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  • KarierterHut

mehr als 1000 Beiträge seit 15.07.2009

Immerhin schon die halbe Wahrheit

Ich bin zwar eher konservativ orientiert und sehe die
Armutsdiskussion teilweise kritisch. Vor allem wegen der Fixierung
auf die bewussten 60%. Die übrigens laut Wikipedia die Grenze für
Armutsgefährdung und nicht für Armut sind. Die Grenze für letztere
liegt bei 40%

Ich denke schon, dass es zunächst ein allgemein gültiges, absolutes
Maß für Armut gibt. Wer hungern muss, kein Dach über dem Kopf hat
oder keine Gesundheitsversorgung bekommt, ist arm. Ohne weitere
Diskussion. Diese Form von Armut bedroht das Leben.
In diesem Sinne ist in Deutschland höchstwahrscheinlich (hoffentlich)
niemand arm. 

Neben diesem Aspekt ist der Begriff der relativen Armut aber nicht
von der Hand zu weisen. Wer im Verhältnis zu seinem Umfeld so wenig
verdient, dass er absolut nicht mithalten kann, ist auch arm. Wenn
auch in einem anderen Sinne. Sicherlich kennen viele der Forenten
Beispiele aus der Schule, wo Kinder ohne Markenklamotten oder
Markenhandy ausgegrenzt werden. Kein schöner Zustand für die
Betroffenen. Aber eben keine Existenzbedrohung. Eher Unzufriedenheit
durch Unterschiede und erlebte Einschränkung.

Obwohl beide Zustände mit dem Begriff "arm" beschrieben werden,
bedeutet dieser Begriff in beiden Fällen nicht das selbe. Und genau
da setzt meine Kritik an der aktuellen Armutsdiskussion an. 

Ich könnte mir vorstellen, dass in einem Entwicklungsland das
Median-Einkommen so niedrig ist und die Schwankungsbreite der
Einkommen so gering, dass es kaum relativ Arme gibt. Aber trotzdem
ein Großteil der Bevölkerung absolut arm ist. Es bringt also nichts,
immer nur eine der beiden Armutsarten isoliert zu betrachten.

Meine erste These: Relative Armut ist etwas anderes als absolute
Armut und für den Betroffenen nicht so schlimm. Man sollte in
Diskussionen daher immer beide Formen der Armut korrekt
unterscheiden. Wer das nicht tut setzt sich trotz korrekter Zahlen
dem Verdacht aus, Stimmungsmache zu betreiben. Weil "arm" in den
Köpfen vieler Menschen nun mal bedeutet, dass man nichts zu Essen und
kein Dach über dem Kopf hat. Was auf die 15% Armen in Deutschland so
nicht zutrifft. Unterschiedliche Begriffe könnten hier zur
Versachlichung helfen.

Meine zweite These: Relative Armut lässt sich nur beseitigen, wenn
die Bandbreite der Einkommen geringer wird. Das zeigt das
Rechenbeispiel im Artikel ja sehr gut. Pi mal Daumen dürften die
Einkommen dann in einer Spanne von etwa 0,6 bis 1,6 schwanken.

Bei 900 € Armutsgrenze wäre das korrespondierende Maximalgehalt dann
knapp unter 2500 €. Das wäre dann die Schwankungsbreite von Putzfrau
bis Chefarzt. Ob das als Motivation ausreicht? 
Man könnte ja mal unsere Nationalelf fragen, ob sie für diesen Betrag
spielen würden. Es kann auch mal jeder sein eigenes Gehalt  mit den
2500€ vergleichen und überlegen, ob er sich für den verbleibenden
Betrag ein weiteres Bein ausreißen möchte. 
Ich nehme also an, dass es nach Beseitigung der Armut genau so viel
oder sogar mehr Unzufriedene geben wird. Was wäre dann also gewonnen?


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