriften. Recht neue, unbekannte oder Journals in einer sehr speziellen Sprache werden jedoch kritisch betrachtet, weil man sie nicht lesen oder schwer einschätzen kann.

Kurz: Publiziert man nicht bei einer Wald-und-Wiesen-Konferenz stimmt der Review-Prozess.

- Jemand der in Deutschland Lehre macht wird genauso nach TVL bezahlt wie jemand der nur forscht und dabei viel publiziert. Die Gehaltsstufen machen keinen so großen Unterschied, die Absicherung des Arbeitsplatzes ist wichtiger. Auf eine der wenigen unbefristeten Stelle hat man in der Lehre aber meiner Ansicht nach eine bessere Aussicht als in der reinen Forschung. Hier hangelt man sich eher von Projekt zu Projekt. Lehre erschwert das Publizieren/Promovieren, eine Armutsfalle ist sie aber eher nicht.
Die Ausschreibung als ganze oder halbe Stelle wird tendenziell nach Fachrichtung anstatt nach Aufgabe gehandhabt. Ob das Gehalt angemessen ist, hängt sicherlich auch von den alternativen Optionen in der freien Wirtschaft ab.

-Mehr unbefristete (aber kündbare) Stellen für die Lehre wären aber meiner Ansicht nach sinnvoll, weil so kompetente Leute länger gehalten und inkompetente Personen ausgewechselt werden könnten.

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