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1 Beitrag seit 29.01.2008

Stellungnahme von Galileo Press

Dieser redaktionelle Beitrag beschäftigt sich mit einem brisanten
Thema, das die IT-Verlage schon seit langem sehr belastet. Darum bin
ich froh, dass es jetzt zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte
wird.

Zunächst darf ich einfach feststellen: Wir - und damit meine ich alle
meine Kollegen und die Autoren des Verlags - wir stehen betroffen vor
der Flut dieser gefälschten Kundenrezensionen und mehr noch vor dem
geäußerten Verdacht, wir könnten in irgendeiner Weise der Urheber
dieser Rezensionen sein. Das ist selbstverständlich nicht der Fall:
Die gefälschten Rezensionen stammen nicht von uns. Sie stammen sehr
wahrscheinlich von einem einzelnen Autorenpaar, das schon seit Jahren
das Amazon-Rezensionssystem systematisch missbraucht, um die eigenen
Bücher zu promoten und konkurrierende Bücher, Autoren und Verlage in
Misskredit zu bringen.

Mit der Schlauheit des Kriminellen hat dieses Autorengespann erkannt,
wie man aus dem Amazon-Rezensionssystem ein sehr wirkungsvolles
Instrument für eine neuartige Form des Guerilla-Marketings machen
kann - die notwendige Gewissenlosigkeit vorausgesetzt. Bei jedem
Erscheinen ihrer Bücher wurde und wird der Amazon-Produktbereich
"Computerbuch" kampagnenartig mit Dutzenden von gefälschten
Kundenrezensionen überzogen. Wir schätzen, daß über die Jahre hin an
die 1000 (!) gefälschte Rezensionen bei Amazon eingestellt wurden.
Außer mit Pseudo-Rezensenten und Pseudo-Rezensionen wurde auch mit
gefälschten Lieblingslisten und mit der Manipulation von
Kundenbewertungen zu einer Rezension gearbeitet (massive Aufwertung
der eigenen Rezensionen und massive Abwertung unliebsamer echter
Kundenrezensionen). Bei manchen Büchern war das Kundenecho nahezu
vollständig gefälscht.

Von dieser Desinformations-Kampagne sind alle IT-Verlage betroffen,
die im Themenfeld jener Autoren publizieren (Grafik und Design). Und
je erfolgreicher sie das tun, umso heftiger sind die Angriffe. Schon
seit langem wenden wir Verlage uns, bislang jeder für sich, an
Amazon, um die offensichtlich gefälschten Rezensionen zu reklamieren
und um deren Löschung zu bitten. Mittlerweile kommunizieren wir fast
täglich mit dem Amazon Customer Service, der mittlerweile auch Art
und Ausmaß des Problems erkannt hat und sich redlich bemüht, das
Rezensionssystem wieder zu säubern. Aber wie bei der Hydra wachsen
mit jedem abgeschlagenen Kopf zwei neue nach.

Als im Herbst vergangenen Jahres das Rezensionsunwesen bei Amazon
neue Ausmaße annahm, verständigten sich die hauptsächlich betroffenen
Verlage darauf, sich mit der Erwartung an Amazon zu wenden, endlich
das Übel bei der Wurzel zu packen. Denn das eigentliche Problem sind
weniger die Nutzer des Rezensionssystems (unter denen es immer
fehlgeleitete geben wird), das eigentliche Problem ist die leichte
Missbräuchlichkeit des Leserstimmen-Tools. Jeder kann mehr oder
weniger ungehindert und anonym bei Amazon veröffentlichen, was er
will, ohne sich in irgendeiner Weise bekennen oder verantworten zu
müssen. Das erleichtert natürlich das Entstehen von Content, der die
Handelsplattform Amazon attraktiv macht. Es erleichtert aber auch den
Missbrauch, der am Ende zur Selbstzerstörung des Leserstimmen-Tools
führen wird: Niemand glaubt mehr, was bei Amazon als Kundenmeinung
veröffentlicht wird, niemand wird sich mehr daran beteiligen.

Wir sind zurzeit im Gespräch mit dem bei Amazon für das deutsche
Rezensionssystem zuständigen Manager. Und wir haben die Hoffnung,
dass man in München an einer grundsätzlichen Lösung des Problems
arbeitet. Die Lösung könnte so aussehen, dass ein
Veröffentlichungsrecht nur solche Kunden erhalten, die bei Amazon ein
gültiges Kundenkonto haben.

Zum Schluss noch ein Wort zu den Pseudo-Lobrezensionen, die Anlass zu
dem Artikel gegeben haben. Amazon hat unseren Verdacht, dass jenes
Autorengespann hinter dem Missbrauch des Rezensionssystems steckt,
insofern bestätigt, dass man kurzerhand die Bücher dieser Autoren aus
dem Angebot gestrichen hat. Aber offenbar hat das nicht zum
Einstellen der Kampagne geführt, sondern nur zu einer Veränderung der
Taktik. Während früher ganz konventionell die eigenen Bücher mit
positiven Rezensionen bedacht wurden und die Bücher der Konkurrenz
mit negativen, geht es jetzt nicht mehr um einzelnen Bücher und
Autoren, jetzt zielen die Angriffe darauf, bestimmte Verlage und
deren Image zu schädigen. Und zwar durch Lobrezensionen. Die
Überlegung dahinter ist so einfach wie bösartig: Bei einer positiven
Rezension, die offensichtlich gefälscht ist, wird jeder sich fragen,
wem nützt das Lob, um so auf den Urheber der Rezension zu schließen.

Man muss die Lobrezension nur so verfassen, dass auch der unbedarfte
Leser stutzig wird und an der Echtheit der Rezension zweifelt. Die
Mittel dazu sind z.B. auffällig plumpe und inhaltsleere Texte,
auffällig dreiste Empfehlungen oder das offenkundige Kopieren von
Texten aus der Produktbeschreibung oder aus anderen
Kundenrezensionen. Diese absichtlich plumpen Lobrezensionen müssen
dann noch auffällig häufig einzelnen Büchern und vor allem einzelnen
Pseudo-Rezensenten zugeordnet werden - und schon ist die falsche
Fährte gelegt.

Ich hoffe, dass die Urheber dieser gefälschten Lobrezensionen die
Urteilskraft der Leser unterschätzt haben und die
Verleumdungskampagne scheitert. Ganz offen gesprochen, wie dumm muss
man sein, wie kriminell oder verzweifelt, dass man glauben könnte,
mit solch plumpen Lobeshymnen könnte man den Absatz der eigenen
Produkte steigern? Ich kenne keinen IT-Verlag, dem ich solche
Machenschaften auch nur im Ansatz zutrauen würde, und bis auf jene
bizarre Ausnahme auch keinen Autor.

Viele Grüße!
Ralf Kaulisch
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