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  • etwasvernunft

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War Wissenschaft jemals frei?

Herr Schleim bleibt bei seiner Betrachtung notwendigerweise an der Oberfläche, denn er postuliert einen Idealfall - dass Wissenschaft frei sein soll -, an dem er die Realität misst. Er unterliegt weiter dem Irrglauben, dass es die Aufgabe der Universität sei, objektive Erkenntnisse - im Sinne von Wahrheit - an den Nachwuchs weiter zu geben.

Der Blick in die Geschichte der Universitäten zeigt, dass es im Gegenteil ihre vornehme Aufgabe immer war, die Kader für die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung auzubilden und nützliches Wissen weiter zu geben. Die klassischen Fakultäten waren Theologie, Jurisprudenz und Medizin, zu denen sich die Philosophie - der Theologie untergeordnet - gesellte. Die Wichtigkeit dieser Fächer hat sich bis heute erhalten mit dem Unterschied, dass in einer säkularisierten Gesellschaft andere Fächer die Funktion der Theologie schleichend übernommen haben, als da sind Politologie, Geschichte, Soziologie, Psychologie etc., in denen unbestreitbar auch im objektivierbaren Sinne Erkenntnisse produziert werden können, aber dass dies ihr Zweck sei, ist eine ideologische Feststellung. Wenn dies doch geschieht, ist es ein Nebeneffekt, der erwünscht ist, wenn diese Erkenntnis die geltende Ideologie stützt, ansonsten aber ein Ärgernis, auf das entsprechend reagiert wird.

Die Vorstellung, dass es das Ziel der Wissenschaft sei, objektive Erkenntnisse zu gewinnen und sie deshalb frei sein müsse, ist erst der Naturwissenschaft zu verdanken, die einen Weg gefunden hat, einen objektiven Richter - die Evidenz - zu installieren, der unabhängig vom herrschaftlichen Willen ist. Darin liegt eine Gefahr, aber weil sich die naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Technik im weiteren Sinne als überaus nützlich erwiesen hat, ist mit der Forderung, dass die Erkenntnisse anwendbar sein müssen, diese Gefahr weitgehend gebannt. Nur in dem Maße, wie seine Arbeit dem Ziel der Anwendbarkeit nützlich ist, darf der Wissenschaftler frei sein.

Freie Menschen und freies Denken ist jeder Herrschaft gefährlich und vor allen Dingen an Stellen, wo diese Tugend auch noch die Möglichkeit der Multiplikation hat: an Ausbildungsstätten. Und so ist es logisch, dass dort vor allem konform Denkende lehren dürfen, die konforme Erkenntnisse produzieren. Und wie erzeugt man Konformität? Natürlich wie überall durch Existenznot - die Angst, den Job zu verlieren, die in Aussicht gestellte Karriere beendet zu bekommen, das Rattenrennen gegen die anderen, die ebenfalls auf eine der wenigen gut dotierten lebenslangen Stellen scharft sind, zu verlieren. So bekommt die Gesellschaft die potentielle Gefahr, die durch freies Denken entstehen könnte in den Griff.

So gesehen, sind die von Herrn Schleim beklagten Zustände, die ich genau so wie er beklage, durchaus funktionell.

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